Das Fußballfieber grassiert unter den arbeitenden Fans
Guck mal, wer da kiekt

Mittwoch 13.30 Uhr: Viele Arbeitgeber sind doch weich geworden und erlauben Mitarbeitern, das WM-Spiel Deutschland - Irland zu sehen. Vom Devisenmarkt Frankfurt bis zur Kantine der Hamburg Mannheimer: - Alle fiebern mit.

DÜSSELDORF. Ibaraki, 20.30 Uhr Ortszeit. Im Stadion werden die Nationalhymnen gespielt, stolz recken Kapitän Oli Kahn und seine zehn Kollegen die Brust ins gleißend helle Flutlicht. In der Heimat, tausende von Kilometern westwärts, ist es jetzt fünf vor halb zwei, für die meisten kurz nach der Mittagspause. Doch Arbeitszeit hin, Arbeitszeit her: Das vorentscheidende Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Irland steht vor dem Anpfiff und keiner will es verpassen.

Auch Jürgen Krumb nicht, obwohl sein Job hochsensibel ist, und normalerweise jede Sekunde vollste Aufmerksamkeit erfordert. Mit wenigen Klicks kann der Devisenhändler der Commerzbank auf seiner Computertastatur Millionen in Bewegung setzen. Doch in diesen Minuten vor dem Anstoß in Ibaraki triumphiert Fußball-Leidenschaft über Börseninstinkt. Gebannt verfolgt Krumb die Szenerie auf einem seiner vier Computerbildschirme. Krumbs Leidenschaft für das runde Leder kommt nicht von ungefähr. In seiner Freizeit dirigiert er das Mittelfeld der SG Dornheim, eines kleinen Frankfurter Vorortvereins. Die WM, die für Deutschland in diesen Tagen zwischen 7.30 und 15 Uhr stattfindet, ist für ihn eigentlich ein Muss.

Zum Glück für den schlacksigen Händler nimmt sich der Devisenmarkt gerade eine Verschnaufpause. "Heute ist es bereits den ganzen Tag extrem ruhig, und gleich wird der Handel ganz tot sein", prophezeit Krumb. "Wenn ein wichtiges WM-Spiel läuft, merkt man das am Markt sofort, die Umsätze gehen deutlich zurück". In der 19. Spielminute ist auf dem Handelsparkett gar nichts mehr ruhig: Zuckerflanke Ballack, Kopfball Klose - 1:0 für Deutschland. "Tor!", brüllt es jetzt nicht nur in Frankfurt sondern auch etliche hundert Kilometer entfernt in Hamburg, bei der Hamburg-Mannheimer (HM) Versicherung. In der Kantine reißen mehr als 600 Mitarbeiter die Arme in die Höhe.

Das hätte Sascha Bisges auch gern getan. Doch der Versicherungsangestellte, der das Spiel weit hinter den Sitzreihen stehend verfolgt, hat noch seinen Nachtisch in der Hand. Seine fußballbegeisterte Kollegin Sina Gronau dagegen ist nicht zu halten: "Das macht gute Laune in der Mittagspause." Bisges und Gronau gehören zu den 2 500 Innendienst-Mitarbeiter, denen die Hamburg-Mannheimer es ermöglicht hat, das Spiel live zu sehen. Dafür hat die Versicherung zwei große Fernseh-Monitore installiert. "Ein bisschen größer hätten die schon sein können", rügt Kantinen-Koch Frank Kühne.



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Auch sonst ist die Umgebung eher nüchtern. Die Mitarbeiter haben sich Tische und Stühle zu kleineren Gruppen zusammen geschoben, statt WM-Poster, Wimpel und Fahnen informieren Stellwände an der holzgetäfelten Wand über neue SAP-Modelle. Bier darf Koch Kühne natürlich auch nicht ausschenken. Ganz anders an der längsten Theke der Welt - der Düsseldorfer Altstadt. "Cola gibt's nicht", raunzt der Kellner und wendet sich vom Gast ab. Im überdachten Hof der Brauerei Uerige, strategisch günstig nahe der Toiletten, schmeckt Fußball nach Altbier. Erst auf Nachfragen gibt es auch Wasser.

Die Bestellung kommt bei Erich, 49, nicht so gut an: "Wenn du Wasser trinken willst, solltest du hier nicht gucken." Erich ist Inhaber von vier Reinigungsfirmen in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt. Für das Deutschland-Spiel hat er sich den Vormittag frei genommen. "Zuerst war ich beim Friseur und dann noch mal auf der Sonnenbank." Mittwochs schließt er aber ohnehin um 13 Uhr. "Ich hab meinen Mitarbeitern in den anderen Filialen gesagt: ?Nach Feierabend sofort die Kasse rausnehmen, die Abrechnung machen wir dann morgen'."

"Die Ziege muss raus, Nöwill muss rein"

Zweite Halbzeit, Rudis Elf lässt sich in die Abwehr zurückdrängen, nur selten tauchen Jancker und Klose noch vor dem irischen Tor auf. Im Uerige kippt die gute Stimmung. "Die Ziege muss raus, Nöwill muss rein", ruft Erich und gestikuliert wild mit der Hand. "War die erste Halbzeit auch schon so ruhig?" fragt Susanne ihren Freund, einen Physiotherapeuten, der sich seine Termine so gelegt hat, dass er das Spiel komplett gucken kann. Sie dagegen konnte erst zur zweiten Halbzeit kommen. Ihr Arbeitgeber, ein US-Unternehmen, wollte die Mittagspause für das Spiel nicht verlängern.

Auch das Gesicht von Commerzbank-Händler Krumb wird mit jeder Minute ein wenig ernster. Sein Arbeitsplatz, einer von 500 im ultramodernen Handelssaal, ist geradezu verschwenderisch mit Elektronik ausgestattet. Fußball kann er immer auf dem Computerbildschirm gucken. Heute, zur Feier des Deutschlandspiels, flimmern über die zwölf großformatigen Videoschirme an der Decke des Handelssaals, statt Börsenkursen die Livebilder vom grünen Rasen in Ibaraki.

Die Macht des Fußballfiebers hat seinen Arbeitgeber offensichtlich kurzfristig ergriffen. Noch tags zuvor hieß es bei der Commerzbank, das Spiel sei nur in der Kantine und in der Lobby zu sehen. Im Handelssaal würde höchstens der eine oder andere auf seinen Bildschirm schauen. "Wir vertrauen unseren Mitarbeitern, dass sie ihre Arbeit ernst nehmen und trotz Fußball sauber erledigen", sagt ein Bank-Sprecher. "Wir ermuntern natürlich niemanden, alle Spiele zu sehen, doch wenn die Leute es hinbekommen, dann dürfen sie wichtige Partien verfolgen."

Die Hamburg-Mannheimer geht offensiver mit der WM um: "Wir wollen die Motivation der Mitarbeiter fördern", erklärt ein Sprecher. Die Übertragungen schadeten auch nicht dem Tagesgeschäft. Allerdings müssten sich die Mitarbeiter an der Zeiterfassung ausstempeln. Ob geduldet oder inszeniert - alles ist besser, als kategorisch die WM am Arbeitsplatz zu verbieten: Glaubt man einer Studie der Unternehmensberatung Mummert + Partner, entstehen den deutschen Großbetrieben wegen unerlaubtem Fehlen ein Schaden von 1 300 Euro pro Mitarbeiter - wenn dieser alle Spiele anschaut. Blau zu machen haben die HM-Mitarbeiter zwar nicht nötig. Doch glücklich sind sie auch nicht, um 15.17 Uhr: Keane versetzt Ramelow und Linke, in der Nachspielzeit gleicht Irland aus. Bitter. Wütend und mit bedrücktem Schweigen eilen die Hamburg-Manheimer zu den Ausgängen.

Auch Erich in Düsseldorf ist ruhig geworden, nachdem er während der zweiten Spielzeit am liebsten die halbe Mannschaft ausgewechselt hätte ("Rudi, nimm den Stolper-Jancker raus!"). Das nächste Spiel wird er in seinem Laden verfolgen. Die HM-Mitarbeiter dagegen treffen sich am Dienstag zu Deutschland - Kamerun wieder in der Kantine. Koch Kühne hofft: "Hoffentlich spielen wir dann besser."



Quelle: Handelsblatt

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