Das Familienunternehmen Bohle wandelte sich vom Exporteur zum Importeur
Mit einer Nischenstrategie zum europäischen Marktführer

Dem Firmensitz mit modernen Logistikzentrum in Reichshof-Wehnrath sieht man nicht an, dass es sich bei der Ralf Bohle GmbH um ein fast einhundert Jahre altes Familienunternehmen handelt. Ernst-Wilhelm Bohle gründete in den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit einem Geschäftspartner den Fahrradhersteller Philips.

HB REICHSHOF. 1922 gründeten Eugen und Willy Bohle zudem ein Exportunternehmen zum weltweiten Vertrieb von Fahrradkomponenten deutscher und europäischer Hersteller. 1955 trat Ralf Bohle ins Unternehmen seines Vaters Eugen ein. Und erst seit Anfang dieses Jahrhunderts leitet Frank Bohle (42) die Geschicke des Familienunternehmens aus dem Sauerland. Bekannt wurde das Unternehmen, das bis dahin eigentlich nur Brancheninsidern ein Begriff war, erst mit dem Markennamen "Schwalbe".

Und das kam so: Nach der Ölkrise Anfang der siebziger Jahre musste Ralf Bohle umdenken. Statt des Exports deutscher Komponenten erfolgte nun der Import aus Fernost für deutsche Fahrradhersteller. Die über Jahrzehnte gewachsenen guten Auslandskontakte halfen dem Traditionsunternehmen. Ralf Bohle suchte einen besseren Produzenten und fand in Korea den Swallow-Reifen (Schwalbe). Der deutsche Mittelständler lagerte seine Produktion zu einer Zeit aus, als Outsourcing in Deutschland für die meisten noch ein Fremdwort war. Joint-Venture- und Produktionspartner ist die koreanische Hung Ltd., -A ebenfalls ein Familienunternehmen. Der Name Schwalbe beflügelte den Erfolg des deutschen Mittelständlers. Mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent sieht sich Schwalbe bei Fahrradreifen inzwischen als Marktführer in Europa. Im langjährigen Rückblick sieht Frank Bohle die Entscheidung seines Vaters im Jahr 1973 daher als die wichtigste in der Firmengeschichte an. Damals bestand die Firma noch aus sieben Leuten.

"Als Nischenanbieter", so erklärt Frank Bohle heute, "haben wir uns voll und ganz auf Fahrrad- und Rollstuhlreifen konzentriert." Und sich somit gegen die übermächtige Konkurrenz wie Continental, Metzeler oder Vredestein behauptet. Dass es sich dabei keineswegs nur um ein eingeschränktes Angebot handelt, zeigt die Palette von rund 1 700 Produkten. Irgendwann wurde auch die Produktion in Korea zu teuer und Swallow/Schwalbe wichen nach Indonesien aus, wo am Stadtrand von Jakarta inzwischen 1 750 Mitarbeiter die Schwalbe-Reifen herstellen. 130 Mitarbeiter in Europa (davon 80 am Firmensitz in Reichshof) sorgen für das Geschäft - von der Forschung und Entwicklung, vom Marketing, der Logistik bis zu den üblichen Verwaltungsaufgaben.

Bis 1995 waren die Verwaltungs- und Lagerstätten der Ralf Bohle GmbH auf rund zehn Stellen rund um Bergneustadt verteilt. 1993 fasste Rolf Bohle, der inzwischen 70-jährige Senior des Familienunternehmens, den Entschluss, am neuen, fast 25 Mill. D-Mark teuren Standort in Reichshof alles zu konzentrieren. Eine weitere weise Entscheidung; denn in den folgenden Jahren steigerte Schwalbe seinen Umsatz kontinuierlich. "Der Jahrhundertsommer bescherte uns 2003 ein außergewöhnliches Umsatzplus", erklärte Frank Bohle die Zahlen. "In diesem Jahr werden wir - nach jetzigen Stand - wohl um die zwei Prozent zulegen." Konkret bedeutete das für 2003 einen Umsatz von 59 Mill. Euro. Rund zehn Mill. Reifen und zwölf Mill. Schläuche - in Jakarta produziert und per Container nach Reichshof geliefert - werden pro Jahr über das Logistikzentrum verteilt.

Wer nicht nur das Ersatzgeschäft betreiben will, muss auch mit Innovationen aufwarten. Seit den achtziger Jahren hat das Radfahren mit dem Mountain-Biking einen Boom erfahren. Bohle erkannte die Entwicklung rechtzeitig und erarbeitete sich 1984 mit Reifen für Mountainbikes einen Marktanteil von 60 Prozent bei den deutschen Erstausrüstern. Seit der Saison 2000 sind auch Profiteams der Rennradler mit Schwalbe-Reifen unterwegs (z.B. das Team Gerolsteiner). Auf der am Wochenende in Köln stattfindenden Internationalen Fahrrad- und Motorradausstellung (Ifma) wartet Schwalbe mit Schlauchreifen auf. "Eigentlich eine alte, dafür aber geniale Idee", schildert Frank Bohle die Innovation. Der Trend hat natürlich auch einen werbewirksamen Namen: Balloonbikes. Statt einer komplizierten Federung federt bereits ein großvolumiger Reifen das komplette Fahrrad ab. Mit 50 oder sogar 60 Millimetern sind die Reifen ungewöhnlich breit und übernehmen mit ihrem mehr als doppelt so großen Luftvolumen die Aufgabe der Federung. Die Fahrradfachhändler, vereinigt im Verbund Selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF), sind Frank Bohle dankbar und zeichnen ihn anlässlich der Ifma mit einem Preis, der "Goldenen Ritzel", aus.

Schon in der ersten Hälfte des alten Jahrhunderts sollten die alten Ballonreifen die schlimmsten Unebenheiten der Straßen und Wege ausgleichen; doch sie waren schwer und träge. Heute können Balloonbike-Reifen dank der modernen Fertigungstechnologie leicht, sicher und zugleich komfortabel rollen.

Ebenfalls eine Innovation, die in den vergangenen Jahren für Aufmerksamkeit sorgte, war der "unplattbare" Reifen, der so konstruiert ist, dass die "täglichen Feinde" des Fahrradfahrers ihren Schrecken weitgehend verloren haben.

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