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Das hässliche Gesicht der brasilianischen Politik

Severino Calvacanti, 74 Jahre alt, symbolisiert so ziemlich alles, was die Brasilianer an ihren Politikern derzeit verabscheuen: Korrupt, kleinkariert, ungebildet - und hässlich obendrein ist er. Bis letzte Woche war Severino Präsident des Abgeordnetenhauses.

Severino Calvacanti, 74 Jahre alt, symbolisiert so ziemlich alles, was die Brasilianer an ihren Politikern derzeit verabscheuen: Korrupt, kleinkariert, ungebildet - und hässlich obendrein ist er. Bis letzte Woche war Severino Präsident des Abgeordnetenhauses. Immerhin der wichtigste politische Posten nach Präsident und Vize in Brasilien. Nach nur knapp einem halben Jahr im Amt trat er zurück, um zu verhindern, dass gegen ihm der Prozess wegen Korruption gemacht wird. Der Betreiber der Restaurants im Kongress konnte nachweisen, dass Severino von ihm ein monatliches Schmiergeld von rund 3500 Euro verlangt hatte, damit er seine Lizenz behalten konnte. Auch die Zahlungen wollte Severino anfangs noch seinem vor drei Jahren verstorbenen Sohn in die Schuhe schieben.

Severino war Anfang des Jahres nur durch Zufall ins Amt gekommen: Die regierende Arbeiterpartei konnte sich nicht auf einen Kandidaten einigen. Die Opposition reagierte schnell und hievte den unbekannten Severino ins Amt, der unter den Militärs groß wurde. Bekannt war er nur für einen Wahlprogrammpunkt: Die Erhöhung der Abgeordnetendiäten um 70 Prozent - die er in seiner zweiten Woche im Amt auch direkt umsetzen wollte. Ansonsten besetzte er alle die ihm zustehenden 41 Berater- und Assistenten-Posten mit Verwandten, erhielt von der Regierung Lula so wichtige Ministerposten für Vertraute, wie den für Stadtentwicklung. Severino verstand sich als Vertreter des sogenannten "niedrigen Klerus", also der Hinterbänkler, die von allen Regierungen ignoriert werden und nur bei knappen Stimmverhältnissen politisch wichtig werden. Er redete schlechtes Portugiesisch, erklärte Stimmenkauf und Parteiwechsel gegen Bares zur "üblichen" politischen Prax is. Weil er so frank und frei über Korruption und das Geschacher um Posten und Budgets in Brasilia plauderte, hielten ihn einige seriöse politische Experten bereits für einen neuen Vertreter der politischen Klasse: Nüchtern, ohne Pathos, ein Brasilianer aus dem Volk.

Wochenlang weigerte er sich zurück zu treten. Als die Beweislast zu drückend wurde, entschied er sich zum Rücktritt - um nicht seine politischen Rechte zu verlieren und bei den Abgeordneten-Wahlen im nächsten Jahr wieder antreten zu können. Das Geschacher um seine Nachfolger hat wieder eingesetzt. Dabei wurde bekannt, welche Privilegien und Macht der Präsident des brasilianischen Abgeordnetenhauses genießt - seine parlamentarischen Amtskollegen in Europa können da nur staunen: Ein Provinzpolitiker wie Severino kontrollierte ein Budget in Höhe von 900 Millionen Euro, ein Etat so hoch wie das der Ministerien für Äußeres, Kultur, Tourismus und Umwelt zusammen. Zwei Drittel davon sind Ausgaben für Personal und fließen direkt an die 513 Abgeordneten. Severino residiert in einer riesigen Dienstvilla, direkt auf der vornehmen Ministerinsel am See in Brasilia. Dort werden ihm zwölf feste Hausangestellte gestellt. Daneben Fahrer, Dienstwagen sowie eine ständige Eskorte von Fahrzeugen und Motorrädern mit Sicherheitsbeamten. Eine 24-Stunden-Dienstbereitschaft der Militärs betreut ihn, wenn er in der Hauptstadt weil. Ein Jet steht bereit, ihn ohne Anmeldung zu jedem gewünschten Ziel zu fliegen. Sein Gehalt - das lässt sich auch nach hartnäckiger Suche im Internet nicht finden, aber wenn schon ein normaler Abgeordneter im Monat 25.000 Euro erhält, plus vier Freiflüge in seine Heimatstadt .....


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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