Das Risiko der Zahlungsunfähigkeit des Landes ist weiter gestiegen
Die Märkte zittern um Argentinien

Die Finanzwelt blickt mit Sorge nach Argentinien. Die Ungewissheit über die Auszahlung von IWF-Krediten haben die Nervosität erhöht. Das Risiko der Zahlungsunfähigkeit des Landes hat zugenommen.

ang/yo/ret FRANKFURT/M./BUENOS AIRES. Die Argentinien-Krise spitzt sich zu. Das Schicksal des Landes steht und fällt mit der anstehenden Entscheidung des Internationalen Währungsfonds (IWF), ob zum einen eine Kredittranche aus dem Monat September bereits im August gezahlt und zum anderen weitere Kredite gewährt werden. Das mit 128 Mrd. $ hochverschuldete Land steht bei IWF und Weltbank bereits mit Hilfskrediten von 40 Mrd. $ in der Kreide. Um die geschrumpften Währungsreserven Argentiniens aufzustocken hatte der IWF vorgeschlagen, eine im September anstehende Kredittranche über 1,2 Mrd. $ bereits im August zur Verfügung zu stellen.

Doch das Land benötigt darüber hinaus weitere 6 bis 9 Mrd. $. Argentiniens Finanzminister Daniel Marx hat entsprechende Gespräche mit dem IWF-Direktor Horst Köhler und internationalen Geschäftsbanken geführt. "Argentinien braucht neue Kredite von zumindest 10 Mrd. $, um die Abflüsse von Bankeneinlagen und Devisen zu stoppen", sagt Pierro Ghezzi, Volkswirt der Deutschen Bank in New York. Andere Analysten argumentieren, Argentinien verfüge in diesem Jahr noch über genügend Liquidität, um seine Schulden bedienen zu können. Mauro Toldo, Rentenanalyst der DG Bank, sagt, private Banken seien bereit, Verbindlichkeiten von 1,2 Mrd. $ umzuschulden. Außerdem wollten argentinische und spanische Unternehmen Steuervorauszahlungen in Höhe von 1,5 Mrd. $ leisten.

In New Yorker Finanzkreisen wurde betont, die Entscheidung über ein neues Hilfspaket für Argentinien hänge am Segen der USA. Deren Präsident George W. Bush hatte Argentinien zur raschen Umsetzung der geplanten Wirtschaftsreformen aufgefordert. Die Regierung in Washington sei weiterhin für alle Auswege aus der Krise offen. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Allan Meltzer, dem enge Kontakte zu Bush nachgesagt werden, warnte allerdings davor, einen großen Fehler zu begehen und Argentinien neue Finanzhilfen zu geben. An den Finanzmärkten sei die Zahlungsunfähigkeit des Landes in den aktuellen Aktien- und Anleihekursen bereits eingepreist, sagte Meltzer.

In diesem Kontext finden die Experten des Finanzhauses BNP Paribas deutliche Worte. Analyst David Shairp zeichnet für Argentinien ein alarmierendes Szenario. Es bestehe die Gefahr, dass das Land im Monat September in Zahlungsverzug komme, da die Tilgungskosten in diesem Monat explodieren. Die Wahrscheinlichkeit für die Zahlungsunfähigkeit sei in drei Wochen von 60 % auf 90 bis 95 % gestiegen. Auf eine bestimmte Ausfallwahrscheinlichkeit will sich Reinhard Cluse, Volkswirt der Commerzbank, nicht festlegen. "Selbst wenn der IWF oder die G7-Länder weitere Kredite gewähren, löst das Argentiniens Probleme nicht automatisch." Das Land leide unter einem Solvenzproblem. "Der Zeitpunkt einer möglichen Umschuldung hängt nicht nur von der Zahlungsfähigkeit des Landes ab", sagt Cluse. "Wenn Politiker sehen, dass eine Umschuldung unvermeidbar ist, könnte es dazu schon vorher kommen."

Als kritisch wird bei BNP unter anderem die Entwicklung der Währungsreserven betrachtet. Diese waren in der Vorwoche auf nur noch 15,4 Mrd. $ gefallen, zuletzt nach Angaben der Deutschen Bank aber wieder auf 17 Mrd. $ gestiegen. Bei einem Rückgang auf 10 Mrd. bis 12 Mrd. $ sei mit der Freigabe des seit 1991 eng an den Dollar gebundenen Pesos zu rechnen, prognostiziert David Shairp. An eine Peso-Freigabe glaubt Mauro Toldo von der DG Bank indes nicht. "Vertrauen zu schaffen ist das Wichtigste. Eine Peso-Abwertung würde eine Kapitalflucht nach sich ziehen. Ein solches Risiko kann man nur bei einem Zahlungsausfall eingehen."

Auch in Buenos Aires hieß es, dass eine Abwertung des Pesos wegen des geringen Vertrauens der Argentinier in die eigene Währung zu einem Run auf Bankeinlagen führen und eine Kette von Firmenzusammenbrüchen nach sich ziehen würde. "Bei ersten Anzeichen einer Abwertung rennen die Argentinier zur Bank und tauschen Pesos gegen Dollar", warnt Wirtschaftsminister Domingo Cavallo.

Nach massiven Kursverlusten stabilisierten sich die Aktien- und Anleihemärkte Argentiniens am Mittwoch. Der im März 2005 fällige Brady-Dollarbond Argentiniens mit 5,5625 %igem Kupon der im Tief auf 707/8 % fiel, erholte sich auf 727/8 %. Der Merval-Index der Börse Buenos Aires stieg im Anfangsgeschäft leicht. Er hat gegenüber dem Ultimo 2000 rund 24 % verloren.

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