Das Land lebt über seine Verhältnisse: US-Dollar verliert den Status des sicheren Hafens

Das Land lebt über seine Verhältnisse
US-Dollar verliert den Status des sicheren Hafens

Nicht der drohende Krieg, sondern Bushs Wirtschaftspolitik schwächt die US-amerikanische Währung.

DÜSSELDORF. Es galt als simples Gentlemans Agreement und sollte Wirtschaftsgeschichte schreiben: US-Notenbankchef Alan Greenspan überzeugte Bill Clinton gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft, er solle das enorme Etat-Defizit abbauen, dann werde die Notenbank aus seiner Präsidentschaft eine ökonomische Erfolgsstory machen. Jener Mix aus solider Finanzpolitik und expansiver Geldpolitik - mutmaßen Ökonomen - trug mehr zum Wachstums-Jahrzehnt bei als die Internet-Euphorie.

Doch die Zeit des amerikanischen Wirtschaftswunders ist längst vorbei. Inzwischen herrscht George W. Bush im Weißen Haus und die wirtschaftspolitischen Koordinaten haben sich völlig verschoben. Amerika finanziert sich mehr denn je auf Pump. Nicht nur die privaten Haushalte die Unternehmen leben über ihre Verhältnisse. Auch der Staat bedient sich am internationalen Kapitalmarkt - wie schon in den 80-er Jahren unter Ronald Reagan. Wie schon in den 80ern beginnt auch der Wert des Dollars zu bröckeln. In den vergangenen zwölf Monaten verlor die US- Währung gegenüber dem Euro rund ein Fünftel seines Wertes. Und Experten zufolge wird die Talfahrt langfristig gesehen anhalten.

Jan Hatzius, Analyst bei Goldman Sachs prognostiziert über 12 Monate einen Dollar-Kurs von 1,18: "Die niedrigen Leitzinsen reichen nicht aus, um die Wirtschaft auf Trab zu bringen". Die Effekte des jüngsten Konjunkturpakets werde erst in ein paar Jahren zu spüren sein. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank, sieht den Euro die nächsten zwei bis drei Jahren gar bei 1,40 Dollar. Dabei weist er auf eine bemerkenswerte Trendwende hin: "Früher gingen alle Investoren bei globalen Krisenszenarien in den Dollar. Jetzt, beim drohenden Irak-Krieg ist es umgekehrt." Fazit: Der Euro hat die Rolle des sicheren Hafens, einst die Domäne des Greenbacks, übernommen.

Vor allem das so genannte Twin-Defizit, die Kombination aus Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit, hängt wie ein Damoklesschwert über der US-Wirtschaft und damit über dem Dollar. Michael Klawitter, Devisen-Analyst bei der WestLB, spricht von Dollar-Risiken, auch wenn er mittelfristig durchaus noch einmal Auftriebspotenzial mangels alternativer Investitionsstandorte sieht. "Besonders die wachsende Abhängigkeit von Auslandskapital und das Haushaltsdefizit bereiten Sorgen", sagt Klawitter, "die jetzige Entwicklung zeigt durchaus Parallelen zu den 80er Jahren." Die Leistungsbilanz, also die Spanne zwischen dem, was die Amerikaner verbrauchen, und dem, was sie erwirtschaften, ist in 2002 auf rund 5 % des Bruttoinlandsprodukt (BIP) angewachsen. Stephen Roach, Chefökonom bei Morgan Stanley, warnt, dass es in diesem Jahr auf 6 % ansteigen könnte. Schon jetzt müssten die Vereinigten Staaten täglich rund 1,5 Mrd. Dollar ins Land ziehen, damit der Dollar nicht weiter auf Talfahrt geht.

Auch was die Haushaltsenwicklung angeht, sind die Aussichten düster: In seinem ersten Haushaltsentwurf sah Bush für 2004 ein Überschuss von 262 Mrd. Dollar vor. Im vergangenen Jahr kalkulierte er mit einem Defizit von 14 Mrd. In seinem jüngsten Entwurf ist er bei Minus 307 Mrd. angelangt - eine Differenz von 570 Mrd. Dollar. Und die Kriegskosten sind nicht einmal eingerechnet. Das US-Finanzministerium warnte bereits, der Schuldenstand werde die Höchstgrenze von 6,4 Bill. Dollar erreichen. Goldman Sachs prognostiziert für das kommende Jahr ein Defizit in der gesamtstaatlichen Rechnung, in der auch die Haushaltslage der Bundesstaaten und Kommunen berücksichtigt ist, von 5,5 % des BIP. Dieser Wert, der den Kriterien im Maastrichter Vertrag am nächsten kommt, zeigt wie bedrohlich die Lage der öffentlichen Haushalte ist.

Merrill-Lynch-Ökonom Richard Bernstein warnte neulich auch vor dem Hintergrund des Haushaltsdefizits vor einer neuen Rezession. Auch Greenspan hob den Zeigefinger: In seiner Rede vor dem Bankenausschuss des Senats macht er klar, dass das hohe Defizit die langfristigen Zinsen in die Höhe treiben und die Wirtschaft schädigen werde. Zu einem solch deutlichem Signal fühlt sich der Notenbankchef äußerst selten genötigt. Doch keiner weiß es besser als Greenspan: Gerade ein schlanker Staat - siehe Clinton- gilt als Garant für die Attraktivität des Investitionsstandortes. Verliert Amerika seinen Nimbus als Magnet für ausländisches Kapital kennt der mächtige Dollar nur eine Richtung: nach unten.

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