Das härteste Rennen der Welt
Rastlose Ruhe vor dem Sturm

Nach dem Gewinn der härtesten Etappe des Rennens um die Welt hat die Mannschaft der Illbruck nun eine Woche Pause. Doch die nächsten Aufgaben warten: Zunächst die gefürchtete Regatta Sydney-Hobart und im nächsten Jahr als Krönung die Teilnahme am America?s Cup.

SYDNEY. Am Wochenende wollen sie Segeln gehen. Ausgerechnet. Als ob ihnen nichts anderes einfiele nach gut drei Wochen auf See im Südpolarmeer. Aber die Crew der deutschen Yacht Illbruck ist schließlich nicht zum Spaß nach Sydney gekommen.

6 550 Seemeilen (12 130 Kilometer) lang war die zweite Etappe, die diese Woche vor dem wie Segel aufragenden berühmten Opernhaus zu Ende gegangen war. Nach dem Start in Kapstadt fast untergegangen, weil in der Bugsektion ein Leck aufgetreten war, hatte die Crew von Skipper John Kostecki im Ziel mehr als eine Stunde Vorsprung vor der schwedischen Yacht SEB und eine weitere knappe Dreiviertelstunde vor der australischen News Corp gehabt. Eine Yacht ist übrigens immer noch nicht angekommen. Die Frauencrew auf der Amer Sports Two (Italien) wird erst morgen erwartet. Dann wird sie vielleicht von der Illbruck vor der Hafeneinfahrt begrüßt werden, die dort schon für die nächste Etappe übt.

Das Teilstück von Südafrika nach Australien war zwar nicht das längste des Rennens rund um die Welt, das über insgesamt 32 700 Seemeilen führt, gilt aber als das härteste. Bitterkalte Temperaturen von Luft und Wasser müssen ertragen werden, gewaltige Wellenberge gilt es zu bewältigen. Die Illbruck war mit den extremen Bedingungen am besten zurechtgekommen und fuhr nach dem Auftakterfolg von Southampton nach Kapstadt bereits den zweiten Erfolg ein.

Die Illbruck-Crew gehörte denn auch bei der Ankunft in der Olympiastadt des Vorjahres zu den weniger lädierten Mannschaften. Die an Bord vernähte Stirnplatzwunde des zweiten Vorschiffmanns Stu Bettany war schon fast wieder verheilt. Und Prellungen sowie Zerrungen sind natürlich als Sieger besser zu ertragen.

Mehrere Segler anderer Teams dagegen brachen sich Rippen, vor allem unter Deck bei den seltenen Ruhepausen. Zu den Opfern gehörte auch Navigator Ross Field von der News Corp, den es allerdings auf Deck erwischte: Beim Steuern wurde er von einer auf ihn stürzenden Welle erfasst und gegen die Steuerplattform geschleudert. Er brach sich dabei zwei Rippen. Anschließend musste er starke Schmerzmittel schlucken, die wiederum sein Magen nicht vertrug, der sich pausenlos schmerzvoll entleerte. Und alles unter Deck, wo es laut Field so angenehm ist wie in einer "Waschmaschine im Schleudergang". Der erfahrene Hochseesegler hat noch nie so viele Lädierte gesehen wie diesmal: "Bei allen Crews gibt es Verletzte." Der Neuseeländer führt den hohen Krankenstand auf den härter gewordenen Konkurrenzkampf zurück. Alle Segler wurden in Sydney von Rennarzt Timo Malinen untersucht, einige mussten ins Krankenhaus.

Bis zum 26. Dezember haben die Mannschaften nun Zeit, sich zu erholen. Die Illbruck-Truppe hat ab Montag wenigstens eine ganze Woche frei, zuvor sollen aber noch einmal Tests gemacht werden, um mögliche Modifikationen an Boot und Segeln vorzunehmen. Insgesamt dürfen auf der gesamten Regatta, die im Juni 2002 in Kiel enden wird, 38 Segel verwendet werden.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag fällt der Startschuss zur nächsten Etappe vor Hunderttausenden von Zuschauern. Die Ocean-Race-Yachten nehmen dann nämlich an der berühmten Hochseeregatta Sydney-Hobart teil, deren Start zum Weihnachtsprogramm der Sydneysider gehört wie Weihnachtsbaum und Strandbesuch. Jeder Aussichtspunkt im Traumhafen Sydneys wird dann zum Picknickplatz, mehrere Tausend Zuschauerboote begleiten die rund 80 Rennteilnehmer, ein Dutzend Hubschrauber sorgen für Luftaufnahmen. In Hobart auf Tasmanien legen die Ocean-Racer allerdings nur eine halbstündige Pause ein, bevor sie in Richtung des eigentlichen Etappenziels Auckland weitersegeln.

Die größte Stadt Neuseelands ist für das Illbruck-Team und die Segelwelt allgemein aber nicht nur eine Durchgangsstation. Dort steht der heilige Gral des Hochseesegelns, den sie selbst eines Tages erringen will, der America?s Cup. Im Herbst kommenden Jahres wird die Mannschaft als erstes deutsches Konsortium überhaupt versuchen, die älteste Trophäe des Sports zu gewinnen. Schon jetzt ist dort eine Basis im Yachthafen angekauft worden, versieht ein Meteorologe seinen Auftrag im Dienst der Illbruck-Mannschaft. Und das, obwohl dem Team und seinem Boss, Unternehmer Michael Illbruck, klar ist, dass man erst im Jahr 2006 ein ernsthafter Anwärter auf die berühmte von Queen Victoria gestiftete Silberkanne aus dem Jahr 1851 sein wird, die seit 1995 im Besitz der Neuseeländer ist. Um beim America?s Cup für Deutschland starten zu dürfen, haben auch sämtliche Crewmitglieder ihre offiziellen ersten Wohnsitze in Deutschland, obwohl nur ein einziger deutscher Staatsbürger ist.

Für Tony Kolb, seit vier Jahren bei Illbruck als Segelmacher und Bootsbauer dabei, ist Sydney-Hobart ein Reizwort. "Das muss ich nicht haben", sagt der in Hamburg lebende Bayer. Die stürmischen Gegenwinde machen das Rennen schwierig, 1998 fiel fast die Hälfte der Flotte einem Orkan mit Wellen bis zu 15 Metern zum Opfer. Sechs Segler kamen ums Leben, über ein Dutzend wurde in letzter Sekunde gerettet. Aber bis es für die Segler wieder losgeht, ist erst mal Erholung angesagt. Die meisten haben sie dringend nötig.

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