Das Handy hilft bei der Diagnose und sorgt für schnelle Hilfe
Mobiler Notruf für Herzkranke mit dem Handy

Die Telemedizin wird mobil. Herzpatienten können bei akuten Beschwerden Hilfe per Handy anfordern. Das Mobiltelefon verbindet nicht nur direkt zum Kardiologen - es kann ein EKG aufzeichnen und ermöglicht so eine Ferndiagnose. Bei Notfällen wird umgehend der Rettungsdienst gerufen.

HB ESSEN. Kardiologen beraten Anrufer mit akuten Herzproblemen. In dringenden Fällen können sie den Betroffenen per Global Positioning System (GPS) auf 15 Meter genau orten und dafür sorgen, dass rasch Hilfe geschickt wird - sofern sie nicht per Ferndiagnose Entwarnung geben.

Ein Spezialhandy des finnischen Herstellers Benefon verbindet den Nutzer direkt mit einem Herzspezialisten im Magdeburger Call-Center. Zur Diagnose kann dieser den Anrufer bitten, den schwarzen Schutzdeckel auf der Handy-Rückseite zu entfernen und die vier dort eingelassenen Elektroden auf den Brustkorb zu pressen. Auf Knopfdruck erstellt das Handy dann ein EKG, das dem Spezialisten in Sekundenschnelle übermittelt wird. Erfordert das Ergebnis des EKG rasches Handeln, informiert der Arzt den in der Region zuständigen Rettungsdienst.

Schnell für die richtige Hilfe zu sorgen - das ist das Ziel des Herz-Handy-Dienstes, sagt der Erfinder des Gerätes, Stefan Sack, Kardiologe und Sportmediziner in Essen. Denn Herzerkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursache. Neben 70 000 Fällen von plötzlichem Herztod gibt es pro Jahr 300 000 Infarkte. Viele Betroffene sterben, weil der Arzt zu spät informiert wird.

Das Herz-Handy kostet in der Apotheke oder im medizinischen Fachhandel rund 1 500 DM. "Nach dem Heilmittelgesetz ist es ein Gerät der medizinischen Versorgung und kann deshalb nicht überall verkauft werden", sagt Sack. Der zusätzliche Vertrag mit Vitaphone kostet 99 DM pro Monat.

Neben der raschen Diagnose bietet die EKG-Funktion laut Sack einen weiteren Vorteil. "Bei vielen Patienten, die von kurzfristig auftretenden Rhythmusänderungen oder Schmerzen beunruhigt sind, zeigt ein späteres EKG keine Auffälligkeiten", so die Erfahrung des Herz-Experten. "Kaum hat der Patient die Praxis verlassen, sind die Beschwerden aber wieder da." Um das zu vermeiden, kann er überall selbst ein EKG aufzeichnen. Bis zu drei Messungen mit insgesamt 40 Minuten Dauer speichert das Gerät. Sie werden von Vitaphone auch an den Hausarzt weitergegeben. In Funklöchern könne es Probleme mit der Verbindung geben, räumt Sack ein. Die GPS-Ortung funktioniere aber trotzdem.

Bereits 1999 ging Vitaphone an den Start - auch mit Kapital des SAP-Mitgründers Hans-Werner Hector. Inzwischen haben 52 Länder, darunter die Schweiz, Holland und Griechenland, Interesse an der Übernahme des Systems gezeigt. Gute Chancen rechnet sich der Herz-Experte Sack vor allem auf dem US-Markt aus.

Neben dem Herz-Handy sind weitere Geräte geplant. Zur Computermesse Cebit im kommenden Frühjahr will Vitaphone den Prototyp eines Mobiltelefons für Diabetiker vorstellen, das den Blutzucker misst und die Daten übermittelt. Laut Sack könnten Geräte folgen, die beispielsweise Blutdruckwerte übertragen.

Vitaphone ergänzt mit seinem Dienst das bestehende Angebot für akut gefährdete Herzkranke. Seit fast zehn Jahren stattet etwa das Berliner Herzzentrum seine Patienten nach Herztransplantationen mit einem System namens Imeg aus. "Das erspart ihnen eine regelmäßige belastende Gewebeentnahme, mit der wir frühzeitig Abstoßungsreaktionen feststellen können", sagt die Sprecherin des Herzzentrums, Barbara Nickolaus. Eine auf die Brust gesetzte Spule erfasst sechs verschiedene EKG-Kurven, die weltweit von jedem Telefon aus nach Berlin übermittelt werden können.

Das Herz-Handy von Vitaphone kann nach Ansicht von Nickolaus vor allem in ärztlich nicht so gut versorgten Regionen mehr Sicherheit bringen. "Vom Grundsatz her sind solche Systeme sicherlich tauglich", sagt auch der Vorsitzende des Bundesverbandes niedergelassener Kardiologen, Frank Sonntag. Er selbst hat an Untersuchungen mit einem so genannten Event-Rekorder teilgenommen, mit dem Herzrhythmus-Werte an eine Zentrale übertragen wurden. Allerdings gebe es bislang keine Erfahrungen darüber, ob immer richtig gemessen wurde.

Auch der Münchener Kardiologe Prof. Sigmund Silber hält das Herz-Handy für "eine wichtige diagnostische Maßnahme". Er befürchtet jedoch, dass sich die teure Technik in Deutschland nur langsam durchsetzen wird.

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