Das ganze Land im Otto-Taumel
Von Altenessen nach Athen

Otto Rehhagel will mit den Griechen heute im EM-Halbfinale Tschechien schlagen. Doch der Aufstieg des 65-Jährigen ist schon jetzt eine Karriere, die ihresgleichen sucht - und noch lang nicht am Ende ist.

PORTO. Nach dem Abpfiff wird aus dem Fußballtrainer Otto Rehhagel ein Staatsmann, der das große Wort ergreift. In den seligsten Momenten schließt er die Augen, und dann sieht es aus, als genieße er es, sich selbst zuzuhören.

Selige Momente hat es für den Trainer der griechischen Nationalelf, die heute im EM-Halbfinale gegen Tschechien spielt (20.45 Uhr), zuletzt einige gegeben. Nach dem 2:1 gegen Gastgeber Portugal sagte Rehhagel: "Morgen ist Sonntag. Ich hoffe, alle Griechen hängen Fahnen aus dem Fenster und freuen sich über diesen grandiosen Sieg." Nach dem 1:1 gegen Spanien sagte er: "Was mir heute missfällt, sind die schwarzen Tornetze. Sie sind ein Trauerspiel. Die Leute wollen die Bälle ins Tor rauschen sehen." Und nach dem 1:0 gegen Frankreich: "Diese Nachricht geht um die Welt. Die Menschen in New York und Tokio werden aufhorchen."

Rehhagel meint das ernst. Er ist 65 - und kann es einfach nicht fassen: dass er, der Bergarbeitersohn aus Essen, es so weit gebracht hat, dass er Helmut Kohl duzen darf und sich mit Künstlern umgibt. Kurz nach seiner Entlassung in Kaiserslautern hat Rehhagel über sein Leben ohne Fußball berichtet: "Wir waren mit Placido Domingo essen. War das herrlich, mit unserem alten Freund in Manhattan. Wir waren in einer Woche dreimal in der Met."

Aus solchen Sätzen spricht der Emporkömmling, der immer allen erzählt, was er erreicht hat und wen er kennt. Rehhagel, der nur die Volksschule besucht und eine Anstreicherlehre gemacht hat, gibt gern den Bildungsbürger: Er zitiert Schiller, Goethe und die Bibel, liest Rilke und hatte in seiner Zeit beim FC Bayern ein Klingelschild mit dem Namen Rubens. "Vom Malermeister zum Meistermaler", höhnte daraufhin eine Münchner Zeitung.

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