Das erwartet die Wirtschaft

Archiv
Das erwartet die Wirtschaft

MANFRED WEBER, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken:

"Der Bundeskanzler muss ein klares Signal für Reformen setzen, die unmittelbar in Angriff genommen werden. Zaghafte Versuche wie bei der Riester-Rente oder dem Hartz-Konzept reichen nicht mehr aus. Der dramatische Anstieg der Arbeitslosigkeit und die düsteren Konjunkturprognosen lassen keinen Zweifel daran, dass jetzt höchste Zeit zum Handeln ist. Regierung und Opposition müssen unter Beweis stellen, dass sie zu mutigen Reformen fähig sind, damit Deutschland in Europa und international nicht weiter zurückfällt."

ULRICH RAMM Chefvolkswirt der Commerzbank:

"Im fünften Jahr seiner Amtszeit muss der Kanzler erkennen, dass weder ein "Weiter so" noch das Warten auf den Konsens der Tarifvertragsparteien oder das Auffinden des Steins der Weisen durch Sachverständige Deutschlands wirtschaftliche Probleme lösen werden. Nur entschlossenes Handeln kann dies bewirken. Jede Politik für mehr Wachstum und Beschäftigung muss bei den öffentlichen Finanzen und beim Arbeitsmarkt ansetzen. In der Finanzpolitik heißt das: Senkung der sehr hohen Staatsquote. Wenn der Staat nur 5 % seiner Ausgaben einsparte, wäre Raum für Steuersenkungen von über 50 Mrd. Euro. Mit einer breiteren Bemessungsgrundlage sind deutlich niedrigere Steuersätze möglich. Am Arbeitsmarkt müssen die Regeln so gestaltet werden, dass mehr Menschen Beschäftigung finden. Nicht die Arbeitslosenunterstützung, sondern der Arbeitsplatz muss im Mittelpunkt politischer Anstrengungen stehen. Zentral ist hierbei die Flexibilisierung des Flächentarifvertrags, die es Unternehmen erlaubt, bei ernsten Schwierigkeiten befristet und dem Betrage nach begrenzt unter Tarif zu zahlen. Mit solchen Reformen wären 3 % Wachstum pro Jahr und mittelfristig fünf Millionen neue Arbeitsplätze erreichbar. Hoffentlich reicht auch der politische Mut."

WOLFGANG FRANZ, Geschäftsführer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):

"Ich hoffe auf die glaubwürdig Ankündigung durchgreifender Reformen. Der Bundeskanzler kann in diesem Zusammenhang auch deutlich auf die Verantwortung der Tarifvertragsparteien hinweisen. Es geht nicht an, dass der Staat als Reparaturbetrieb für lohnpolitisches Fehlverhalten in die Pflicht genommen wird. Wichtig ist nun eine umfassende Reform der Systeme der sozialen Sicherung. Dabei sollte der Kanzler auch den Niedriglohnbereich ansprechen und klarstellen, dass künftig nicht mehr - wie derzeit - bei arbeitslosen, aber arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängern die Arbeitsaufnahme bestraft und das Nichtstun belohnt wird. Bei der Blockadehaltung einiger führender Gewerkschaftsfunktionäre sehe ich hier wenig Chancen. Vielleicht sollte der Bundeskanzler eine kleine Anleihe bei der "eisernen Lady" nehmen."

HANS-WERNER SINN, Präsident des Ifo-Instituts:

"Ich hoffe, dass sich der Kanzler endlich von den sozialen Bremsern in seiner Partei und bei den Gewerkschaften löst. Schafft er dies nicht, ist er verloren. Ich erwarte Vorschläge für Reformen, die den Marktkräften zum Durchbruch verhelfen. Am wichtigsten ist die Reform von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Beide müssen so umstrukturiert werden, dass nur noch ganz wenig Geld fließt, wenn Erwerbsfähige nichts tun, dafür aber umso mehr, wenn sie arbeiten. Die effektive Lohnuntergrenze, die in diesen Hilfen angelegt ist, muss fallen. Sonst wird es nie gelingen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Realistische Vorschläge dafür liegen auf dem Tisch, aber sie unterscheiden sich erheblich von dem, was man aus der Regierung hört. Ich habe den Eindruck, dass der Kanzler wieder Tritt gefasst hat - vor allem Wolfgang Clement hatte offenbar einen nützlichen Einfluss auf ihn. Der Kanzler sollte jetzt die große Koalition praktizieren und an sein Land denken - die CDU ebenfalls. Wir haben keine Zeit mehr für Parteiengeplänkel."

CARSTEN MASCHMEYER, Vorstandsvorsitzender des AWD:

"Ich wünsche mir, dass der Kanzler die rasche Umsetzung von Reformen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit, Rente und Steuern ankündigt - als einen großen Wurf. Das Leistungs- und Verursacherprinzip sollte wieder stärker gelten. Das bedeutet einerseits Einschnitte ins soziale Netz und andererseits mehr Geld für private Arbeitnehmerhaushalte - durch Einkommensteuersenkungen, steuerfreien Aufbau der Altersversorgung bei nachgelagerter Besteuerung sowie eine stärkere Förderung einer zu entbürokratisierenden Riester-Rente auf Standard-Produkte. Im Gesundheitswesen erwarte ich, dass der Kanzler Ernst macht mit dem Einreißen von Wettbewerbsschranken. Wir brauchen mehr Wettbewerb zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und mehr Wettbewerb unter Ärzten und Apothekern. Versicherte müssen sich von Leistungen der GKV zum Beispiel bei Sportunfällen verabschieden."

JÜRGEN GROSSMANN, geschäftsführender Gesellschafter der Georgsmarienhütte Holding:

"Ich hoffe, dass Schröder der Versuchung widersteht, mit mehr Staat die Krise bewältigen zu wollen. Konjunkturprogramme können nur Strohfeuer sein. Auf Pump lässt sich kein nachhaltiger Aufschwung finanzieren. Was Not tut: Ein präziser Fahrplan für konsequente Taten mit personellen Verantwortlichkeiten und Terminvorgaben. Das Zurückdrehen unproduktiver Beschlüsse wie Erweiterung der Mitbestimmung, Verschärfung des Kündigungsschutzes etc. Das Steuersystem muss umgebaut werden. Im Sozialsystem sind wesentliche Einschnitte notwendig. Den Versicherten muss gesagt werden: Höhere Risiken erfordern mehr Eigenbeteiligung."

WERNER MARNETTE, Vorstand Norddeutsche Affinerie:

"Das größte Problem ist fehlendes Wirtschaftswachstum, der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit und die Gefahr, noch mehr Arbeitsplätze zu verlieren. Besonders kontraproduktiv wirken sich verschlechterte politische Rahmenbedingungen, wie die zu hohe Staatsquote aus. Die völlig verfehlte Energiepolitik führt dazu, dass im Umweltschutz führende Unternehmen massive Wettbewerbsnachteile erleiden. Wir brauchen einen Masterplan für einen Turn-around. Auf ideologisch-ökologisch motivierte Fehlentwicklungen muss verzichtet werden. Fazit: weniger Staat, weniger Regulierungen, mehr Anreize!"

HELMUT WERNER, Aufsichtsratsvorsitzender MG Technologies:

"Deutschland ist ein großartiges Land - nur leider in ein Schlagloch gelaufen. Nun ist die Schaffung ganzheitlicher Strukturen gefragt, in der Wirtschafts-, Sozial- und Steuerpolitik. Außerdem brauchen wir mehr Effizienz in der öffentlichen Ver- waltung und die Orientierung des Arbeitsmarktes am Wettbewerb und nicht an den Gewerkschaften. Zudem benötigen wir eine Verbesserung der Ausbildung."

MENNO HARMS, Vorsitzender Geschäftsführer bei Hewlett Deutschland: -Packard

"Wir erwarten mehr Verantwortung und weniger Verwaltung. Das heißt: Klare Antworten auf die seit Jahren gestellten Reformfragen zum Arbeits- und Tarifrecht, zur Sozialpolitik und zur Bildung. Aber auch ein Aufbruchsignal für Wirtschaft und Gesellschaft, das die Eigeninitiative in den Vordergrund stellt und nicht den Verteilungsstaat. Außerdem erwarten wir, dass die politischen Voraussetzungen geschaffen werden, um unternehmerische Verantwortung zu belohnen und nicht mehr wie bisher Fremdverwaltung zu fördern."

DIETER KURZ, Vorstandssprecher Carl Zeiss:

"Als Hochtechnologiekonzern erhoffen wir uns vom Bundeskanzler ein deutliches Umsteuern bei dem Thema Forschungs- und Technologieförderung. Zurzeit lenkt die Bundesregierung einen Großteil der finanziellen Mittel für Forschung und Technologie in andere Bereiche um. Aus unserer Sicht ein kurzsichtiger und falscher Weg. Deutschland muss im Gegenteil stärker in Zukunftstechnologien investieren, wenn es mittel- und langfristig wettbewerbsfähig bleiben will. Carl Zeiss hat traditionell den Schwerpunkt seiner Wertschöpfung in Deutschland gehalten, zwei Drittel unserer Mitarbeiter arbeiten in diesem Land. Die geltenden überregulierten Beschäftigungsbedingungen, die Steuerquoten und die steigenden Kosten der Sozialversicherungssysteme belasten unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit enorm. Auch hier erwarten wir von Kanzler Schröder eine deutliche Kurskorrektur, andernfalls ist der Standort Deutschland langfristig nicht zu sichern."

KARL-ERIWAN HAUB, Vorstand der Unternehmensgruppe Tengelmann:

"Von der Rede des Bundeskanzlers wünsche ich mir, dass sie fünf Leitgedanken in den Vordergrund stellt. Erstens: Die Eingriffe des Staates in die Wirtschaft müssen deutlich reduziert werden. Zweitens: An die Stelle des uneingeschränkten Wohlfahrtsstaats muss erheblich mehr Eigenverantwortung treten. Drittens: Deutschland ist im Augenblick ein Sanierungsfall. Deshalb sind zahlreiche Leistungen der öffentlichen Hand zu streichen. Viertens: Statt einer Politshow muss der Bundeskanzler den Deutschen offen sagen, dass die Probleme hausgemacht sind. Und fünftens: Die Rede sollte die traditionellen deutschen Tugenden Arbeit, Fleiß, Disziplin und Ordnung in den Mittelpunkt stellen."

WOLFGANG GRUPP, Trigema-Chef:

"Es wird derzeit viel über Kündigungsschutz gesprochen und dass der Bundeskanzler sich über die Gewerkschaften hinwegsetzen muss. Das ist für mich nicht wichtig. Entscheidend ist für mich, dass der Bundeskanzler dafür sorgt, dass die Verantwortung wieder in unsere Gesellschaft zurückkommt. Unternehmer und Arbeitnehmer, aber auch alle Bundesbürger müssen für ihr Tun wieder persönlich haften. Das geht nur über den Geldbeutel. Bei 4,7 Millionen Arbeitslosen sollten Unternehmer, die eine lohnintensive Fertigung in Deutschland halten, steuerlich begünstigt werden. Den gleichen Vorteil sollen auch Unternehmer bekommen, die persönlich mit ihrem Vermögen haften. Auch bei der Gesundheitsreform muss stärker persönliche Verantwortung zum Tragen kommen. Arbeitnehmer, die krank werden, sollen Abschläge bei der Lohnfortzahlung hinnehmen. Nur über mehr persönliche Verantwortung fassen die Verbraucher wieder Vertrauen."

MICHAEL TRÄM, Zentraleuropa-Geschäftsführer von A.T. Kearney:

"Aus Sicht der Unternehmen geht es in der derzeitigen Situation vor allem darum, den unerträglichen Reformstau so schnell es nur geht aufzulösen. Allem voran behindern zurzeit noch immer zu viele Steuern und Abgaben die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland. Was auch immer der Kanzler am Freitag ankündigen wird, entscheidend ist doch, dass er klar macht, dass die längst bekannten Themen nun endlich auch angepackt und in Taten umgesetzt werden."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%