Das Rating ist alles andere als eine unfehlbare Institution
Wenn Banken raten

Betriebswirtschaft ist nicht die starke Seite der Banker. Deshalb liegen die Banken beim Unternehmensrating häufig daneben und verteuern den Kredit.

Selten gab es so viele neue Business-Entwicklungen wie heute, die von so vielen Unternehmen verschlafen werden. Ein besonders gravierendes Beispiel ist das neue Rating, mit dem Banken künftig kreditsuchende Unternehmen belästigen werden. Laut einer Studie der DG Bank haben 22 Prozent der befragten Manager bislang vom Rating nur gelesen oder gehört. Nur acht Prozent kennen nicht nur den Begriff, sondern haben sich bereits damit auseinander gesetzt, was da künftig auf sie zukommt.

Und da beginnt bereits die Reihe der Irrtümer: Das Rating kommt nicht, es ist schon lange da. Viele Unternehmer meinen immer noch, das Rating komme 2004, wenn das zweite Konsultationspapier des Baseler Ausschusses für Bankaufsicht und Kreditwirtschaft (wer denkt sich nur solche Namen aus?) an die Stelle des bislang geltenden Eigenkapitalakkords von 1988 tritt. Irrtum. Die meisten Banken bewerten ihre Kredite schon heute. Und je intensiver eine Bank ratet, desto größer wird die Zinsspreizung. Einige Unternehmen erhalten weiterhin billiges Geld, andere wundern sich heute schon.

Die Banken bestreiten den Zusammenhang der Kreditkonditionen mit ihren internen Ratings vehement. Wer ihnen glaubt, begeht einen zweiten Irrtum. Denn mit dem Rating wird Geld teurer und knapper.

Manchmal fehlt der Durchblick

Man könnte jetzt sagen, es ist fair, wenn größere Risiken höher verzinst werden. Das stimmt. Und es würde auch für das Rating stimmen, wenn die Risikoanalyse frei von Irrtümern wäre - was sie aber nicht ist. Das Rating ist alles andere als eine unfehlbare Institution.

Einige Banken bestrafen zum Beispiel explizit die wohlbegründete Auswahl eines einzelnen Lieferanten (Single Sourcing) beim Supply Chain Management, was den Projektleiter Prozessoptimierung eines deutschen Spezialwerkzeuge-Herstellers schier verzweifeln lässt: "Da haben wir uns vier Jahre lang den ... aufgerissen, um vertikal kooperativ zu integrieren, erreichen damit prozess-spezifische Renditesteigerungen nahe zehn Prozent, und unserer Bank fällt dazu nichts Besseres ein als uns quasi als Belohnung den Kredithahn zuzudrehen." Angeblich, weil bei Einzellieferanten das Ausfallrisiko größer sei.

Kann es sein, dass einige Banken noch nie etwas von Supply Chain Management gehört haben? Kann es sein, dass Banken es nicht fertigbringen, die Konsequenzen etwa von Single Sourcing durch die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung bis zur Liquidität und zum Gewinn durchzukalkulieren? Ja, leider. Schließlich ist das nicht ihr Business.

Das Rating ist schlicht Verhandlungssache

Merke: Das Rating ist keine unanfechtbare TÜV-Plakette - obwohl einige Banken die niedere Stirn haben, diese Metapher zu bemühen. Das Rating ist schlicht Verhandlungssache: Man sollte also seinen Bankmenschen auf seinen betriebswirtschaftlichen Nachholbedarf aufmerksam machen. Das erfordert Geduld, denn Betriebswirtschaft ist nicht die Stärke von Banken.

Ein Tipp: Viele Banken haben Info-Broschüren zum neuen Thema Rating herausgegeben. Besorgen Sie sich von mindestens vier Banken diese Broschüren. Denn die Unterschiede sind eklatant. Während viele Banken sich in unverhohlener Abwiegelung und nichtssagenden Allgemeinplätzen suhlen, geben andere ehrlich ihre Rating-Kriterien preis, wie zum Beispiel die Volksbanken.

An diesen Rating-Kriterien erkennen Sie auf den ersten Blick, wo produktions- und markttechnische Stärken Ihres Unternehmens in sicherungstechnische Schwächen uminterpretiert werden: Knöpfen Sie sich diesbezüglich Ihren Banker vor und erlösen Sie ihn von seiner Unwissenheit - er kann nichts dafür.

Vielen vorn liegenden Unternehmen ist diese unbezahlte Nachhilfe für die Hausbank einfach lästig. Sie verlassen sich heute schon lieber auf externe Ratings. Leider taucht bei der externen Vergabe unweigerlich ein weiterer Irrtum auf: Externe Ratings seien teuer.

Teurer heißt nicht besser

Unter einem fünfstelligen Betrag, so geht die Mär, sei für einen Mittelständler nichts zu holen, häufiger sei Sechsstelliges. Das stimmt - wenn man in der Apotheke einkauft. Natürlich haben die teuren Rating-Agenturen die teuerste Werbung und den kostenintensivsten Außendienst. Doch es gibt etliche Agenturen, die zu einem Bruchteil des Honorars vergleichbare, oft bessere Leistungen bieten.

Doch wozu das Ganze? Dies führt uns zu einem weiteren Irrtum: Das Rating sei doch sowieso nur eines dieser völlig unnötigen Siegel wie das CE oder die ISO, mit dem Agenturen Geld verdienen und das man notgedrungen anschaffen muss, um weiter billig Kredit zu bekommen. Mag sein, doch das kann nicht erklären, warum bereits heute so viele, vor allem mittelständische Firmen extern raten lassen.

"Das Rating ist eine hervorragende Gelegenheit, unsere Firma von oben bis unten durchleuchten zu lasen. Wir haben bereits jetzt durch die entdeckten und beseitigten Unwirtschaftlichkeiten im Betrieb das Agenturhonorar zehnfach wieder hereinbekommen", berichtet der Geschäftsführer eines Profilbauers in Bayern. Dies, und nicht der kreditwirtschaftliche Nebenaspekt, ist die eigentliche Chance beim Rating. Wer wagt es, sie zu nutzen?

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