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Das Gewissen des HSV steht im Tor

Martin Pieckenhagen ist die moralische Instanz des Hamburger SV. Wenn der Torwart Tacheles redet, geht es um Berufsehre, Verantwortung, Leistungsbreitschaft und Selbstkritik.

dpa HAMBURG. Martin Pieckenhagen ist die moralische Instanz des Hamburger SV. Wenn der Torwart Tacheles redet, geht es um Berufsehre, Verantwortung, Leistungsbreitschaft und Selbstkritik.

Zuletzt hatte er mit seiner Brandrede nach der 0:2-Heimpleite gegen Arminia Bielefeld, der die Entlassung von Coach Klaus Toppmöller folgte, für Aufsehen gesorgt. Die Mannschaft habe den Trainer rausgeschmissen, ihm Woche für Woche "in den Arsch getreten", zürnte der Torwart und bekannte: "Viele sind mit sich zufrieden, das ist das Problem."

Mit seiner schonungslosen Kritik macht sich der gebürtige Berliner nicht nur Freunde. "Wir müssen ja nicht alle miteinander Freund sein. Aber wir wollen gemeinsam Erfolg haben, deshalb müssen wir ein gemeinsames Ziel verfolgen", sagt der 32-Jährige. "Wenn es nicht läuft, muss sich jeder an die eigene Nase fassen und nicht die Schuld dem anderen zuschieben."

Pieckenhagen nimmt sich und andere in die Pflicht. Das imponiert Trainern und Vorstand. "Martin füllt in der Mannschaft eine Rolle aus, die kein anderer übernehmen kann", versichert Sportchef Dietmar Beiersdorfer. "Er ist so etwas wie der Wächter über Werte und Tugenden." Der gelernte Elektronik-Facharbeiter, der für den MSV Duisburg, Hansa Rostock und den HSV bereits 200 Bundesliga-Spiele bestritten hat, verteidigt aber genauso engagiert die Mannschaft, wenn er sie zu Unrecht attackiert sieht. So geschehen nach dem Sieg bei Borussia Dortmund, als er in der DSF-Live-Sendung "Doppelpass" anrief und sich gegen Vorwürfe verwahrte.

Dabei hatten Beobachter bis vor kurzem noch den Eindruck, der offensive und kritische Pieckenhagen hat sich nach seiner langwierigen Knieverletzung in der vergangenen Saison größere Zurückhaltung auferlegt. Neun Monate war er wegen eines Kreuzbandrisses zum Zuschauen gezwungen. In dieser Zeit sei der Druck des Alltags von ihm abgefallen. "Vor meinem Kreuzbandriss war ich sehr verbissen", meint er. Jetzt dagegen sei er "sehr viel freundlicher und entspannter". Zu seinem neuen Selbstverständnis beigetragen hat auch seine im September geborene Tochter Leni.

Seit Saisonbeginn ist Pieckenhagen wieder die Nummer eins zwischen den HSV-Pfosten. Sein sechs Jahre jüngerer Rivale Stefan Wächter, der ihn während der langen Zwangspause vertrat, sitzt ihm aber im Nacken. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass "Piecke" auch nach Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer beim HSV bleibt. "Martin hat der Mannschaft in den vergangenen Wochen seinen Wert gezeigt", sagt Sportchef Beiersdorfer, was sich wie ein neues Vertragsangebot anhört.

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