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Das Harry-Potter-Fieber grassiert

Seit heute sind auch Deutschlands Kinos Pilgerstätten für Millionen Harry-Potter-Fans. Schon in der Nacht, genau ab 0.01 Uhr, flimmerten die Abenteuer des Zauberschülers erstmals über die Leinwände der deutschen Lichtspielhäuser. Doch das Filmvergnügen ist nicht ungetrübt. Harry gerät hier und da zwischen die politischen Fronten.

So nutzte noch am Dienstag, also zwei Tage vor der Deutschland-Premiere des Films, der CSU-Hinterbänkler Benno Zierer die Gunst der Stunde für den Sprung aus dem tiefen Schattendasein in das gleißende Licht der Seite 1 des wichtigsten deutschen "BILDungsmediums", indem er eine Verschiebung des Kinostarts forderte. "Am besten wäre es, den Film in Deutschland nicht zu zeigen, bis wir wissen, welche Auswirkungen er in anderen Ländern hat", diktierte er Reportern in den Block. Für Sechsjährige sei "so viel Okkultismus gefährlich", betonte der CSU-Politiker. Sie seien "religiös nicht gefestigt und glauben alles, was sie sehen". Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) müsse einschreiten. Die CDU-Abgeordnete Ingrid Fischbach sah die gleiche Chance und sprach sich dafür aus, den Film zum Thema in der Bundestags-Kinderkommission machen.

Dabei ist der Streit um den gesellschaftspolitischen Wert der Romanfigur nicht neu. Schon die allgemein für ihre Kreativität gelobten Bücher, die eine regelrechte "Harrymania" auslösten, waren einigen fundamentalistischen Kritikern ein Dorn im Auge. Vor allem in den USA gehen konservative Christen auf die Barrikaden gegen die "heidnischen" Geschichten des Waisenkindes Harry Potter, der die Zauberschule besucht und seine Künste gegen den bösen Lord Voldemort einsetzt. In den USA haben einige Bibliotheken in der Vergangenheit darauf reagiert und Harry-Potter-Bücher aus dem Bestand verbannt. Auch britische Spielwarenkaufhäuser nahmen die Erfolgsromane aus dem Sortiment.

Der kleine Zauberlehrling mit dem strubbeligen Haar ein böser Teufelsverehrer? Eingefleischte Harry-Fans winken amüsiert ab. Sie haben derweil nämlich ganz andere Sorgen. Sie ärgern sich über den Werbevertrag, den die Produktionsfirma mit dem Getränkeriesen Coca Cola abgeschlossen hat. "Der Harry-Potter-Kult", meint Michael Jacobson vom "Zentrum für Wissenschaft im öffentlichen Interesse" in Washington, "wurde in ein Verkaufsinstrument für flüssige Süßigkeiten verwandelt!" Weil sie aber dagegen sind, dass Kinder mit Süßkram voll gestopft werden - und Coca Cola sei nun einmal einer der Hauptverführer - ziehen sie multimedial gegen diesen Deal Felde. Auf der Internetseite mit dem schönen Titel "Rettet Harry" werden Flugblätter bereit gestellt, per E-Mail lässt sich von der Homepage aus mit dem eigenen Absender versehen ein Muster-Protestbrief an Harry-Erschafferin J.K. Rowling schicken, und auch Werbebanner zur Einbindung auf diversen Web-Sites lassen sich dort herunter laden.

Der außenstehende Betrachter nimmt diese Art von Rummel um den kleinen Zauberschüler eher kopfschüttelnd zur Kenntnis. Und auch die Produktionsfirma Warner Brothers wird sich amüsieren. Zwar braucht man keine Zauberkugel, um vorherzusagen, dass Harry Potter ein Kassenschlager wird. Doch große Schlagzeilen dürften den Geldregen nur verstärken, den der Film dem Unternehmen bescheren wird. Das widerum wird beim Finanzchef von Warner Brothers für erhöhte Temperatur sorgen. Denn der wird mächtig ins Schwitzen kommen bei dem Versuch, möglichst viel des satten Gewinns vor dem Fiskus in den Bilanzen zu verstecken.

Das Harry-Potter-Fieber hat eben viele Gesichter.


Schreiben Sie dem Autor: m.renner@vhb.de

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
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