Das Reden übernimmt der Kanzler
Besuch bei einem ernüchterten Feldherrn

Gerhard Schröder und George W. Bush beenden eine lange Periode des Schweigens. Freunde aber sind sie deshalb noch lange nicht.

NEW YORK. Etwas steif sitzen sie auf ihren bequemen Sesseln: der mächtigste Mann der Welt und sein aufsässiger Amtskollege aus Germany. Es ist vollbracht. Nach mehr als eineinhalb Jahren haben George W. Bush und Gerhard Schröder ihre Gespräche "fortgesetzt", so nennt es der Kanzler. Immerhin, knapp 40 Minuten ziehen sich die beiden Regierungschefs im New Yorker Hotel Waldorf Astoria in die Präsidenten-Suite zurück. Aber mehr als der erste Schritt einer immer noch mühsamen Annäherung ist der Besuch nicht.

"Es war ein sehr gutes Gespräch", versichert der US-Präsident anschließend den wartenden Reportern, "die Differenzen sind vorbei." Man sei schließlich gemeinsamen Werten wie Frieden, Freiheit und Wohlstand verpflichtet. Dann lobt er das deutsche Engagement in Afghanistan und die vom Kanzler angebotene Hilfe im Irak. Dabei hat Schröder seine Offerte, die Deutschen könnten irakische Polizisten ausbilden, nicht einmal aufgestockt.

Kurz schütteln sich Bush und Schröder die Hände, und die Fotografen senden den Händedruck als Beleg der Annäherung wenig später um die Welt. Aber wirklich entspannt wirken die beiden nicht. Während der fünf Minuten, die sie nach ihrem Treffen vor der Presse stehen, vermeiden sie jeden weiteren Körperkontakt. Die sonst bei solchen Gelegenheiten üblichen Freundschaftsgesten fehlen, Einladungen werden nicht ausgesprochen. Ein kurzes gegenseitiges Schulterklopfen beim Hinausgehen, das ist alles.

Das Reden übernimmt der Kanzler. Doppelt so lange wie Bush berichtet er über das Treffen, nennt die Gesprächsthemen Wirtschaft und Nahost. Bush nickt dazu, aber er lächelt kaum - und Fragen beantwortet er nicht. "Es war ein wirklich gutes Gespräch", versichert Schröder. "Wir sollten es so nehmen, wie es war." Begeistert klingt das nicht.

Als reuige Sünder waren Schröder und Außenminister Joschka Fischer nicht nach New York gereist, und mehr als den Beginn einer Annäherung konnten sie so nicht erwarten. Den Weg zu Bush wollten sie auf gar keinen Fall als Gang nach Canossa verstanden sehen. Keiner der beiden Deutschen sieht Anlass, sich bei den Amerikanern für die harsche Ablehnung des Irak-Kriegs zu entschuldigen. Warum auch? Porzellan, so die Überzeugung im rot-grünen Regierungstross, ist schließlich auf beiden Seiten des Atlantiks zerschlagen worden. "Es geht doch jetzt nicht um Selbstbezichtigung", antwortete Schröder im Vorfeld des Treffens etwas unwirsch auf entsprechende Fragen. "Wir wollen nach vorne schauen."

Auch über sein ganz persönliches Verhältnis zu Bush schweigt sich der Kanzler lieber aus. "Darüber verbreite ich mich nicht öffentlich", betont er. "Man sollte Politik nicht personalisieren." Der Niedersachse und der Texaner werden einfach nicht warm.

Aber auch die andere Seite pflegt einen nachgerade sparsamen Umgang mit Emotionen. Das liegt nicht nur am verletzten Stolz der einzig verbliebenen Weltmacht. Vielmehr gerät die US-Regierung unter immer stärkeren Druck. Die ungewohnt freundlichen Worte für die ungeliebten Kriegsgegner aus dem alten Europa kommen nicht von ungefähr. Die anhaltende Unsicherheit und Bedrohung im Irak, die explodierenden Kosten für die Militärmission und die flaue Wirtschaftslage bringen George W. Bush ein gutes Jahr vor dem US-Wahlkampf in Zugzwang. Seine Umfragewerte sind auf einen Tiefpunkt gesunken; er gilt selbst den patriotischen US-Medien plötzlich als "verwundbar".

Die Supermacht braucht Hilfe; am besten zu ihren Bedingungen. Wenn das aber nicht oder nur mit "begrenzten Ressourcen" geht, wie Schröder betont, dann ist man in Washington jetzt offenbar auch bereit, den Vorschlägen der anderen Nationen zuzuhören.

"Lasst uns zusammenarbeiten", lautet deshalb der Kernsatz von Bushs Rede vor den Vereinten Nationen. Aufmerksam verfolgen auch Schröder und Fischer am Dienstag den Auftritt des Präsidenten im Uno-Gebäude am Hudson River. Sie sehen einen ernüchterten Feldherrn; nicht mehr den entschlossenen, die Zögerlichkeit der Weltgemeinschaft anklagenden Unilateralisten von vor einem Jahr. Zwar rechtfertigt Bush den Irak-Krieg fast trotzig mit Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Beweise jedoch kann er auch mehr als fünf Monate nach Kriegsende nicht vorlegen; und so ist sein Einlenken unverkennbar, wenn er etwa "jenen Ländern, die nicht mit uns übereinstimmten", für ihre Hilfe im Kampf gegen den Terror ausdrückliche Anerkennung zollt.

Schröder hört reglos zu, während Fischer neben ihm in Papieren blättert. Es ist schwer zu sagen, ob aus den dunklen Augenhöhlen des Kanzlers Ablehnung, Zustimmung, Genugtuung oder einfach nur Müdigkeit spricht.

In der Delegation des Auswärtigen Amtes stuft man Bushs Auftritt als "schwach" ein. Seine voller Pathos vorgetragene Aufforderung, neben dem Terror jetzt auch Hunger, Aids, sexuellen Missbrauch von Kindern und Menschenhandel global zu bekämpfen, werten Diplomaten als "wohlfeilen Wunsch" und "Ablenkungsstrategie".

Immerhin, Bushs wiederholtes Werben um Zusammenarbeit innerhalb der Weltgemeinschaft wird mit Befriedigung registriert. Das gilt auch für ein Fernseh-Interview, in dem der US-Präsident die "pazifistische Haltung" der Deutschen gegen den Irak-Feldzug verständnisvoll mit den leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs erklärt.

Während die fehlenden Erfolge in der Außenpolitik Bush im eigenen Land zu schaden beginnen, scheint Schröder das internationale Parkett vor allem deshalb zu suchen, weil er sich von den jüngsten Tiefschlägen der deutschen Innenpolitik erholen will.

Binnen einer Woche hat der Kanzler ein kräftezehrendes politisches Feuerwerk entfacht: Am Donnerstag tagt das französische Kabinett in Berlin, am Samstag trifft Schröder Tony Blair und Jacques Chirac zum Dreiergipfel in Dresden und reist dann in die Schweiz, am Montag absolviert er noch einen deutsch-polnischen Gipfel, um dann ab Dienstag in New York das Tempo nochmals zu steigern.

Der Kanzler betreibt Diplomatie im Halbstundentakt. Erst macht er Uno-Generalsekretär Kofi Annan die Aufwartung, dann trifft er sich mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, mit Brasiliens Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, Südafrikas Staatsoberhaupt Thabo Mbeki, Kuwaits Ministerpräsidenten Scheich Sabah El Sabah und - als Anerkennung für die Lösung des Geiseldramas in der Sahara - mit dem algerischen Staatschef Abdelaziz Bouteflika. Vor diesem weltumspannenden Panorama könnte das Wahldesaster der SPD am Sonntag in Bayern schnell wie ein kleiner Betriebsunfall wirken. War da was?

Doch Schröder ist Realist genug, um sich nicht von der schillernden Kulisse der hohen Diplomatie ablenken zu lassen. Er weiß, dass die "schmerzliche Niederlage in Bayern" jene Kritiker vom linken Rand der SPD bestärkt, die den Reformprojekten ihres Parteivorsitzenden immer die soziale Gerechtigkeit absprechen. Doch Schröder, der Entschlossene, will nicht nachgeben, weder in New York Bush noch zu Hause der SPD. "Es gibt keine Alternative zu unserem Kurs", betont der Kanzler. Das geht auch an die Adresse der wehklagenden bayerischen Genossen. Aus Schröders Sicht haben sie die Quittung für ihren Wahlkampf gegen die eigene Partei erhalten.

Das Murren darüber ist dem Kanzler nicht entgangen, als er am Montag zwischen Staatsbesuchen und Gipfelreisen schnell das Präsidium der SPD leitet. Dort spricht er eindringlich von einem "letzten Warnschuss". Einige hätten "den Ernst der Lage nicht begriffen".

Sollte die SPD die Agenda 2010 nicht Punkt für Punkt mit eigener Mehrheit im Bundestag durchsetzen, will Schröder sogar die Vertrauensfrage nicht mehr ausschließen. Fahre der Reformzug gegen die Wand, so warnt Schröder die Seinen im Präsidium, werde die nächste Oppositionsphase länger dauern als die seinerzeit von Herbert Wehner prognostizierten 15 Jahre.

In New York vor der Uno allerdings zieht der Kanzler lieber eine andere historische Parallele; schließlich ist die 30-jährige Mitgliedschaft Deutschlands auch der offizielle Anlass für seine Reise. Anknüpfend an Willy Brandt, der im September 1973 vor den Vereinten Nationen die Antrittsrede für den freien Teil des damals noch geteilten Deutschlands hielt, erneuert Schröder an gleicher Stelle das Bekenntnis des ersten SPD-Bundeskanzlers zur "Weltinnenpolitik". Im Kampf gegen "Krieg, Chaos und Selbstzerstörung" helfe Deutschland mit mehr als 9 000 Soldaten und Polizisten, die derzeit bei internationalen Friedensmissionen tätig seien, unterstreicht der Kanzler.

Trotz der vorsichtigen Annäherung: An Mahnungen an die Adresse der USA lässt es Schröder in seiner Rede nicht fehlen. Er fordert einen "entschlossenen Multilateralismus", hebt die Bedeutung des Internationalen Strafgerichtshofs hervor und erinnert mit Blick auf den Irak an die "Lehren der Geschichte": "Wir werden scheitern, wenn wir unser Denken und Handeln auf militärische und polizeiliche Aspekte verengen."

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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