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Das Lächeln hinter der Maske

Jean-Claude Trichet war meist ein treuer Staatsdiener, aber mit einem Hang zur Unabhängigkeit

PARIS. Keck strecken sich die Mundwinkel gen Ohren. Die grauen Augen strahlen wieder spitzbübisch unter den Brauen hervor, die sie zuletzt immer mehr zu überlappen drohten. Der gelbliche Teint kippt in gesünderes Ockerbraun. Und der Haarwirbel über dem linken Ohr hat sich etwas aus der Ordnung des strengen Scheitels gelöst und strebt spiralig in Richtung der holzgetäfelten Decke im Pariser Justizpalast. So sieht es also aus, wenn Jean-Claude Trichet lächelt.

Und so dürfte auch das Lächeln des nächsten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) aussehen. Der Freispruch des Gouverneurs der Banque de France im Crédit-Lyonnais-Prozess beendet drei Jahre Tortur, die die Maske aus Loyalität und Staatsräson des Notenbankers Trichet mit V2A-Stahl zu panzern schien. Ihr Gewicht zu tragen kostete den 61-Jährigen viel Kraft. "Jean-Claude leidet furchtbar unter diesem Prozess", fühlte Studienfreund und Ex-France-Télécom- Chef Michel Bon mit. Einziges Zeichen für die Qualen des Freundes: Der privat gern witzige Trichet trat in den Lachstreik. Als Richter Olivier Perusset am Mittwoch um 13.40 Uhr das erlösende "wird freigesprochen" aussprach, durfte Trichet wieder lächeln.

Die Vita des Bankiers weist aus, dass er den Staatsdienst für das Allgemeinwohl stets üppiger dotierten Jobs vorzog, zugleich aber immer seine Unabhängigkeit bewiesen hat - gerade als Geldpolitiker. Nicht umsonst traute sich trotz der juristischen Achterbahnfahrt Trichets drei Jahre lang niemand, dessen Eignung zum Hüter des Euros offen in Frage zu stellen.

Von einem ihrer Väter zum Wahrer der Gemeinschaftswährung: Für Trichet bedeutete das die logische, europäische Krönung einer französischen Bilderbuchkarriere. Nicht nur, dass er am Maastrichter Vertrag mitschrieb. Nicht nur, dass er das sperrige Werk, das die Franzosen 1992 per Referendum denkbar knapp ratifizierten, samt dem Stabilitätspakt stets eifrigst verteidigte.

Trichets europäische Mission begann, als er sich Mitte der achtziger Jahre daranmachte, Frankreichs Wirtschaftspolitikern die Flausen auszutreiben, mit Abwertungen des Francs fehlende Wettbewerbsfähigkeit herbeizuquacksalbern. Als Bürochef von Finanzminister Edouard Balladur musste er zwar 1987 loyal eine Abwertung des Francs selber umsetzen, weil sein Chef das so wollte. Aber Trichet schwor sich: Das war das letzte Mal. Als der Franc 1999 im Euro aufging, war der Wechselkurs zur D-Mark der gleiche wie zwölf Jahre zuvor: 3,35386.

Trichet zog in den Krieg für die "Politik des starken Francs". Bundesbank-Präsident Helmut Schlesinger rang er 1992 wider Erwarten eine Solidaritätsadresse für den wackelnden Franc ab, so dass Frankreichs Währung (und ihm selbst) eine Abwertung erspart blieb. Den Ruf des hitzköpfigen Wahlkämpfers Jacques Chirac nach einer Zinssenkung als Konjunkturdoping ließ er 1995 abblitzen. Premierminister Lionel Jospin ging es zwei Jahre darauf nicht anders. Dafür musste sich Trichet als "Ayatollah des Monetarismus" beschimpfen lassen.

Als Antwort zeigte Trichet jedem, der ihm unterkam, Grafiken, die die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit belegten. Dass Frankreich seit 1995 jedes Jahr ein höheres Wirtschaftswachstum schaffte als Deutschland und die Arbeitslosigkeit um ein Drittel sank, spricht für sich. Vielen französischen Ökonomen ist der Monetarist jedoch suspekt geblieben: "Das Problem der EZB sind nicht Personen, sondern ist das absurde Inflationsziel von zwei Prozent", kritisiert Jean-Pierre Petit, Chefökonom des Brokerhauses Exane in Paris. "Dass Trichet daran endlich etwas ändert, ist leider nicht zu erwarten - im Gegenteil."

Kritik verwindet der leidenschaftliche Debattierer Trichet, Kleinmut bringt ihn auf. Seinen Landsleuten, die nach der Einführung des Euros über steigende Preise für den kleinen Schwarzen an der Theke und für die Dauerwelle beim Coiffeur jammerten, riet er liberal und listig: "Trinken Sie Ihren Kaffee woanders, und suchen Sie sich einen neuen Friseur. Das habe ich übrigens auch meiner Frau gesagt, als sie sich bei mir beschweren wollte."

Nicht immer traute Trichet dem Markt über den Weg. Als junger Mann sympathisierte er mit den Sozialisten. Etikettieren ließ er sich aber nie. Für die einen war es Opportunismus, für die anderen ein Kunststück, dass Trichet mit rechts wie links gleich gut auskam.

Trichets große Liebe sind (neben seiner Frau Aline) Poesie und Oper. Da wundert es nicht, dass er seinen Job am liebsten künstlerisch interpretiert: "Geldpolitik ist eine Kunst und keine Wissenschaft", schrieb er kürzlich in einem seiner seltenen Zeitungskommentare.

Direkt nach der Urteilsverkündung zeigte Trichet, dass er genauso vorsichtig-kryptisch formulieren kann wie sein künftiges Pendant Alan Greenspan. Wir übersetzen wörtlich: "Ich kann es nicht nicht sagen: Diese Entscheidung der Justiz bewegt mich."

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