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Das komplette Interview mit Wella-Chef Heiner Gürtler

Sie messen sich am Marktführer L`?Oreal. Wann kann Wella denn bei der Umsatzrendite in die heutige Größenordnung der Franzosen vorstoßen?

Gürtler: L?Oreal ist unsere Benchmark. Noch liegen wir mit 8% auf das operative Ergebnis deutlich hinter den Franzosen, die derzeit schon 12% erreichen. Bis 2005 wollen wir jedoch selbst 13% operative Rendite erzielen und damit die heutige Kennziffer von L?Oreal übertreffen. Wir sind bereits im vergangenen Jahr deutlich stärker gewachsen als unsere Wettbewerber und wir sind überzeugt, wir können das auch in Zukunft fortsetzen. Auch im ersten Quartal dieses Jahres werden wir vermutlich dieses Ziel erreicht haben.

Bei der zum Verkauf stehenden Haarpflegemarke Clairol von Bristol-Myers geht Wella leer aus. Auf dem US-Markt ist Wella aber bisher im Einzelhandel nur im Segment für ethnische Verbrauchergruppen eingestiegen. Wann kommt der Durchbruch in den USA?

Gürtler: Wir haben uns schon vor einiger Zeit bei Clairol zurückgezogen. Die Preise waren uns einfach zu hoch und entsprechen unseres Erachtens nicht dem Wert des Unternehmens. Wir würden zwar gerne auch im größten Markt der Welt eine gute Position im Endverbrauchergeschäft aufbauen. Aber wir wollen das nicht um jeden Preis tun. Wir peilen deshalb an, vom kommenden Jahr an mit unseren eigenen Marken auf den US-Markt zu gehen und damit unser Retail-Geschäft in den USA organisch weiterzuentwickeln. UnserVorteil ist, dass Wella in den Vereinigten Staaten bereits durch das Friseurgeschäft bekannt ist. Wir sind also nicht abhängig von einer Akquisition - auch wenn wir natürlich gerne einen Zukauf in den USA tätigen würden.

Führen Sie aktuell Gespräche?

Gürtler: Da gibt es nichts, was ich Ihnen jetzt mitteilen könnte, aber auch in der näheren Zukunft ist da noch nichts sichtbar.

Seit längerer Zeit betont Wella, dass es seine Kosmetiksparte Cosmopolitan Cosmetics für börsenreif hält. Aber konkrete Schritte bleiben aus, obwohl Wella mit den Mitteln aus dem Börsengang seine Expansion finanzieren könnte. Warum zögern Sie?

Gürtler: Das Cosmopolitan börsenreif ist, sehen Sie an den Zahlen. Der Gang an den Aktienmarkt ist deshalb eine Option. Die Sparte entwickelt sich allerdings so gut weiter, dass wir überhaupt nichts verlieren, wenn wir derzeit nicht an die Börse gehen. Ich bin zuversichtlich, dass die hohen Wachstumsraten noch lange aufrechterhalten bleiben. Vielleicht werden wir Cosmopolitan Cosmetics auch erst durch ein Joint venture oder eine Kooperation weiterentwickeln und dann an den Kapitalmarkt bringen.

Wella gehörte im vergangenen Jahr zu den Anleger-Lieblingen und konnte fast rund 80% seit Februar 2000 zulegen. Ist das Papier jetzt nicht sehr hoch bewertet?

Gürtler: Wenn Sie uns mit L?Oreal oder anderen Kosmetikunternehmen bei den Multiples von Umsatz oder vom Ergebnis vergleichen, dann sind wir auch jetzt noch deutlich unterbewertet. Wir sind überzeugt, dass wir noch sehr hohes Potenzial haben. Schließlich wollen wir bis 2005 den Umsatz verdoppelt haben. Da können Sie sich ausrechnen, wieviel Kurspotenzial wir noch haben.

2002 soll in deutschen Aktienindezes nur noch eine Aktiengattung zugelassen sein. Trotzdem hat Wella keine Pläne zur Umstellung auf Stammaktien. Haben Sie keine Angst aus dem Mdax zu fliegen?

Gürtler: Wir liegen in der oberen Hälfte beim Streubesitz unter den Mdax-Unternehmen. Insofern gibt es da keinen Anlass zur Besorgnis, dass wir nicht in dem Index verbleiben könnten. Andererseits sind wir uns natürlich der Thematik bewusst.

Sie planen in diesem Jahr erneut ein Aktienrückkaufprogramm. Wird es eine ähnliche Größenordnung haben wie im vorherigen Jahr, also etwa 300 000?

Gürtler: Wir wollen uns erneut in diesem Jahr ein Aktienrückprogramm genehmigen lassen. Wir wollen die Option erhalten, bis zu 10% der Aktien vom Markt zu nehmen. Ob wir das nutzen werden, hängt davon ab, was sich tun wird. Ebenso wie das vergangene Programm sollen die zurückgekauften Papiere für kleinere Akquisitionen eingesetzt werden.

Wella ist bis heute ein Familienunternehmen. 78% der Stammaktien liegen in den Händen der Familie Ströher. Glauben Sie, dass die Familie bereit wäre, zugunsten der Expansion Wellas die Mehrheit der Anteile abzugeben?

Gürtler: Wir werden Eigenkapital nur zu Akquisitionen einsetzen, wenn wir eine höhere Marktbewertung erhalten. Ich denke, diesen Zeitpunkt werden wir erreichen, wenn sich das Unternehmen so weiterentwickelt. Wenn sich dann eine sehr attraktive Gelegenheit ergeben sollte, die nur über eine Kapitalerhöhung realisiert werden könnte, würde ich nicht ausschließen, dass die Mehrheitsaktionäre sich von ihrer Mehrheit trennen. Zur Zeit steht dies schon wegen der zu niedrigen Bewertung aber nicht zur Diskussion.

Im Profigeschäft mit Friseuren steht Wella gut da. Schwächer ist ihre Position dagegen in der Einzelhandelssparte. Sie haben angekündigt, das Segment mit Zukäufen, Kooperationen und Partnerschaften deutlich auszubauen. Könnten Sie sich auch Beiersdorf oder gar Henkel als Partner vorstellen?

Gürtler: Ausschließen kann ich das nicht. Wenn wir dabei die unternehmerische Führung behalten, wäre so etwas in der fernen Zukunft nicht unmöglich.

Wenn es Ihnen nicht gelingt, im Retail-Geschäft bis 2005 wie angekündigt, die "kritische Masse" zu erreichen, erwägen Sie dann, sich von dem Segment ganz zu trennen?

Gürtler: Nein, das würde ich ausschließen. Trennen macht nicht viel Sinn. Ich bin überzeugt, dass wir auch im Retail-Geschäft aus eigener Kraft stärker als der Markt wachsen und profitabler werden können. Wir sind also nicht angewiesen, auf eine größere Akquisition. Ich kann Ihnen keine Zahlen für das 1. Quartal nennen, aber der Umsatzzuwachs ist deutlich zweistellig.

Wella kommt als Übernahmekandidat für potenzielle Interessenten wie Henkel oder Beiersdorf nicht aus den Schlagzeilen. Fürchten Sie, geschluckt zu werden?

Gürtler: Auf keinen Fall. Wir sind von den deutschen Kosmetikherstellern vom weltweiten Kosmetikumsatz her die größten. Wir sind nicht anlehnungsbedürftig.

Ist die eingeführte Spartenstruktur ein Vorgriff auf eine Holdingstruktur?

Gürtler: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir eine Verstärkung der Retail-Sparte durch eine Kooperation bewerkstelligen. Dann würden wir den Bereich ebenso wie Cosmopolitan Cosmetics als selbstständige Einheit ausgliedern und in ein gemeinsames Joint venture einbringen. Unsere Struktur könnte dann der einer Holdingstruktur nahe kommen. Die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung haben wir bereits mit der Spartenstruktur geschaffen.

Ist es angesichts der vielen Aufgaben, die vor Ihnen als Vorstandschef liegen, sinnvoll die Doppelbelastung von Wella-Vorstandschef und Chef der Duft- und Kosmetiksparte dauerhaft auf sich zu nehmen?

Gürtler: Wir sind dabei einige strategische Überlegungen für Cosmopolitan Cosmetics zu überprüfen. Wenn das geregelt ist, kann ich mich auf den Vorstandsvorsitz beschränken. Aber das ist noch nicht spruchreif.

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