"Das Irak-Problem ist zweitrangig"
Exklusiv-Interview mit dem König von Jordanien

Das Handelsblatt sprach exklusiv mit Jordaniens König Abdullah II. über den Irak-Konflikt, die Nahost-Krise und seinen für heute geplanten Besuch in Deutschland.

Sie müssen Deutschland sehr mögen, sonst würden Sie uns nicht zum dritten Mal in drei Jahren besuchen.

Deutschland ist für uns der wichtigste Partner in Europa. Ein Ziel ist es, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern weiter zu entwickeln. Aber es ist klar, dass angesichts der Lage im Nahen Osten auch über politischen Fragen gesprochen wird. Dabei haben beide Regierungen sehr ähnliche Ansichten.

Gilt diese Übereinstimmung auch für die Irak-Frage, in der sich die Bundesregierung klar gegen ein militärisches Vorgehen ausgesprochen hat?

Ja. In der internationalen Gemeinschaft wollen alle, die guten Willens sind, eine friedliche Lösung. Und Deutschland hat seine Position sehr klar gemacht. Ich kann nur sagen: Ein Land, das sagt: Hey, lass uns erst einen Dialog versuchen statt die Konfrontation zu suchen, kann nicht auf dem falschen Weg sein.

Glauben Sie, dass ein Krieg überhaupt noch verhindert werden kann?

Die Chance ist heute immerhin besser als vor drei oder vier Wochen. Die Äußerungen der US-Regierung sind ausgewogener geworden. Dennoch erscheint mir die Wahrscheinlichkeit, einen Krieg vermeiden zu können, gering.

Schlägt die USA bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus den falschen Weg ein?

Seit dem 11. September herrscht Einigkeit, dass der Extremismus ausgerottet werden muss. Deshalb arbeiten wir beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus zusammen. Das zentrale Thema dabei ist jedoch die Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Nun wird auf ein zweitrangiges Problem, den Irak, abgelenkt. Damit ermutigen wir die Extremisten, weiter Anhänger um sich zu scharen. Dabei gibt es trotz vieler Hürden doch eine positive Entwicklung im Nahostkonflikt: Früher konnte man kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Jetzt hat sich mit George Bush erstmals ein US-Präsident zu dem Ziel bekannt, innerhalb von drei Jahren einen unabhängigen Palästinenserstaat zu erreichen. Das Licht ist da, nun muss intensiv am Tunnel gearbeitet werden.

Wird an der Irak-Frage die Antiterror-Koalition zerbrechen?

Nein, die Koalition wird halten. Denn der Kampf gegen Extremisten ist eine viel größere, viel langfristigere Aufgabe, die uns Jahrzehnte beschäftigen wird.

Halten Sie es für legitim, den Sturz einer Regierung anzustreben?

Die Geschichte und die weltweite Erfahrung hat gezeigt, dass dies nicht akzeptabel ist. Sicher sorgen auch wir uns um Massenvernichtungswaffen. Das ist ein Problem. Aber hier gilt: Wenn wir eine Entwaffnung vom Irak verlangen, muss dasselbe von Israel, Libanon, Syrien, Iran, aber auch Pakistan und Indien gefordert werden. Die Zeiten haben sich geändert. Für Israel war das Argument, Massenvernichtungswaffen zu besitzen, der Schutz des eigenen Landes. Aber die internationale Gemeinschaft hat klar gemacht, dass sie nicht mehr akzeptiert, dass ein Land von anderen erobert wird. Die internationale Gemeinschaft wird auch nie erlauben, dass Israel zerstört wird. Deshalb entfällt der Grund für Massenvernichtungswaffen.

Hätte ein Regimewechsel in Bagdad nicht auch für Jordanien Vorteile - gerade weil man sich mehr Stabilität und einen wirtschaftlichen Aufschwung erhofft?

Je weniger Konfliktherde existieren, desto besser ist dies. Aber ich wiederhole nochmals, dass der Hauptgrund für die Instabilität im Nahen Osten nicht der Irak, sondern der israelisch-palästinensische Konflikt ist. 90 Prozent der Spannungen wären beseitigt, wäre dieses Problem gelöst. Der nahe Osten könnte politisch und wirtschaftlich vorankommen. Für Schurkenstaaten wäre es schwieriger, weiter "schurkig" zu sein, denn sie würden zunehmend isoliert. Zur Zeit profitieren sie davon, dass sie immer wieder auf den Konflikt verweisen können. Und moderate arabische Staaten könnten politische Reformen vorantreiben. Heute dient der Nahostkonflikt doch für viele in unseren Ländern als Ausrede dafür, auf diesem Gebiet nichts zu tun. Dabei müsste inBildung und die soziale Entwicklung der Gesellschaften investiert werden.Vergessen Sie nicht: Die Hälfte der Bevölkerung in Mittleren und Nahen Osten ist jünger als 18 Jahre. Gerade in dieser Gruppe finden Extremisten mit dem Verweis auf den israelisch-palästinensischen Konflikt Zulauf.

Benutzen nicht auch Sie die Spannungen als Vorwand, um Reformen zu vertagen? Die jordanischen Parlamentswahlen sind doch erneut verschoben worden.

Falsch. Wir haben die Wahlen verschoben, weil es Vorwürfe von Manipulationen gab. Ich möchte, dass die ersten Wahlen in meiner Regierungszeit nicht angreifbar sind. Die Wahlen sollen nun im Frühjahr stattfinden. Bis dahin wird eine neue Wähelrkarte eingeführt. Wir haben nun sechs Monate Zeit, um der Bevölkerung deutlich zu machen, wie wichtig die Wahlen sind. Denn bei Umfragen haben 46 Prozent der Befragten angegeben, dass die Abstimmung für sie nicht wichtig sei. Ich würde es begrüßen, wenn bis dahin erreicht werden könnte, dass sich die wenig überschaubare Vielzahl der Parteien reduziert und die Jordanier die Wahl zwischen einigen großen Parteien haben könnten.

Was bedeutet ein Irak-Krieg für das Nachbarland Jordanien?

Der Krieg würde der jordanischen Wirtschaft enorm schaden. Wir sind auf die Ölversorgung aus dem Irak angewiesen. Falls die Versorgung für vier, fünf Monate unterbrochen wird, würde dies sehr teuer. Ein Angriff auf Fabriken im Irak oder die Transportwege würde angesichts des relativ starken bilateralen Handels zudem zu Arbeitslosigkeit und Armut führen. Schon heute wirkt sich die Debatte über Krieg negativ auf die ausländischen Investitionen aus. Dabei hatten wir in den ersten sechs Monaten dieses Jahres einWachstum von 4,6 Prozent zu verzeichnen - und das trotz der Intifada. Das Land befand sich auf gutem Wege. Nun erwarten wir,dass die Zahlen für das 4. Quartal nicht so gut ausfallen.

Erwarten Sie im Falle eines Konfliktes Hilfe des Westens?

Natürlich, aber bisher gibt es nur Versprechungen. Mit den USA und Nachbarländern gab es Gespräche über eine alternative Ölversorgung. Die EU prüft eher generell, wie sie die jordanische Wirtschaft unterstützen könnte. Dies reicht aber nicht. Nötig sind Garantien für die Ölversorgung oder eine finanzielle Entschädigung für die von einem Krieg besonders betroffenen Industriezweige. Wir brauchen mindestens 300 Millionen Dollar, um Jordaniens Wirtschaft im Kriegsfall für drei, vier Monate über die Runden zu bringen. Den Gesamtschaden eines Krieges für unser Land schätzen wir auf weit über eine Milliarde Dollar.

Auch Israel könnte einen Konflikt nutzen könnte, um massenhaft Palästinenser nach Jordanien abzuschieben. Immerhin hat Israels Ministerpräsident Scharon schon mal erklärt, er sehe Jordanien als Heimstätte für alle Palästinenser.

Jordanien hat seine Position bereits sehr deutlich gemacht: Es wird weder aus dem Osten noch aus dem Westen Flüchtlinge aufnehmen. Im Fall Irak arbeiten wir mit dem Roten Kreuz und der Uno zusammen, damit etwaige Flüchtlinge noch an der Grenze versorgt werden. Wir werden auch keinen Exodus der Palästinenser dulden. Mit einer Massenabschiebung würde die rote Linie zur Konfrontation überschritten. Ich glaube aber nicht, dass Scharon seine Idee noch verfolgt. Heute sieht er Jordanien mit anderen Augen, nämlich als Zentrum der Stabilität in der Region.

Auf welcher Seite wird Ihr Land im falle eines Krieges stehen? König

Noch einmal . Wir setzen auf Dialog, weil wir gute Beziehungen zu beiden Ländern haben. Wir nutzen allen Einfluss, um der irakischen Führung klarzumachen, dass die USA es sehr ernst meinen. Irak darf die internationalen Forderungen nicht auf die leichte Schulter nehmen und muss sie erfüllen.

Wird sich Jordanien im Kriegsfall wie 1990 auf die Seite des Iraks stellen?

1990 hatten wir leider eine US-Regierung, die nur zwei Möglichkeiten zuließ: dass man für oder gegen sie ist. Meiner Meinung nach gab es damals auch die Möglichkeit einer friedlichen Lösung, um Irak zum Rückzug aus Kuwait zu bewegen. Wir hatten das Versprechen Saddams zu einem Rückzug bereits eine Woche nach dem irakischen Einmarsch. Aber damals wollte man keine friedliche Lösung, man wollte Krieg. Deshalb zeigte man auch kein Interesse, als Jordanien eine Alternative vorschlug. Im Rückblick kann man debattieren, ob König Hussein damals richtig gehandelt hat - falsch war es jedenfalls nicht. Denn gut 10 Jahre später stehen wir trotz des damaligen Krieges vor demselben Problemen.

Aber nochmals die Frage: Wo wird Jordanien stehen?

Im Moment wird Druck von allen Seiten ausgeübt, um uns zu einer Parteinahme zu drängen. Die Amerikaner hätten vielleicht gerne, dass wir militärischen Einrichtungen oder technische Unterstützung bereitstellen. Aber wir sagen jedem: Mischt Euch nicht in unsere Angelegenheiten ein, drängt uns nicht in eine Position der Konfrontation, die wir nicht wollen. Jordanien hat sich für Dialog und Frieden ausgesprochen. Dies sagen wir auch der irakischen Seite.

Wie läßt sich denn der Besuch von US-General Tommy Franks, Kommandeur der Golftruppen, bei Ihnen erklären? Und was ist von dem geplanten Manöver mit US-Truppen im Süden ihres Landes zu halten? Gilt Ihre Sympathie der USA?

General Franks kam wie viele andere internationale Besucher zu einer Sicherheitsmesse nach Amman. Und an dem seit langem geplanten Manöver nehmen auch mehrere arabische Nationen teil. Schon in der Vergangenheit legte sich die Aufregung immer wieder, wenn die Übungen beendet waren, etwa bei dem Marine-Manöver im Sommer. Dies wird auch diesmal so sein.

Falls es zum Krieg kommt: Wird Jordanien eine Rolle in einer irakischen Nachkriegsordnung spielen? Ihrem Onkel, Prinz Hassan, werden Ambitionen auf den Thron von Bagdad nachgesagt.

Ganz ernsthaft: Macht es Sinn, von außen die Regierung eines anderes Land übernehmen zu wollen? So dachte man vielleicht in den Zeiten des Kalten Krieges. Ich gehöre zur jüngeren Generation. Für mich zeigt sich der Erfolg eines Herrschers, wenn er die Probleme und deren soziale Dimeniosin im eigenen Land versteht und löst. Es ist sehr gefährlich, Mitglieder meiner Familie in den Zusammenhang mit einer irakischen Nachkriegsordnung zu stellen. Ich habe sehr große Vorbehalte gegen eine solche Rolle des haschemitischen Königshauses. Etwas anderes ist es, wenn die Iraker glauben sollten, dass eine Monarchie sie zusammenbringen könnte. Dies muss aber von ihnen ausgehen. Das ist nichts, was wir planen. Wahrscheinlich ist doch, dass nach einem Krieg zunächst ein starkes Militär versuchen müsste, eine Koalition der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zusammenzubringen.

Hätte eine fremde Militäradministration tatsächlich eine Chance?

Es gab einen interessanten Artikel, dass General Franks Chef einer solchen Militäradministration werden könnte. Ich würde dann nicht in seiner Haut stecken wollen. Denn hier sind die Sorgen auch der Bundesregierung doch berechtigt: Der Krieg ist der einfachere Teil bei der Lösung des Irak-Problems. Viel schwerer ist, eine tragfähige Nachkriegsordnung zu finden. Ich habe da noch nichts gehört, was sinnvoll wäre.

Quelle: Handelsblatt

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