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Das Mosaik des Korrespondenten

Es ist jedes Mal gleich: Kehrt man als Korrespondent nach zwei, drei Wochen Urlaub wieder in sein Berichtsgebiet zurück, dann fühlt man sich in den ersten Tagen wie auf einem anderen Stern.

Es ist jedes Mal gleich: Kehrt man als Korrespondent nach zwei, drei Wochen Urlaub wieder in sein Berichtsgebiet zurück, dann fühlt man sich in den ersten Tagen wie auf einem anderen Stern. Was im journalistischen Alltag vor ein paar Wochen noch mit einem Blick in die Zeitungen, einem Klick in Google oder einem kurzem Telefonat geklärt war, das erscheint jetzt alles rätselhaft. Was sich da in den Zeitungsstapeln während der Abwesenheit alles gesammelt hat! Um was streiten die sich gerade wieder mal in Brasília? Der venezolanische Präsident Chávez will die Devisenreserven der Zentralbank schröpfen? Die lateinamerikanischen Börsen wollen fusionieren? Warum hat der argentinische Präsident Kirchner einen Gipfel schon wieder vorzeitig verlassen? - alles Rätsel. Gut, wenn die Redaktion in den ersten Tagen auf Hintergrundberichte verzichten kann. Dann bleibt neben den üblichen Interviews oder Gesprächen auch Zeit, die Feuilletons und Lokalteil e der letzten Wochen durchzuforsten, die oft gut die Stimmung im Land spiegeln. Aber auch für den Schwatz in der Bäckerei, ein Mittagessen mit einem Biologie-Professor oder die aufgeschnappten Gesprächsfetzen in der Schlange im Supermarkt liefern wertvolle Hintergrundinfos: Eine Schimpftirade über die erneut erhöhten Preise der Autohändler. Die Nachbarin, die erzählt, dass ihr Schwager wieder beim Metrobau Arbeit gefunden hat, obwohl der Bau doch offiziell gestoppt ist wegen Korruption. Der eskalierende Streit zwischen dem Dirigent des Symphonie-Orchesters und der Kulturverwaltung, wo es um Wahlkampf und Lokalpolitik geht. Das sind alles Hilfen, um die vielen herumschwirrenden Infopartikel wieder ins große Mosaik einfügen. Erst wenn das zusammen gesetzt ist, fühlt man sich sicherer im Urteil. Will die Redaktion in Düsseldorf am ersten Tag einen Bericht zu den Auswirkungen der steigenden Erdölpreise angesichts der Stärke des Real und Pesos auf d ie Aktienmärkte in der Region (Anleihen nicht vergessen!) - dann vollzieht sich der Anpassungsprozess schneller. Den besten Tipp für den Wiedereinstieg nach dem Urlaub bekam ich von einem Handelsblatt-Kollegen, der lange als Korrespondent gearbeitet hatte: Fang mit Meldungen an, damit du wieder in dein Land reinkommst - bevor du dich an Kommentare und Reportagen wagst. Da kann weniger schief gehen.


Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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