Das Geschäftsgeheimnis liegt in der Lohnveredelung
Handgenäht für das Internet

Eine kleine Schuhfabrik in Ungarn beweist, dass klassische Manufaktur und E-Commerce durchaus zusammenpassen.

Schuhe sind sein Lebensinhalt. Liebevoll betrachtet Jozsef Falk eine achtzig Jahre alte Nähmaschine aus dem Hause Pfaff, mit der hin und wieder noch Lederstiefel gefertigt werden. Der Schuhmacher stammt aus einer Familie von Donauschwaben, die im 19. Jahrhundert in Ungarn angesiedelt wurde. Leider, berichtet er, habe man ihm nach dem Zweiten Weltkrieg auf der ungarischen Schule nur zwei Jahre lang erlaubt, Deutsch zu lernen. Später hat Falk in verschiedenen staatlichen Unternehmen gearbeitet.

Heute ist er Geschäftsführer der privaten Schuhfabrik LD jagd Cipögyarto Kft im südungarischen Städtchen Bonyhad, etwa fünfzig Kilometer von der Grenze zu Kroatien entfernt. Überwiegend in Handarbeit produzieren hier gut fünfzig Mitarbeiter hochwertige, rahmengenähte Herrenschuhe sowie Wanderschuhe der Marken "Sandor Kiss" und "Watzmann", im Schnitt 150 Paar pro Tag. Automatisierte Produktionsabläufe, meint Falk, ließen sich bei der Herstellung der fußgerechten, langlebigen Qualitätsschuhe nur bedingt verwirklichen - doch immerhin hat er jetzt erste computergesteuerte Nähmaschinen bestellt.

Das "Primasens von Ungarn"

Bonyhad gilt als das "Pirmasens von Ungarn", und das fiel auch einem deutschen E-Commerce-Startup auf: Seit genau einem Jahr hält die Frankfurter Firma Shoes 24 die Hälfte der Anteile der LD jagd, verbunden mit der Option auf die gesamte Übernahme. Shoes 24 hat sich auf E-Commerce spezialisiert und vertreibt neben den Produkten aus Ungarn auch Modelle unter anderem der Marken "Lloyd", "Manz", "Pierre Cardin" oder "Mercedes" per Internet für Preise von 80 bis 590 DM.

Jozsef Falk nennt die Kooperation mit den Frankfurtern einen richtigen Schritt. "Sie haben Geld und sie kennen den Markt." Früher sei es gerade im Sommer häufig schwierig gewesen, hochwertige Herrenschuhe abzusetzen. Doch den Investoren sei Dank: Mit dem aktuellen Auftrag von Shoes 24, der etwa 13 000 Paare umfasst, ist die Manufaktur bis Ende Oktober ausgelastet.

Das Projekt scheint gut zu laufen, jedenfalls überlegen die Chefs der Frankfurter Firma, Stefan Keuter und Jens-Uwe Hahn, in Bonyhad sogar eine weitere Fabrikhalle zu errichten.

Rückgabequote geringer als kalkuliert

Konsequent hatte Falk in der Vergangenheit alle Anfragen anderer ausländischer Investoren - etwa aus Österreich - abgelehnt, die bei ihm billige, geklebte Sommerschuhe in Auftrag geben wollten. Erst bei dem Angebot des Internet-Händlers wurde er schwach, enthielt er doch die Möglichkeit, weiterhin höherwertige Schuhe zu produzieren.

Doch funktioniert es überhaupt, gutes Schuhwerk per Mausklick ohne Anprobe zu bestellen und zu kaufen? Keuter und Hahn beteuern, die Rückgabequote sei geringer als im Geschäftsplan einkalkuliert. Sollten die verschickten Schuhe nicht passen, sorgt das Unternehmen für Ersatz und übernimmt die Zusatzkosten. Damit es dazu aber möglichst nicht kommt, liefert die Homepage von Shoes 24 eine detaillierte Anleitung, um die exakten Schuhgröße zu ermitteln.

Das Geschäftsgeheimnis der Kooperation zwischen Deutschland und Ungarn, zwischen E-Commerce und Manufaktur, liegt in der Lohnveredelung. Die Beschäftigten bei der LD jagd verdienen im Durchschnitt 60 000 Forint im Monat, knapp 440 DM. Für das Partnerunternehmen aus Frankfurt ergibt sich damit ein Anschaffungspreis von 60 bis 70 DM je Paar zuzüglich der Materialkosten - deutlich weniger als bei der Fertigung in Deutschland.

Ende September fiel im Internet der Startschuss

Für die Manufaktur bedeutet die Kooperation einen kleinen Schritt in den Welthandel: Den Einkauf des Leders vor allem aus Deutschland, Spanien und England organisiert Shoes 24. Die Preise für einen Quadratmeter Kalbs- und Rindsleder liegen zur Zeit bei 60 bis 70 DM, für Pferdeleder bei 500 DM. Für einen Schuh werden zwischen 0,22 und 0,25 Quadratmeter verbraucht.

So genau das Unternehmen über solcherlei Details berichtet, so unkonkret bleiben indes die Angaben über die Geschäftsentwicklung. Immerhin, so begründet es Geschäftsführer Hahn, habe sein im Februar 2000 gegründetes Unternehmen erst im vergangenen September mit dem Internet-Geschäft begonnen.

Doch die Pläne sind allen Zweiflern zum Trotz optimistisch: Nach einem Umsatz von 200 000 DM im vierten Quartal 2000 wolle man in diesem Jahr auf mehrere Millionen kommen. Bislang liege das Unternehmen im Plan, versichert Hahn. So ganz mag sich das Management dabei auf das Web nicht verlassen: Shoes 24 beliefert auch Einzelhandelsketten und exklusive Boutiquen - etwa in der Berliner Innenstadt - auf dem herkömmlichen Vertriebsweg. Rund 20 % der Umsätze kommen laut Hahn per Internet herein, den Rest erwirtschaften die Frankfurter im Vertrieb an Handelsketten und stationäre Handelspartner.

Vor wenigen Wochen erst ist Shoes 24 mit der Eröffnung eines "Sandor- Kiss-Mono-Stores" in der Maastrichter Altstadt auch in den stationären Handel eingestiegen. Vorerst soll es die einzige eigene reale Filiale bleiben. Aber auch hier setzen die Frankfurter auf digitale Technik: Im Geschäft steht ein Fußscanner, der es den Kunden erleichtern soll, ihre exakten Fußdaten zu messen und bei künftigen Online-Käufen unmittelbar parat zu haben.

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