Das leise Sterben des Mittelstandes
„Sind Sie noch zu retten?“

Keine Linie, kein Vertrauen, keine Aufträge: Der Bund erhöht Steuern und Abgaben, die Unternehmer toben. Schon organisieren sie eine Demonstration gegen Gerhard Schröder - ein Blick in die Seelen deutscher Firmenchefs.

Solingen, Restaurant Globusmann: Der Projektor wirft Provozierendes an die Wand: "Wo ist das Land des Wirtschaftswunders geblieben?" trägt eine monotone Männerstimme zu Weltuntergangsmusik vor. Schnitt, dann weiß auf schwarz: "Erinnern Sie sich? Babcock Borsig, Dornier, Cargolifter . . ." Man erinnert sich. Schnitt: "Der Mittelstand stirbt leise."

Der Film, mit dem Harald Bohnenberg vor Solinger Unternehmern für die Logistiksysteme seiner Firma BSS wirbt, beginnt wie ein Nachruf. Ein Nachruf auf Zehntausende Firmen, die sich jetzt vom Untergang bedroht sehen. Ein Nachruf, der die Stimmung der 40 Mittelständler im Raum im Raum trifft.

Heike Jäger, platinblond, Mitte 40, Inhaberin eines Solinger Kurierdiensts mit 20 Mitarbeitern, kennt auch den Schuldigen: Gerhard Schröder. Sie hat ihn natürlich nicht gewählt. "Der Kanzler gibt keine klare Linie vor, man weiß nicht, was morgen gilt. Da investiert doch niemand."

Knapp zwei Monate nach dem erneuten Wahlsieg von Rot-Grün steuert Deutschland auf einen Winter der Unzufriedenheit zu. Fast täglich gibt es neue Hiobsbotschaften. Gestern lieferte sie das Münchener Ifo-Institut: Die Firmen seien für die kommenden sechs Monate noch pessimistischer als im Oktober, berichten die Wirtschaftsforscher. Die Pleitenzahlen sind auf Rekordstand, die Verbraucher schielen nur noch nach Schnäppchen. Fast täglich diskutieren SPD und Grüne neue Steuererhöhungen.

Große Konzerne wie Siemens und Daimler-Chrysler grollen dem Kanzler und basteln an einer gemeinsamen Front gegen die Steuerbeschlüsse. Besonders schlecht aber ist die Stimmung im Mittelstand, bei den 3,3 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen, die 70 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigen und 80 Prozent der Lehrlinge ausbilden. Überall in Deutschland diskutieren wütende Unternehmer an Stammtischen und auf Messen ihre Lage. Sogar demonstrieren wollen sie gegen Schröder und seine Mannschaft - ein Blick in die Seelen deutscher Firmenchefs.

"Visitenkartenpartys" nennt Georg Lauenstein Abende, wie er sie in Solingen vierteljährlich für den Bundesverband mittelständische Wirtschaft organisiert: gut essen und trinken, Kontakte knüpfen, über gemeinsame Probleme reden. An diesem Abend in Solingen vor allem über die Bundesregierung und die schlechte Stimmung, die seit dem 22. September auch die Wirtschaft im Bergischen Land belastet. "Normalerweise hätte unser Kurierdienst zu dieser Jahreszeit Hochkonjunktur", schimpft Heike Jäger, und ihr Mann nickt stumm. "Aber alle sind verunsichert, keiner kauft. Wenn bei Audi die Bänder stillstehen, dann haben auch unsere Kunden wie die Autozulieferer hier in der Gegend weniger zu tun." Die Folge: "40 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr um diese Zeit."

Am nächsten Tisch sitzt einer der Sündenböcke: Thomas Pütz, 36 Jahre alt, geschäftsführender Gesellschafter der Phoenix Zeitarbeit GmbH. "Ja, ich habe SPD gewählt", sagt er, und es klingt wie eine Beichte, "der Fehler meines Lebens". Er verzieht das Gesicht zu einem gequälten Lachen. Pütz, sauber gestutzter Vollbart, blaues Hemd, blauer Anzug, hat auf Hartz gesetzt. Von den Personalserviceagenturen sollte auch seine Firma profitieren.

Aber jetzt sollen plötzlich alle gleich verdienen, die Zeitarbeiter so viel wie die Kollegen in den Stammbelegschaften. "Das funktioniert nicht, das ist völliger Schwachsinn. Zu den Bedingungen beschäftigt niemand mehr Leiharbeiter." Pütz schüttelt den Kopf. "Ich hoffe, wir einigen uns noch mit den Gewerkschaften", sagt er, und seine Stimme überschlägt sich wie die eines aufgeregten Kindes. "Wenn das nicht gelingt, kann die Hälfte der Zeitarbeitsbetriebe zumachen."

Leipzig, Gießerei Kessler & Co: Auch andere SPD-nahe Bosse sind enttäuscht über ihren gewandelten Genossen. Zum Beispiel Richard Siedler, 63. Im Sommer noch hat der Geschäftsführer der Leipziger Gießerei Kessler als "Unternehmer für Gerhard Schröder" Wahlkampf gemacht. "Die SPD denkt sozialer, die ist uns hier im Osten näher", sagt er. Aber die Politik seit der Wahl, das sei "alles nur Stückwerk und nicht ausreichend. Ich kann mir das langsam nicht mehr anhören." Der Frust ist ihm selbst durchs Handy deutlich anzuhören.

Frechen, Gut Neu-Hemmerich: Cornel Lindemann-Berk, 41, deutet auf das Dachgeschoss eines alten Lagergebäudes. "Wenn sich das nicht mehr lohnt, muss ich aufhören mit dem Ausbau", sagt er leicht resigniert. "Für meine Baufachleute hätte ich dann keine Arbeit mehr. Ich müsste sie entlassen." Lindemann-Berk, ländlich- konservativ in hellbraune Cordhose und Tweedjackett gekleidet, ist eine Art Multiunternehmer: Großlandwirt mit 280-Hektar-Hof und Gesellschafter des Frechener Bergbauunternehmens Quarzwerke GmbH. An diesem kühlen Nachmittag steht er auf einem der drei gewaltigen Innenhöfe von Gut Neu-Hemmerich. Mit dem Fußball könnte man zwischen den alten Backsteingebäuden problemlos lange Pässe spielen - nur der Ball verspränge wohl zu oft auf dem Kopfsteinpflaster.

Lindemann-Berk ist ein Macher, einer, der Ideen hat und 1993 zum Beispiel den ersten großen Windrotor in der Gegend aufgestellt hat. Längst hat er die meisten seiner Betriebsgebäude umgebaut und vermietet. Jetzt möchte er weitermachen. Die Baupläne liegen auch griffbereit auf dem Zeichenbrett hinter seinem Schreibtisch.

Aber zu den neuen Bedingungen? Nein. "Warum soll ich etwas finanzieren, wenn ich pro Jahr nur noch zwei Prozent der Baukosten abschreiben darf?" fragt er. "Das bedeutet doch, dass bei Betriebsgebäuden grundsätzlich 50 Jahre Lebensdauer vorausgesetzt werden. Völlig unrealistisch", winkt er ab.

Lindemann-Berk redet sich in Rage: "Steuervergünstigungsabbaugesetz", er verdreht spöttisch die Augen. "Schon der Name spricht für sich. Und wenn man sich die Regelungen im Einzelnen durchliest: ein Drama, eine Mischung aus Hilflosigkeit und Neid." Um Beispiele ist er nicht verlegen: die höhere Besteuerung von Dienstwagen etwa. Oder dass Firmen ihre Gewinne nicht mehr voll mit Vorjahresverlusten verrechnen können. "Der Staat fängt an, die Unternehmen auszuplündern", kommentiert er trocken.

Dortmund, Haus Mentler: "Sind Sie noch zu retten, Herr Schröder?" Noch liegt die provozierende Frage nur etwa ein Dutzend Mal auf einem mit rosa Tischtuch und Plastikblumen dekorierten Tisch. Schon bald aber könnte sie vieltausendfach dem Kanzler gestellt werden, als Überschrift eines offenen Briefes deutscher Firmenchefs. So sähen es zumindest die elf Dortmunder gern, die sich abends zum Unternehmerstammtisch getroffen haben. Sie wollen ihren Entwurf einer Arbeitsgruppe der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer (ASU) vorlegen, die über bundesweiten Aktionen brütet.

Die Stimmung in der Runde ist trist. Sechs der elf Firmenchefs am Tisch haben im vergangenen Jahr Stellen gestrichen. Von den dreien, die zusätzliche Mitarbeiter eingestellt haben, sind zwei Steuerberater. Sie profitieren von den immer komplizierteren Steuergesetzen - und davon, dass "beinahe täglich Unternehmen zu uns kommen, die ihren Betrieb oder zumindest Töchter ins Ausland verlagern wollen". Von fünf Millionen Arbeitslosen schon im kommenden Jahr ist hier die Rede, von insolventen Großkunden und davon, dass vor der Bundestagswahl aufgeschobene Investitionen jetzt weiter verzögert oder ganz gestoppt würden. "Das Schlimmste ist der Frust", sagt Joachim Punge, Steuerberater und Chef einer Dortmunder Wirtschaftskanzlei. "Wir haben Aufbruchstimmung erwartet. Und was haben wir jetzt? Das Gegenteil." Einige nicken beifällig.

Aber was tun? Vielleicht "den Schröder-Song in die Warteschleifen" einspielen? Oder zum Ende jedes öffentlichen Auftritts Cato den Älteren zitieren? - "Im übrigen bin ich der Ansicht: Der Lügner Schröder muss zurücktreten." Das Gelächter wirkt hilflos, der Glaube an eine breite Wirkung fehlt.

"Wir müssen den Menschen klar machen, dass es uns darum geht, Arbeitsplätze zu schaffen", fordert Josef Nottelmann, ein schnauzbärtiger Immobilienkaufmann und Pflegeheimbetreiber Ende 40, und sein Gesicht läuft vor Ärger rot an. Die Medien müssten unbedingt dabei sein, wenn es zum Kanzler gehe: "Ruhig auch die Bild-Zeitung. Da habe ich keine Angst davor."

Thomas Grigutsch ist schon etwas weiter als die Dortmunder. Von seinem Büro in der Wuppertaler Industrie- und Handelskammer aus organisiert er für die Wirtschaftsjunioren eine Unternehmerdemonstration in Düsseldorf, "so richtig mit Plakaten, Handzetteln und Mikrofonwagen". Am Nikolaustag um 13.00 Uhr soll es losgehen, die Polizei hat die Route durch die Königsallee schon genehmigt. Grigutsch hofft auf etwa 1 000 Demonstranten. "Berlin wäre vielen zu weit", sagt er. Also soll stellvertretend SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück zuhören, wenn Unternehmer "Genug ist genug" skandieren.

Köln, "Haus und Wohnen, die Meistermesse des Handwerks": 600 Handwerker haben dort am vergangenen Wochenende ihre Firmen präsentiert. Auch Wolfgang Heckner, 39. Er trägt ein kurzärmeliges olivgrünes Hemd, dazu eine schwarze Jeans, und sein singender Tonfall entlarvt ihn gleich als lokale Größe. "Also", beginnt er und streicht sich über den gepflegten Dreitagebart, "ich komme aus einer Unternehmerfamilie, wir haben schon immer CDU gewählt, das habe ich sozusagen in den Genen." Und so wie sich die Dinge in Berlin entwickelten, fährt er fort, sei das ja diesmal mit den Genen nicht falsch gewesen. "Wissen Sie", sagt er, "ich glaube, der Stoiber hätte es nicht viel anders gemacht, auch bei dem wären Renten- und Krankenkassenbeiträge gestiegen. Aber das hätte psychologisch einen Schub gegeben und mehr Planungssicherheit."

Heckner beschäftigt acht Mitarbeiter, er baut und montiert Geländer, Treppen und Balkone und setzt damit zwischen 400 000 und 600 000 Euro im Jahr um. Und er sagt, er habe gut zu tun, so gut, dass er eigentlich ein, zwei neue Leute einstellen würde.

Eigentlich. Doch "seit der Schröder das Kündigungsschutzgesetz auf Betriebe mit fünf Mitarbeitern erweitert hat, stelle ich aus Prinzip keinen mehr ein. Denn den würde ich ja, wenn er nichts taugt oder das Geschäft schlecht läuft, ohne horrende Kosten nie mehr los", schimpft Heckner. Und er ist sich sicher: "Von derartigen Schweinereien, die den Mittelstand kaputtmachen, haben die noch einiges in petto."

Peter Brors
Peter Brors
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%