Das interaktive Fernsehen hat es schwer in Deutschland
Hoffnung auf Absatzkick durch Digital-TV

Georg Lütteke von Philips bringt es auf den Punkt: "Wer MHP besitzt, kann alle Programme und alle Dienste mit nur einer Box benutzen." Hinter den drei Buchstaben verbirgt sich die "Multimedia Home Platform", ein Standard, der dem digitalen Fernsehen in Deutschland endlich zum Durchbruch verhelfen soll. Der Startschuss für MHP fällt auf der Ifa in Berlin.

HB DÜSSELDORF. Noch lahmt hier zu Lande die Umstellung auf Digitaltechnik, obwohl sie eigentlich allen Seiten Vorteile bringt: Sender sparen Kosten, weil auf dem Platz eines analogen Programms vier bis sechs Sender ausgestrahlt werden könnten. Zuschauer erhalten eine größere Programmvielfalt und bessere Qualität von Bild und Ton. Und die Gerätehersteller können endlich mehr als nur den Bedarf, kaputte Fernseher zu ersetzen, befriedigen. Doch da in Deutschland über Kabel und Satellit eine mehr als üppige Senderzahl frei empfangbar ist, hat es das digitale Fernsehen schwer.

Allerdings gibt es bereits jene 2,3 Prozent der Fernsehzuschauer, die durch ein Premiere-World-Abonnement zu einer D-Box gekommen sind. Auch dieser Empfänger entspricht der in Europa entwickelten Norm für digitales Fernsehen. Das Problem ist nur: Wer die D-Box benutzt, kann die Zusatzangebote etwa der ARD oder von RTL nicht nutzen, mit denen diese Sender ihre digitalen Angebote aufgepeppt haben. Wer ein Empfangsgerät besitzt, das den ARD-Code erkennt, konnte beispielsweise bei den Olympia-Übertragungen aus Sydney Zusatzinformationen der ARD-Sportredaktion abrufen. Er kann bei "Verstehen Sie Spaß?" über spezielle Quizfragen mitspielen oder beim "Tatort" den Mörder erraten.

Als gemeinsamer Standard für alle Sender bietet sich jetzt MHP an, weil die Entwicklung auf einer allgemein gültigen Programmiersprache beruht. MHP soll sich damit zum Betriebssystem für interaktives Fernsehen schlechthin entwickeln.

Auf dieser Basis können Anwendungen programmiert werden, die mit analogem Fernsehen nicht möglich sind. Das umfasst Dienste wie E-Mail, das Herunterladen von Spielen, die Verbindung zum Internet und natürlich Home-Shopping. Auch das Ansehen einzelner Sendungen gegen Gebühr (Pay-per-View) wird möglich - ein Modell, an dem speziell Fußballvereine Interesse haben, die damit ihre Spiele selbst vermarkten könnten. Spielfilme könnte man sich auf eine eingebaute Festplatte laden und müsste sie nur dann bezahlen, wenn man sie auch wirklich sieht (Video-on-Demand). Dank solcher Möglichkeiten soll ein Markt entstehen, auf dem nicht wie heute bei Premiere World ein Anbieter Technik und Inhalte bestimmt.

Zur Funkausstellung startet MHP mit rund zehn Angeboten, unter anderem mit einem E-Mail- und SMS-Service bei RTL. Beim ZDF wird der Kinder-Klassiker "1, 2 oder 3" durch ein interaktives Maskottchen angereichert, das den kleinen Zuschauern das Mitspielen erlaubt - wenn ihre Eltern denn schon einen MHP-Empfänger zu Hause hätten.

An einem Sony-Fernseher können Zuschauer, die sich künftig nicht mehr nur aufs Schauen beschränken wollen, mit einer Tastatur auf dem Schirm ihren Text für eine SMS-Mitteilung eingeben und an ein Handy schicken. Sony will dieses Gerät im Oktober für rund 7 000 Mark ausliefern. Damit wären die Japaner der erste Anbieter kompletter MHP-Fernseher. Andere Firmen sehen MHP zuerst in digitalen Sat-Empfängern, so etwa Panasonic. Dort will man noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft ein MHP-taugliches Empfangsgerät auf den Markt bringen. Philips und Grundig werden etwas langsamer sein, beide kündigen MHP für Anfang 2002 an. Trotz aller Konkurrenz haben alle Beteiligten etwas gemeinsam. Sie geben sich betont optimistisch. "Bei so viel Einigkeit und Engagement von Sendern wie Herstellern muss MHP ein Erfolg werden", glaubt etwa Sony-Manager Jochen Weymer.

Zwei Probleme bleiben freilich ungelöst. Zunächst: die Verbreitung im Kabelnetz. Denn nur dann, wenn die Besitzer der TV-Netze die digitalen Signale unverändert durchschleifen, lassen sich die Zusatzdienste auch dort realisieren. Es könnte aber gut sein, dass die Kabelbetreiber mit solchen Angeboten selbst ihre Geschäfte machen wollen.

Und dann wäre da noch die Frage der Akzeptanz. Bei aller Gewissheit, dass nur der Zusatznutzen dem digitalen Fernsehen zum Erfolg verhelfen wird, weiß man noch nicht, welche Dienste die Zuschauer wirklich annehmen werden. Lothar Kerestedjian, verantwortlich für Digital-TV bei Panasonic, gibt zu: "Man wird es einfach ausprobieren müssen." Die Ifa dient da als willkommener Massentest.

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