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Das Köhler-Interview im Wortlaut

HB: Im April hat der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, dass ein kurzer Irak- Krieg der Weltwirtschaft einen zusätzlichen Schub verleihen würde. Hat sich das bewahrheitet?

Köhler: Das schnelle Ende des Krieges hat die Risiken für eine schlechtere Entwicklung erheblich gemindert. Wir halten daher an unserer Prognose einer allmählichen Erholung der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr fest.

HB: Das heißt, Sie bleiben bei der Vorhersage von 3,2 Prozent?

Köhler: Ja.

HB: Woher sollen die großen Wachstumsimpulse kommen?

Köhler: Die immer noch größte Wahrscheinlichkeit hat eine graduelle Erholung der US-Konjunktur. Wir rechnen auch mit anhaltend robustem Wachstum in Asien - trotz Japan und SARS. Lateinamerika ist vor allem durch die erfreuliche Entwicklung in Brasilien an einem positiven Wendepunkt. Ich räume allerdings ein: Für eine starke Wachstumsdynamik in der Weltwirtschaft gibt es noch keinen bestimmenden Faktor.

HB: Wo sehen Sie diesen zündenden Punkt am ehesten?

Köhler: Es gibt positive Faktoren: Der Ölpreis ist niedriger als in unseren Prognosen angenommen. Dann haben viele Unternehmen - vor allem in den USA - ihre Bilanzstrukturen wesentlich verbessert. Liquidität ist reichlich vorhanden und wartet auf attraktive Investitionsanlagen. Auch sind die Lagerbestände stark abgebaut. Wachstumsimpulse werden auch wieder von neuen Technologien ausgehen - in erster Linie von der Bio-, Informations-, Nano- und Medizintechnologie.

HB: Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. In den beiden letzten Quartalen legte die amerikanische Wirtschaft nur um jeweils magere 1,5 Prozent zu.

Köhler: Richtig, die Lage ist durchwachsen. Insbesondere die Investitionen haben in den USA noch nicht wirklich angezogen. Vorsichtigerweise sollten wir uns darauf einstellen, dass sich die US-Konjunktur noch einige Monate eher schleppend bewegt. Deshalb haben die Amerikaner ja Recht: Europa und Japan müssen aus eigener Kraft stärker wachsen. Man verließ sich hier in der Vergangenheit zu sehr auf die USA und den Export und vernachlässigte das Binnenwachstum. Das ist für mich auch politisch nicht überzeugend. Bei allen großen Reden über den Euro ist die eigentliche Basis europäischer ökonomischer Stärke - der einheitliche Binnenmarkt - immer noch nicht hergestellt. Produkt- und Arbeitsmärkte müssen noch viel mehr liberalisiert werden. Die Europäer bezahlen jetzt durch Wachstumseinbußen für ihre politische Unentschlossenheit, dynamische Marktkräfte zu entfesseln.

HB: Der IWF hat Deutschland als "Hochrisiko-Land" für eine Deflation eingestuft - also jenen Zustand, bei dem sich Preisrückgang und gebremste Nachfrage gegenseitig nach unten schaukeln. Einige Mitglieder der Bundesregierung fühlten sich auf den Schlips getreten.

Köhler: Das ist weiß Gott nicht unsere Absicht. Der IWF muss aber seinen Job machen. Uns bereitet es Sorge - auch wegen der Auswirkungen auf ganz Europa -, dass die deutsche Wirtschaft praktisch seit drei Jahren stagniert und jetzt dem Deflations-Risiko näher ist als dem Inflations-Risiko. Die Bundesregierung kann dabei mit Recht auf Erblasten der Vorgängerregierung hinweisen. Dennoch müssen jetzt Lösungen gefunden werden. Die Situation ist besonders schwierig durch das Dilemma, dass sich eine konjunkturelle Schwäche mit tief greifenden strukturellen Wachstumsproblemen überlagert.

HB: Wie lautet Ihr Rezept?

Köhler: Ich empfehle in dieser Lage, einerseits die so genannten automatischen Stabilisatoren zuzulassen, auch wenn dies das Haushalts- defizit über drei Prozent bringt. Andererseits müssen gleichzeitig (!) nachhaltige Reformen des Arbeits-, Sozial- und Steuersystems auf den Weg gebracht werden. Diese Reformen sollten die strukturellen Haushaltsdefizite mittelfristig auf Null zurückfahren und danach Überschüsse für die langfristige Sicherung der Altersversorgung in Deutschland aufbauen. Ein solcher Kurs sollte durchaus in der Logik des Stabilitäts- und Wachstumspakts liegen. Ich sehe im Prinzip auch Bundeskanzler Gerhard Schröders "Agenda 2010" auf dieser Linie. Aus meiner Sicht gehen die Vorschläge allerdings nicht weit genug.

HB: Wo hakt es?

Köhler: Ich glaube, dass die Finanzierungsprobleme der Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung noch nicht in ihrer vollen Tragweite berücksichtigt wurden. Darüber hinaus erweisen sich zentralistische Lohnabschlüsse immer mehr als Arbeitsplatzvernichter.

HB: In den beiden vergangenen Quartalen schrumpfte das deutsche Wachstum um je 0,2 Prozent. Schlittern wir in eine Rezession?

Köhler: Ich sehe derzeit noch keine Veranlassung, die IWF-Vorhersage von 0,5 Prozent Wachstum für dieses Jahr zu ändern. Ich bin vorsichtig optimistisch über die Konjunkturentwicklung, wenn es dem Bundeskanzler gelingt, sein in der "Agenda 2010" dargelegtes Programm mit unwesentlichen Abstrichen durchzusetzen.

HB: Der Dollar hat innerhalb eines Jahres knapp 30 Prozent seines Wertes gegenüber dem Euro eingebüßt. Setzt sich dieser Trend fort?

Köhler: Die Abwertung beläuft sich handelsgewichtet auf 16 Prozent. Das ist noch im Rahmen und sollte uns mit Blick auf das riesige Leistungsbilanzdefizit der USA nicht überraschen. Es gibt aber einen Punkt, bei dem eine weitere beschleunigte Abwertung des Dollars verlangt, dass sich einige Regierungen und Notenbanken zusammensetzen. Über diesen Punkt werde ich jedoch nicht öffentlich spekulieren.

HB: Was erwarten Sie von dem bevorstehendem G8-Gipfel in Evian?

Köhler: Eine Demonstration verantwortlicher Zusammenarbeit in einer interdependenten Welt. Dies können die Staats- und Regierungschefs im ökonomischen Bereich vor allem mit drei Botschaften erreichen. Erstens: Sie richten ihre jeweiligen Wirtschaftspolitiken kraftvoll auf Wachstum aus. Zweitens: Sie setzen sich jeder persönlich und alle zusammen zum Ziel, die Doha-Welthandelsrunde wie geplant bis 2005 abzuschließen. Drittens sollten sie dabei ihre Märkte für Entwicklungsländer öffnen und Exportsubventionen abbauen.

HB: Sollte die Europäische Zentralbank angesichts der schrumpfenden Inflationsgefahren nicht eine weitere Zinssenkungsrunde einläuten?

Köhler: Ja.

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