Das Reich der Mitte wird zunehmend zur Fabrik für die Welt
China – ein Kraftprotz auf dem Sprung

Von Zahnprothesen über Kühlschränke bis hin zu Schuhen - Chinas Wirtschaft überschwemmt den Globus mit billigen Produkten. Nicht nur die Nachbarn in Südostasien macht dies zunehmend nervös. Dabei ist China immer noch ein gefesselter Riese, denn große Teile der Wirtschaft arbeiten ineffizient.

PEKING. Der Skandal um billigen Zahnersatz aus China hat einen interessanten Nebenaspekt. Er ist Sinnbild für die Wucht, mit der sich billige Produkte aus China wie ein Mahlstrom über den Rest der Welt ergießen. Aus China stammen 90 % aller Schlagbohrer, 80 % aller Feuerzeuge, 50 % der weltweit verkauften Kameras, 30 % der Klimaanlagen und Fernseher sowie jede vierte Waschmaschine. "China kann bis 2010 zur Fabrik der Welt aufsteigen", sagt Guo Kesha, Chef des WTO-Zentrums an Chinas Akademie der Sozialwissenschaften.

Statistisch hat China allein im vergangenen Jahr für jeden der sechs Milliarden Erdenbewohner ein paar Schuhe, 2,8 Kleidungsstücke und 1,7 Meter Stoff produziert. Das Reich der Mitte stieg in den letzten zehn Jahren vom 13. auf den 6. Platz in der Rangliste der größten Handelsnationen auf. Kein Land liefert mehr Handys, Monitore und Haushaltsgeräte. Die globale Wirtschaftsflaute heizt den Vormarsch der billigen Produkte noch an.

Die Dynamik dieses Kraftprotzes sorgt in Nachbarländern und selbst in den USA für Nervosität. Stephen Roach, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley, sieht eine deflatorische Walze, die von China ausgeht. Der Leiter der Yale School of Management, Jeffrey E. Garten, fragt gar, "wann wird alles in China hergestellt?" Auch in Südostasien wird gewarnt, dass China Investitionen und Produktion abzieht.

"China ist der viertgrößte Produzent der Welt geworden, es sendet gleich vier Schockwellen aus", schreibt das Manila Bulletin auf den Philippinen: Gemeint sind Größe, Dynamik und Anziehungskraft des Landes sowie sein gewaltiger Binnenmarkt. Chinesische Zeitungen kontern, schon Großbritannien sei einmal zur Fabrik der Welt erklärt worden. 1860 habe es 53 % der globalen Eisenproduktion und 50 % der Kohle auf dem Globus geliefert. Dagegen habe Chinas Produktion 1999 mit einem Volumen von 500 Mrd. $ nur 5 % der weltweiten Leistung ausgemacht.

Derweil schwillt der Kapitalstrom ausländischer Firmen, die schon 60 % zu Chinas Exporten beitragen, weiter an. In diesem Jahr hat China als weltgrößtes Zielland für ausländische Direktinvestitionen die USA überholt. "China hat den Zuckerkuchen WTO geschmeckt", sagt Fan Gang, ein führender chinesischer Ökonom. Immer mehr kaufen Auslandsinvestoren in China für ihre dortige Produktion und für den Absatz in anderen Märkten ein. Für über zehn Mrd. Dollar hat etwa Wal-Mart 2001 Waren aus China in seinen Märkten rund um den Globus verkauft. Der deutsche Handelsriese Metro kauft für über eine Mrd. Euro im Jahr Waren in China.

Doch Experten warnen davor, China zu überschätzen. Die Zahlen bilden die Realität nicht voll ab, sagen sie. Zum Beispiel Tom Doctoroff, China-Chef bei J. Walter Thompson: "Die chinesische Volkswirtschaft wird von Überkapazitäten geplagt. Es gibt viele Produkte, die nicht gut funktionieren oder aussehen". Das OECD-Jahrbuch für 2002 nennt am Beispiel von Chinas Textilindustrie zahlreiche strukturelle Schwächen, die sich hinter den großen Exportzahlen verbergen: ineffiziente Staatsfirmen etwa und ein Mangel an Innovationen und hochwertigen Gütern. Die Nachrichtenagentur Xinhua rechnet vor, dass nur 70 % der chinesischen Produkte "up to standard" seien.

Mehr noch: Chinas Exporte werden durch die Bindung des Renminbi an den Dollar verbilligt, obwohl die chinesische Währung wegen der hohen Exportüberschüsse enormen Aufwärtsdruck aushalten muss. Die Notenbank schwächt den Auftrieb durch Devisenkäufe. Notenbankgouverneur Dai Xianglong muss sich immer öfter Rufe nach einer Aufwertung anhören. Das aber ändert nichts daran, dass China auch auf der Technologieleiter empor klettert. Maschinen und Elektroprodukte machen schon fast die Hälfte der Exporte aus. Und Hightech-Ware ist das am schnellsten wachsende Segment in Chinas Lieferungen an die USA.

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