Das neue Insolvenzplanverfahren kann helfen
Rettung statt Pleite

Beim Softwareanbieter Teamwork in Paderborn ist man Kummer gewohnt. Der Markt - falsch eingeschätzt. Die Aktie - im Keller. Die Prognosen des Managements - das Papier nicht wert, auf dem sie adhoc gedruckt sind.

HB DÜSSELDORF. Im November 2000 gab die Teamwork Information Management AG ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt - und ist jetzt eines der seltenen Unternehmen in Deutschland, die aus der Insolvenz heraus den Neustart mit Hilfe eines Planverfahrens versuchen. Seit dem 16. Juli 2002 ist der Insolvenzplan bestätigt und rechtskräftig. "Bis spätestens zum 1. Dezember 2002 werden wir wieder als ganz normales Unternehmen am Markt auftreten können", hofft Werner Ikenmeyer, Vorstandsvorsitzender von Teamwork.

Wenn die wundersame Auferstehung seiner Firma gelingt, wäre dies der Beweis, dass das seit Januar 1999 geltende neue Insolvenzrecht funktioniert: Sein wesentlicher Bestandteil, das sogenannte Insolvenzplanverfahren, soll gemäß dem Motto "Sanieren statt liqudieren" bei der Abwendung eines Konkurses helfen. Das Problem ist nur: Kaum jemand kennt es.

"Das Insolvenzplanverfahren wird selten angewandt", bestätigt Dipl.-Sozialwirt Peter Kranzusch vom Institut für Mittelstandsforschung Bonn, "die wenigen Erfahrungen zeigen aber, dass es gut funktionieren kann." Das Planverfahren stellt ein völlig neuartiges Rechtsinstitut im deutschen lnsolvenzrecht dar.

Einzelne Gläubiger können überstimmt werden

Der Insolvenzplan enthält eine Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage, sowie ein Sanierungskonzept. Neu ist, dass es einzelnen Gläubigern - oft den kreditgebenden Banken - erschwert wird, durch ein Veto einen Vergleich zu torpedieren, und sich so Vorteile zu verschaffen. Durch geschickte Gruppenbildung können jetzt sogar einzelne Gläubiger überstimmt werden.

Der Zweck, die Firma zu sanieren statt zu liquidieren, heiligt dieses Mittel. Dieses alles ist gut gemeint, wird aber selten versucht: Neben Teamwork durchlaufen unter den börsennotierten deutschen Firmen derzeit nur der Berliner Schreibwarenhersteller Herlitz und die Mühl Product & Service das Verfahren.

Das erstaunt auf den ersten Blick, denn noch nie sind so viele Firmen zahlungsunfähig geworden wie in diesem Jahr, die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stieg um 25,2 %: Den 15 020 Firmenpleiten aus dem ersten Halbjahr 2001 stehen im ersten Halbjahr 2002 bereits 18 800 Insolvenzfälle gegenüber. Die Summe der Insolvenzschäden hat sich dabei im ersten Halbjahr 2002 auf insgesamt 22,5 Mrd. Euro erhöht.

"Größere Gestaltungsmöglichkeiten"

Diese Zahlen belegen den Reformbedarf - dennoch wird das neue Verfahren noch nicht als wichtige Maßnahme zur Krisenbewältigung verstanden. So jedenfalls lautet das Ergebnis einer Studie "Neue Wege aus der Krise - Managementtrends im Umgang mit unternehmerischen Krisen", die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. 380 Finanzentscheider hat die Managementberatung Corporate Value Associates (CVA) zur Krisenstrategie ihres Unternehmens befragt. Das Ergebnis: Bei existenzgefährdenden Liquiditätskrisen favorisierten 64 % der befragten Manager Kostensenkungsmaßnahmen, nur 5,3 % gaben einem Insolvenzplan den Vorzug. Weniger als 20 % der Befragten sahen den Insolvenzplan als ganzheitlichen Ansatz zur Unternehmenssanierung.

Christoph Kaltmeyer, einer der Gründer von CVA, kann sich dies nur damit erklären, dass die Vorteile des Verfahrens unbekannt sind: "Manager haben durch das Insolvenzplanverfahren viel größere Gestaltungsmöglichkeiten, sie können sogar Sanierungskonzepte gegen einzelne Gläubiger durchsetzen." In den USA sei das Insolvenzplanverfahren seit über 70 Jahren bekannt und bewährt.

"Das für Sanierungslösungen vorgesehene Insolvenzplanverfahren ist schwer vermittelbar, kompliziert und bürokratisiert", zählt Mittelstandsforscher Kranzusch die Nachteile auf. Hinzu kommt eine Schwierigkeit, um die eine Rettungsaktion nie herumkommt: Dem schlechten Geld muss gutes hinterhergeworfen werden.

"In den USA bekommt man eine zweite Chance"

Für den Erfolg eines Planverfahrens muss oft neues Kapital beschafft werden - ob eine erfolgreiche Sanierung diesen Einsatz rechtfertigt, ist Ansichtssache. Der Ausschuss Insolvenzrecht beim Deutschen Anwaltstag jedenfalls brandmarkt die neuen Regelungen als wenig praktikabel. Vor allem die Überfrachtung mit Rechtsmitteln verzögere die Abwicklung eines Insolvenzplans.

Eine Erfahrung, die sich laut dem Stuttgarter Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Volker Grub mit den Erfahrungen seiner Zunft deckt. Wenn es überhaupt dazu kommt: "Ein Insolvenzplanverfahren greift nur, wenn noch genügend Masse vorhanden ist. Häufig ist das nicht der Fall", sagt Kranzusch. Der Hintergrund: "Viele Manager werden erst aktiv, wenn die Chancen, das Unternehmen zu retten, gegen Null tendieren."

Das Problem liege auch im Stigma des Scheiterns, das hierzulande einer Insolvenz anhaftet. In den USA, so Eckart von Reden, ehemaliger Sprecher des Vorstandes der Deutschen Ausgleichsbank, sehe dies anders aus: "Dort wird man nicht automatisch als Verlierer abgestempelt, wenn es im ersten Anlauf nicht geklappt hat. Häufig bekommt man sogar eine zweite Chance."

Genau auf die hofft Teamwork, obwohl es für das börsennotierte Unternehmen wegen der höheren Außenwirkung besonders schwierig wird - allein das Gerücht einer drohenden Insolvenz kann einen Rückzug institutioneller Anleger sowie ein Vertrauensmalus bei den Kunden bewirken. Welcher Kunde schließt mit einer insolventen Firma neue Verträge ab? Dennoch sieht Teamwork-Sprecherin Sabine Brommel keine Alternative: "Ohne das Insolvenzplanverfahren hätte es schlecht ausgesehen mit uns. Ich kann es auf jeden Fall empfehlen."

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