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Das Interview im Wortlaut: "Schamlose Verniedlichungen"

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland äußert sich im Handelsblatt-Gespräch zum Terror in Israel und Palästina und den Auswirkungen auf das jüdische Leben in Deutschland.

HB: Der Bundeskanzler hat vorgeschlagen, eine Friedenstruppe unter deutscher Beteiligung nach Israel zu schicken. Sollen deutsche Soldaten mit Waffen auf israelische Bürger aufpassen?

Spiegel: Sie sind sich darüber im Klaren, dass ich nicht der israelische Botschafter bin. Fragen Sie doch bitte ihn.

HB:Aber das Problem diskutieren doch auch Sie ...

Spiegel: Eine Beteiligung deutscher Soldaten an einer eventuellen Friedenstruppe in Israel ist völlig indiskutabel. Abgesehen davon, dass ich mir zurzeit überhaupt keine Uno-Friedenstruppe vorstellen kann, die den Namen verdient. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Uno-Soldaten vor jeder Pizzeria in Tel Aviv oder in Haifa oder Jerusalem stehen oder vor jedem Café oder Restaurant und Theater. Außerdem sollten sich die Rufer nach Uno-Truppen an die Erfahrungen der Uno-Friedenstruppen in Gaza und Sharm el-Sheik zwischen 1957 und 1967 erinnern. Nachdem Kairo damals verkündet hatte, dass die Existenz Israels bereits zu lange währe, zogen die Uno-Truppen kampflos ab, und die arabischen Armeen bereiteten ihre Offensive vor. Ein israelischer Präventivschlag und der folgende Sechs-Tage-Krieg garantierten die Sicherheit Israels. Aber bestimmt nicht die Uno.

HB: Wie erklären Sie sich, dass ein solcher Vorschlag heute gemacht wird?

Spiegel: Ich denke, jeder verantwortungsbewusste Politiker macht sich Gedanken um den Frieden im Nahen Osten. Warum Schröder das gesagt hat und warum er etwas anderes nicht gesagt hat, das bitte ich Sie, den Bundeskanzler selbst zu fragen.

HB: Erfüllt es Sie mit Genugtuung, dass Schröders Vorschlag in der Presse eher als Schnapsidee bezeichnet wurde?

Spiegel: In diesen Tagen ist es leicht, Ideen und Vorschläge zu zerreden. Zweifellos hielt auch ich diese Idee für nicht besonders gelungen, um es freundlich auszudrücken. Aber der Kanzler hat, wie ich gehört habe, seine Äußerungen relativiert.

HB: Das heißt, in diesem Fall hat die Presse mal auf der richtigen Seite gestanden. Das tut sie Ihrer Meinung nach ja ziemlich selten ...

Spiegel: In der Tat bin ich der Auffassung, dass die Berichterstattung zum großen Teil einseitig und unvollständig ist. Nehmen Sie zum Beispiel die Berichte von Kontrollen palästinensischer Krankenwagen. Die Medien und das Rote Kreuz schrien Skandal. Nicht erwähnt wurde, dass diese Krankenwagen bereits mehrfach für Selbstmordanschläge oder Sprengstoffschmuggel benutzt wurden. Oder nehmen Sie die Berichterstattung über die Demonstration palästinensischer Sympathisanten in Berlin. Kaum einer erwähnte, dass Kinder mit Sprengstoffattrappen durch die Straßen getragen wurden. Die Vorenthaltung solcher wesentlichen Fakten ist unverantwortlich. Es wird darauf verzichtet, den Blick auf Ursachen zu werfen, die zu der Situation geführt haben.

HB: Worin sehen Sie die Ursache?

Spiegel: Es gibt eine Reihe von Umständen auf beiden Seiten, die zur jetzigen Situation geführt haben. Allerdings glaube ich, dass in Deutschland bei vielen die notwendige Sensibilität und das wirkliche Verständnis gegenüber Israel fehlen. Kritik an der israelischen Regie-rung kann hilfreich wirken, aber sie muss fundiert sein. Das Gegenteil erleben wir, wenn wir Äußerungen von Politikern hören, die sich als Friedensprediger gerieren. Leider höre ich von diesen Politikern nichts, wenn fast täglich in Israel Zivilisten von Selbstmordattentätern umgebracht werden. Ich habe neulich gelesen, man sei in Israel nervös. Das ist eine schamlose und gemeine Verniedlichung der Situation. Es herrscht pure Angst.

HB: Meinen Sie mit Politikern Herrn Möllemann und Herrn Blüm?

Spiegel: Ja. Aber es gibt noch andere, die sich zum Teil sehr verwunden ausdrücken, aber im Kern das Gleiche meinen. Dabei erwarte ich besonders von deutschen Politikern, dass sie sich ihrer Verantwortung für die differenzierte Bewertung des Konflikts und vor allem für die Garantie der Existenzberechtigung Israels bewusst sind. Die Entstehung des Staates Israel auf den Reißbrettern der Uno steht auch in einem direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Deutschland zwischen 1933 und 45. Das heißt auf keinen Fall, dass Kritik an den Taten von Regierungen in Israel in den letzten vierzig Jahren ein Sakrileg ist.

HB: Erwarteten Sie klarere Worte von deutschen Regierungspolitikern?

Spiegel: Die Äußerungen der Entwicklungshilfeministerin waren ebenfalls fragwürdig, aber ich habe über das hinaus, was ich schon gesagt habe, keinen Anlass zu Kritik an der Mehrzahl der Mitglieder der Koalitionsregierung, auch nicht an Repräsentanten der CDU/CSU. Aber es gibt in allen Parteien Einzelstimmen, die sehr fragwürdig sind.

HB: Es gibt auch Intellektuelle, die Kritik an Israel anmelden, zum Beispiel der israelische Dirigent an der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim.

Spiegel: Die Kritik an Israel ist zulässig. Das sind die Spielregeln der Demokratie. Aber sie ist für mich nur bedingt nachvollziehbar. Sie können von mir nicht erwarten, dass ich Kritik eher akzeptiere, wenn sie von anerkannten und hervorragenden Künstlern wie Herrn Barenboim stammt. Das ist für sich genommen noch keine Referenz.

HB: Erschwert die Situation in Nahost Ihre Aufgabe in Deutschland?

Spiegel: Das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland wird, besonders durch die vorherrschende unsachliche Kritik in Deutschland, die sich immer häufiger auch gegen Juden hier zu Lande richtet, bis in seine Grundfeste erschüttert.

HB: Trägt der Nahostkrieg zu einer Art Entschuldungsdebatte bei? Nach dem Motto: Wer so massiv gegen Palästinenser vorgeht, darf nicht immer wieder den Holocaust anführen?

Spiegel: Das belegen meine Erfahrungen immer häufiger. Wenn ich Ihnen die Briefe zeigen würde, die ich täglich erhalte, wüssten Sie, was ich meine.

HB: Fürchten Sie, dass durch die Bilder von israelischen Panzern im Westjordanland der latente Antisemitismus in Deutschland neu auflebt?

Spiegel: Das ist nicht von der Hand zu weisen. Dabei geht es mir und vielen anderen meiner Freunde und Kollegen genau so wie Ihnen: Wenn ich diese Bilder von toten Menschen sehe, denke ich, jeder Tote ist ein Toter zu viel - unabhängig, ob er Muslim oder Christ oder Jude oder überhaupt nicht gläubig ist.

HB: Die Bilder sind es also, die den Antisemitismus schüren?

Spiegel: Ja, zweifelsohne. Die Berichte von brennenden Synagogen in Frankreich, Belgien und anderen Orten Europas belegen dies. Auch in Deutschland hat es bereits konkrete Übergriffe gegen Juden auf offener Straße gegeben. Welches Motiv - wenn nicht Antisemitismus - sollte sonst hinter solchen Angriffen stecken? Die Jüdischen Gemeinden oder die Personen, die betroffen sind, haben nichts mit der konkreten Situation in den Autonomiegebieten zu tun. Trotzdem sind sie Ziel des Terrors.

HB: Reichen die Schutzmaßnahmen in Deutschland aus?

Spiegel: Ich bete inständig, dass ich nie in die Situation versetzt werde, um festzustellen, ob sie ausgereicht haben oder nicht.

HB: Halten Sie einen Frieden für möglich, ohne dass es einen unabhängigen Palästinenserstaat gibt?

Spiegel: Nein, es muss einen Palästinenserstaat geben. Darüber gibt es auch in Israel keine Diskussionen. Dieser Palästinenserstaat hätte schon viel früher existieren können, wenn Arafat es gewollt hätte. Wenn er überzeugende Taten vollbracht hätte, wenn er den Terror gestoppt hätte. Ich komme mir schon vor wie ein Uhrwerk, wenn ich immer wiederhole: Der Terror muss beendet werden. Es muss einen eigenen palästinensischen Staat geben. Dort muss eine menschenwürdige Umgebung geschaffen werden, in der jene Palästinenser, die seit Jahrzehnten in Lagern hausen, leben können. Ich frage mich, warum diese Menschen überhaupt noch in Lagern leben müssen, warum die arabischen Nachbarstaaten ihnen nicht zu helfen bereit sind, warum sie ihre Kinder aufwachsen lassen mit Hass und mit dem Erfolg, dass diese Kinder bereit sind, sich selbst in die Luft zu sprengen. Das Motiv, warum die Menschen in diesen schrecklichen Slums wohnen müssen, ist doch, Hass zu züchten. Diese Saat geht seit einigen Monaten in einer schrecklichen Art und Weise auf.

HB: Welche Rolle können Deutschland und die EU dabei spielen?

Spiegel: Der Schlüssel für Verhandlungen liegt weiter in den USA, aber unter Mithilfe der EU und auch Deutschlands. Ich muss an dieser Stelle auch sagen, dass der Vorschlag Scharons, eine internationale Friedenskonferenz einzuberufen, zu wenig publiziert wurde.

HB: Aber es gab ja bereits eine internationale Konferenz, deren Appelle Scharon nicht befolgt hat.

Spiegel: Die Reaktion der israelischen Regierung muss im Kontext der geschichtlichen Erfahrung gesehen werden. Frühere Zusicherungen wurden gegenüber Israel nicht eingehalten. Das Misstrauen ist groß. Herr Scharon hat gesagt, wir werden uns zurückziehen, sobald wir davon überzeugt sind, dass die terroristischen Strukturen nicht mehr existieren.

HB: Rechnen Sie mit Frieden in diesem Jahr?

Spiegel: Ich will nicht sagen, ich rechne damit, aber ich will die Hoffnung nicht verlieren. Auch die Menschen in Israel hoffen. Es gibt in Israel keinen sehnsüchtigeren Wunsch in der Bevölkerung als den nach Frieden.

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