„Das Podium ist Minimum“
Winokurow - der "neue Bernard Hinault"

Auch unter der täglichen Tour-Folter verzieht er selten eine Miene. Alexander Winokurow ist - neben seinem Freund Jan Ullrich, mit dem er in seiner Heimat im vergangenen Winter Wildschweine jagen war - die Überraschung der Tour de France 2003.

HB/dpa LUTZ ARDIDEN. Die Freude darüber ist dem Kasachen aus Petropawlosk mit Wohnsitz Nizza eigentlich genauso wenig anzusehen wie das Leid, das er sich durch seine ständigen Attacken zufügt. Die Basis für seine Härte wurde zu Hause schon als Jugendlicher gelegt: "Da machten wir Läufe bis 40 Kilometer. Ich habe gelernt, zu leiden."

"Bei uns in der Mannschaft ist er ganz lustig", sagte Telekom Teamarzt Lothar Heinrich, der für den Toursieg 2004 schon einen ganz sicher Tipp hat: "Die nächste Tour gewinnt "Wino', weil ich außer Bjarne Riis 1996 keinen gesehen habe, der solche Entwicklungs-Sprünge gemacht hat." Vielleicht muss das blonde Kraftpaket gar nicht so lange warten. Das französische Magazin "Velo" hat in dem angriffslustigen Winokurow jedenfalls schon den neuen Bernard Hinault ausgemacht. Der "alte" Hinault gewann fünf Mal die Tour.

Winokurow war mit seinem zweiten Erfolg bei Paris-Nizza, dem Weltcup-Sieg beim Amstel Gold Race und dem Gesamtsieg bei der Tour de Suisse der stärkste Fahrer des Frühjahrs. In Frankreich zeigt seine Formkurve weiter steil nach oben. Im Hochgebirge und im Zeitfahren hat der 29-Jährige, der noch im Vorjahr im Übereifer oft ins Leere lief und seine Kräfte unnütz verschleuderte, unglaubliche Leistungssprünge vollzogen. Sowohl für Lance Armstrong als auch für Ullrich ist er eine echte Bedrohung. Sein zu Tourbeginn vollmundig angekündigtes Ziel ("Das Podium ist Minimum") hört sich inzwischen alles andere als großspurig an.

Winokurow unterstüzt kasachischen Radsport-Verband

Sein erster großer Saisonsieg in diesem Jahr war für den dreifachen Familienvater ein Trauerfall. Sein Landsmann Andrej Kiwilew, der vor zwei Jahren zu einer ähnlichen Tour-Überraschung geworden war, verunglückte bei Paris-Nizza tödlich. Seitdem ist Winokurow, der bei der Siegerehrung in Nizza weinte und ein Bild Kiwilews in den Händen hielt, ein anderer. Schon seit Jahren unterstützt er den kasachischen Radsport-Verband auf eigene Kosten mit Material für den Nachwuchs. Seit dem Tod seines Landsmannes tut er das über die von ihm gegründete "Andrej Kiwilew-Stiftung".

Winokurow kam im Jahr 2000 von der kleinen französischen Mannschaft Casino ins große Telekom-Team, in dem er seinen Vertrag vor der Tour bis 2005 verlängerte. Walter Godefroot wurde schon damals prophezeit, einen großen Fang gemacht zu haben. Am Sonntag auf der zweiten von vier Pyrenäen-Etappen fuhr Winokurow, dem in Paris zumindest Platz drei kaum noch zu nehmen ist, nach seiner Attacke virtuell für kurze Zeit im Gelben Trikot. Aber Armstrong verteidigte die Führung noch ein Mal mit aller Macht.

"Wenn die Beine gut sind, greife ich wieder an", kündigte der Olympia-Zweite von Sydney an, wo er das Straßenrennen zusammen mit seinen Telekom-Team-Kollegen Ullrich und Andreas Klöden beherrschte. Als Belohnung dafür wurde er von den Behörden zum Polizei-Oberst befördert und bekam ein Appartement geschenkt. Bei diesen guten Verbindungen ist es kein Wunder, dass sich der Staatspräsident schon öfter bei Winokurow telefonisch erkundigt hat, wie es bei der Tour so läuft. Kasachische Journalisten werden erst im nächsten Jahr bei der Tour erwartet - selbst wenn sich "Winos' Traum, "die Pyrenäen in Gelb zu verlassen" nicht erfüllen sollte.

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