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Das komplette Interview mit Derek Abell

Am 31. Oktober soll in Berlin in Anwesenheit des Bundespräsidenten die European School for Management and Technology (ESMT) offiziell aus der Taufe gehoben werden. Die von namhaften deutschen Wirtschafts- und Industrievertretern um den ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzendenden Gerhard Cromme initiierte Projekt, soll einmal die deutsche Antwort auf die Harvard Business School werden.

Doch nicht zuletzt wegen der grotesken Informationspolitik bestehen nach wie vor (vgl. Handelsblatt vom 17.05.2002 "vollmundige Ankündigung") ehebliche Zweifel sowohl an der finanziellen wie auch der konzeptionellen Lebensfähigkeit des ambitionierten Projekts. Nach längerer Suche ist es den ESMT-Gründern nun gelungen, eine namhafte Persönlichkeit der internationalen Business School-Szene als Präsidenten zu gewinnen. Derek F. Abell, derzeit Management-Professor am renommierten International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne sowie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und der Ecole Polytechnique Fédérale (EPF) in Lausanne wird dem deutschen Gründungsdekan Wulff Plinke zur Seite stehen.

In seinem ersten Interview mit der deutschen Presse gibt der Brite Auskunft über seine Ziele.

Professor Abell, mit 64 Jahren blicken Sie auf eine lange Karriere in der Manager-Ausbildung zurück. Sie lehren an drei renommierten akademischen Einrichtungen in der Schweiz. Worin besteht der Spaß, jetzt noch Präsident einer neuen Business School in Deutschland zu werden, die sehr wenig Geld hat, keine Dozenten, und dazu noch auf einem politischen Minenfeld?

Es macht immer Spaß, ein Projekt zu finden, das nahe an seinen persönlichen Interessen liegt und bei dem man denkt, wirklich etwas beitragen zu können. Was das politische Minenfeld anbelangt, kann ich nur sagen: So etwas hat mich noch bekümmert. Manchmal jagen sich Leute, die Minen legen, damit selbst in die Luft.

Sie sind bis 1989 Präsident des IMD-Vorläufers IMEDE gewesen, um dann Ihr Amt an Peter Lorange abtreten zu müssen. Ist dies eine Art später Revanche, und die letzte Chance, doch noch einmal der Boss Ihrer "eigenen" Business School zu sein?

Ihre Frage überrascht mich; sie wäre mir nie in den Sinn gekommen. Übrigens: Ich hatte in den vergangenen Jahren einige andere Angebote, die Leitung einer Business School zu übernehmen, und ich habe sie immer ausgeschlagen, weil ich in ihnen keine neuen Herausforderungen erkennen konnte. Dies ist in Berlin anders.

Mit Professor Wulff Plinke gibt es bereits einen ESMT-Gründungsdekan. Was genau wird da Ihre Rolle als ESMT-Präsident sein? Und welche die seine?

So weit ich weiß, ist Wulff bereit, seine Beurlaubung (von der Berliner Humboldt-Universität) verlängern zu lassen, um weiterhin für die ESMT tätig zu sein. Dies ist eine große Chance für uns, und Sie können sicher sein, dass wir sie zu unserem größten Vorteil nutzen werden. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich habe bislang noch keine genauen Vorstellungen darüber, wie die ESMT organisiert sein wird, aber Wulff wird sicherlich eine größere Rolle spielen, solange er von seiner Universität beurlaubt ist.

Der ThyssenKrupp-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme hat eine sehr aktive Rolle bei der ESMT-Gründung gespielt und man darf davon ausgehen, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Werden Sie nicht zwischen Cromme als Oberaufseher und Geldbeschaffer und Plinke als Dekan für das Tagesgeschäft eingequetscht sein?

Die Leute, die mich kennen, würden Ihnen sicherlich sagen, dass ich in meiner gesamten bisherigen Karriere nie in der Mitte von irgendwelchen Sandwiches geendet habe, und ich gehe auch nicht davon aus, dass das hier passieren wird. Im Gegenteil: Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Dr Cromme, Derek Abell und Wulff Plinke ein ziemlich gutes Team bilden.

Persönliche Beziehungen zu deutschen Unternehmen und deren Vorstandsvorsitzenden werden für den Erfolg der ESMT entscheidend sein. Wie gut sind Ihre eigenen Kontakte zur Deutschland AG?

Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die über den Erfolg der ESMT entscheiden werden, und sicherlich gehören persönliche Beziehungen dazu. Ich bin schon ein paar Jahre in diesem Geschäft und kenne eine ganze Menge Leute, auch in Deutschland. Aber der Vorteil, ein starkes Supervisory Board und ein sehr starkes Foundation Board zu haben, bedeutet, dass es uns nicht an Connections zu den richtigen Leuten fehlen wird. Natürlich ist es wichtig, wen sie kennen, aber genauso wichtig ist, was sie für diese Leute tun können, und da, glaube ich, habe ich ein dickes Plus.

Nur eine Randbemerkung: Ich habe nicht nach diesem Job gestrebt. Es sind die deutschen Unternehmen und ihre Bosse, die die ESMT in's Leben gerufen haben, die auf mich zugekommen sind.

Die ESMT wird - im allerbesten Fall - ein Startkapital von 100 Millionen Euro haben, was nicht mehr hergibt als ein Jahresbudget von ca. 10 Millionen Euro. Das ist ein lächerlicher Betrag angesichts der Ambition der Gründer, aus der ESMT in 5-10 Jahren ein "deutsches Harvard" (Cromme) zu machen. Sehen Sie nicht das Risiko, dass die ESMT schlichtweg nicht die Mittel für solche hochgesteckten Ambitionen hat und - im internationalen Vergleich - als drittklassige Schule enden wird?

Ich glaube, wir müssen Sie in unseren allerersten Kurs in Buchführung und Finanzen stecken! Die 100 Millionen Euro Kapital stehen in unserer Bilanz, und die Zinsen daraus werden zu den Erlösen hinzukommen, die wir erwirtschaften. Ich weiß noch nicht, wie hoch der Prozentsatz dieser Zinserlöse sein wird, wenn die ESMT voll läuft, aber meine Schätzung ist, dass es nicht mehr als 10-20 Prozent sein werden. In der Anfangsphase, da haben Sie Recht, wird es ein größerer Prozentanteil des Budgets sein, aber in dieser Phase werden auch unsere Kosten niedriger sein. Eine meiner Prioritäten in den nächsten Monaten wird es sein, einen steuerlich soliden Business Plan zu schreiben, und zu sehen, wie sich die Kosten-Erlös-Struktur darstellt, wenn wir die die Schule aufbauen.

Die ESMT behauptet stolz, eine Business School mit besonderer Betonung des Europäischen werden zu wollen, was dann "europäisches Paradigma" heißt. Wir haben etwas Schwierigkeiten, das Konzept hinter dieser pompösen Formel zu erkennen. Was ist so europäisch and der ESMT, besonders auch wenn man bedenkt, dass es unter den Gründungsunternehmen kein einziges nicht-deutsches gibt?

Den Fokus auf Europa zu legen, ist sicherlich keine pompöse Idee. Es ist eine Marktnische, die bislang noch nicht ausreichend gefüllt worden ist. IMD und INSEAD haben beide eine weltweite Ausrichtung, während viele andere Business Schools in Europa im Wesentlichen national bleiben. Was die Gründungsunternehmen anbelangt, stimmt es, dass die "Gründerväter" deutsche Unternehmen sind, weil die Schule eben in Deutschland liegt. Ich glaube, dass kein anderer Weg möglich gewesen wäre. Aber ich habe die feste Absicht, die Mitgliedsunternehmen nach und nach zu internationalisieren.

Könnten Sie kurz Ihre ESMT-Vision umreißen, insbesondere auch ihre zukünftige Stellung im europäischen und internationalen Kontext.

Könnte ich, werde ich aber zu diesem Zeitpunkt aus zwei Gründen nicht tun: Zum einen werden wir dies zuerst mit dem Aufsichtsrat in den nächsten Wochen durchgehen, zum anderen ist unser Plan, unsere Vision formell bei der Eröffnung am 31.10. in Berlin zu enthüllen. Sie können aber sicher sein, dass es eine kraftvolle Vision ist, sonst hätte ich den Job nicht übernommen.

Wie lange wird es dauern, bis man die ESMT wirklich mit der Harvard Business School oder INSEAD wird vergleichen können?

Wir werden genau so gut oder besser als Harvard oder INSEAD bei einer gewissen Zahl von Basisdimensionen sein. Und bei anderen Dingen, wo wir planen, in ein anderes Profil zu investieren, werden wir ganz anders sein. Meine Hoffnung und mein Plan ist es, dass die Leute von uns sagen werden: Dies ist eine der großen Business Schools in der Welt, aber sie ist anders als die Truppe der Spitzenschulen in dieser und jener Hinsicht.

IMD-Präsident Peter Lorange erklärte gegenüber dem Handelsblatt, dass er selbst Sie dem ESMT-Mitbegründer Cromme als ESMT-Präsidenten vorgeschlagen habe, und dass er eine enge Zusammenarbeit zwischen IMD und ESMT voraussieht. Sind Sie das Trojanische Pferd von IMD in Berlin?

Wenn ich wirklich das Trojanische Pferd bin, dann stimmt es auch, dass ich wahrscheinlich der einzige Soldat darin bin. Die neue Einrichtung wird mit einer Reihe von anderen kooperieren wird, da wo das Sinn macht, und ich wäre nicht überrascht, wenn IMD eine davon wäre - auf einem gut definierten, begrenzten Terrain. Vergessen Sie nicht, dass wir in einem harten Wettbewerb mit Marktführern wie IMD, INSEAD oder Harvard stehen werden. Deshalb glaube ich, dass die Metapher vom Trojanischen Pfern wirklich daneben liegt.

Noch einmal gefragt: Können wir davon ausgehen, mehr IMD-Professoren als Gastprofessoren oder sogar als Lehrstuhlinhaber in Berlin zu sehen, vor allem auch unter dem Gesichtspunkt, dass die ESMT verzweifelt international renommierte Management-Professoren braucht, und IMD, auf der anderen Seite, nach einer stärkeren Präsenz in Deutschland sucht?

Was Sie über unseren Bedarf an Professoren sagen, ist nicht ganz falsch. Aber ich glaube, wir werden uns kein Bein ausreißen müssen, um gute Leute nach Berlin zu holen. Ganz im Gegenteil: Ich glaube, dass die guten Leute sehen werden, dass dies ein großartiges Projekt ist, und dass viele dabei sein wollen. Mir war nicht bewusst, dass IMD besonders in Deutschland nach einer stärkeren Präsenz in Deutschland sucht. Wir (sic) suchen überall auf der Welt danach. Und wir haben ja auch schon eine ganze Menge deutscher Programmteilnehmer hier am IMD.

Ich glaube, dass der entscheidende Punkt ist, dass Manager-Ausbildung sich in Deutschland in einer Wachstumsphase befindet, und dass es da noch viel zu tun gibt. Und dass erstklassige Schulen wie IMD und die ESMT sich für diesen Markt interessieren, weil er ein großes Wachstumspotential hat Und dass die deutsche Wirtschaft durchaus von hochklassiger Managerausbildung profitieren könnte.

Die Fragen stellte Christoph Mohr

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