Das Phänomen Napster und Kopierschutz im Internetzeitalter
Kolumne: Nur Peitsche und kein Zuckerbrot

Die Dämonisierung von Napster durch die Medienindustrie bringt letzlich mehr Schaden als Nutzen. Das Internetzeitalter verlangt neue Lösungen in der wirtschaftlichen Verwertung kreativen Talents.

Am 26. Juli 2000 lief eine Schockwelle durch das Silicon Valley. Im benachbarten San Francisco, dem das Silicon Valley besonders verbunden ist, hatte die Bezirksrichterin Marilyn Hall Patel den Publikumsliebling Napster aus San Mateo per einstweiliger Verfügung dazu verurteilt, sämtliche urheberrechtlich geschützte Produkte aus seinem Musikverteilungsdienst innerhalb von zwei Tagen zu eliminieren. Napsters Kreation wurde von der Richterin als "Monster" verteufelt.

Das Gericht äußerte kein Wort der Sympathie für die Auseinandersetzung mit einer übermächtigen Medienindustrie, keinerlei Wertschätzung für die technologischen Pionierleistung in distribuierten ("peer-to-peer") Verteilungssystemen, keine Anerkennung des Spannungsverhältnisses zwischen Rechtslage und Konsumentenverlangen - immerhin nutzen angeblich fast 10 % der US-Bevölkerung Napster. Die Requiems auf Napster überschlugen sich.

Zwei Tage später dann der ebenso unerwartete Gegenschlag. Buchstäblich in letzter Sekunde lenkt ein Revisionsgremium ein: Die einstweilige Verfügung ist aufgehoben und Napster kann vorläufig weitermachen. In den Tagen dazwischen hatten Millionen von Fans ihren Kommentar abgegeben. Napsters Besucherzahlen schossen während des Countdowns in die Höhe.
Gleichzeitg wurden die "Napsterinos" überschwemmt. Gnutella, der bekannteste ähnliche Dienst ohne zentrales Verzeichnis, brach kurzfristig unter der Last der Popularität zusammen. Scour, Freenet , Napigator, Spinfrenzy und andere sahen eine Verdoppelung der Besucherzahlen.

Weder Künstler noch Konsumenten, weder Medienunternehmen noch Gerichte können ein Interesse daran haben, dass diese Technologien Napster ersetzen: Sie sind dezentralisiert und lassen sich daher kaum kanalisieren, sie zu verklagen ist ein hoffnungsloses Unterfangen, und sonderlich benutzerfreundlich sind sie schließlich auch nicht.

Ergo das Dilemma: Napster ist nach heutiger Rechtslage in seiner derzeitigen Form illegal. Aber eine kategorisches Verbot von Napster wird mehr schaden als nützen.
Bei der Hektik dieser Tage lohnt es sich vielleicht, ganz gegen den Usus des schnellebigen Internetzeitalters, eine historische Perspektive zu geben.



  • 1. Der Ursprung des Kopierschutzes

    im späten Mittelalter in Venedig und England war nicht etwa der Schutz der Autoren, sondern die Erhöhung der Staatseinnahmen und die Sicherung der staatlichen Kontrolle (sprich: Zensur) durch exklusive Veröffentlichungsrechte. Damals wie heute hat der Widerstand dagegen, wenn auch formal illegal, immer ein Element "zivilen Ungehorsams", insbesondere wenn Kopien gratis sind. Ein Napsterino wie

    FreeNet

    vermarktet seine Software explizit als Werkzeug für Dissidenten in autoritären Staaten: Die Softare verteilt verschlüsselte digitale Dateien und kommt nicht nur ohne zentrales Verzeichnis aus, sondern macht zudem den Urheber der Datei unkenntlich. Im modernen Recht sind Urherberrecht und Kopierschutz ein schwieriger Balanceakt zwischen wirtschaftlichem Anreiz für kreative Leistungen und Interesse der Allgemeinheit. Diese Balance ist im Internetzeitalter noch nicht gefunden worden, aber Medienunternehmen können nicht mit einer bedingungslosen Absegnung ihrer heutigen Geschäftsgrundlage rechnen.



  • 2. Die Medienindustrie

    hat schon mehrfach in der Verfolgung von Technologien geirrt. Am bekanntesten ist wohl der fast ein Jahrzehnt dauernde Prozess Hollywoods gegen Sonys Videorekordertechnologie. Heute sind Videos eine der wichtigsten Säulen für Filmeinnahmen.


    Und wenn später digitale Vervielfältigungsmaschinen kategorisch verboten worden wären, gäbe es heute keine PCs mehr. Glücklicherweise wurde der PC in der diesbezüglichen US-Gesetzgebung der frühen neunziger Jahre explizit ausgenommen. Napster ist sicherlich ungewöhnlich explosiv, aber bisher hat es CD-Umsätze sogar noch steigen lassen.



  • 3. Legal und wirtschaftlich fragwürdige Systeme

    wie Napster sind außerdem keineswegs die größte Bedrohung für Geschäfte mit digitalisierbaren Waren und Dienstleistungen. Die größte Wertvernichtungsmaschine auf dem Internet in dieser Hinsicht ist

    Yahoo

    . Der Dienst lebt von Werbeeinnahmen und bietet eine unvorstellbare Fülle von digitalen Leistungen - völlig legal - umsonst an. Hierbei zerstört es das Geschäftssystem unzähliger Serviceanbieter auf dem Internet.

Sicherlich ist die Musikindustrie in einer besonderen Zwickmühle. Sie hat mit der Einführung der CDs perfekte Versionen ihrer wertvollen Inhalte millionenfach ungeschützt in die Welt geschleudert und so die Basis dafür geschaffen, dass jeder Konsument zum Guerilla mutieren kann. Und ihre Inhalte sind, im Gegensatz zu Software beispielsweise, heute statisch. Dies prädestiniert sie für Raubkopien.
Andererseits haben die Großen der Branche das Internet zunächst irrational verteufelt. Keines der "Major Labels" konnte sich auf ein neues Geschäftssystem einstellen, welches zunächst sicherlich geringere Margen gehabt hätte. Und die Recording Industry Association of America ) , der Initiator des Prozesses gegen Napster, ist bisher mit allen Versuchen gescheitert, selbst innovative Lösungen zu bieten. Die Vereinigung droht statt dessen zu einer Bastion der Erhaltung des Status Quo zu verkümmern - bei der zunehmenden Konzentration der Branche macht sie das nicht unbedingt zu einem Sympathieträger.

Inzwischen sind die Medienunternehmen aufgewacht und es ist zu erwarten, dass sie, wenn sie den Rechtsstreit gegen Napster gewonnen haben, ähnlich wie mit Mp3.com, aus einer Position der Stärke heraus Verhandlungen aufnehmen. Aber die Zeit läuft gegen sie. Viele Ereignisse der letzten Jahre, von Shells Brent-Spar-Debakel bis hin zu Monsantos Faux-Pas mit genetisch veränderten Lebensmitteln, haben gezeigt, dass das größte Geschäftsrisiko in der Irritation des Konsumenten liegt.

Dabei sind innovative Lösungen zur wirtschaftlichen Verwertung digitaler Prdukte und Dienstleistungen wichtiger denn je. Mit der Verbreitung von Breitbandzugang werden alle Medienformen auf das Internet gelangen. Und Dateiverteilungssysteme, bei denen jeder Computer zur effizienten digitalen Quelle wird, sind ein für allemal in der Welt. Die US-Gerichte werden trotz des "Digital Millennium Act" von 1998 das Dilemma nicht beheben können, denn die einzige "sichere" Lösung wäre es, Konsumenten für alle auf ihren PCs gespeicherten Daten - wie bei Giften - persönlich verantwortlich zu machen. Dies ist wahrhaft keine Traumlösung.

Kreatives Talent braucht Anreize und das Internet braucht neue Geschäftssysteme. Der nahezu grenzenlose potentielle Konsum digitaler Waren bietet hierfür hervorragende Voraussetzungen. Es wäre zu wünschen, dass die Großen der Medienindustrie dieser Aufgabe gerecht würden und von den Bremsern zu den Innovatoren im Internet avancieren könnten.

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