"Das Schlimmste überstanden": Rekordverlust beim Technologiekonzern ABB

"Das Schlimmste überstanden"
Rekordverlust beim Technologiekonzern ABB

Der hoch verschuldete Elektrotechnikkonzern ABB hat 2002 mit einem Rekordverlust von 787 Millionen Dollar oder gut einer Milliarde Franken noch schlechter abgeschnitten als erwartet.

Reuters ZÜRICH. Dennoch rechnet ABB-Konzernchef Jürgen Dormann damit, dass das Schlimmste überstanden und im kommenden Jahr wieder ein Gewinn möglich sein sollte, auch wenn sich die Marktverfassung kaum durchgreifend verbessern dürfte. Der Umsatz sank 2002 um sechs Prozent auf 18,295 Milliarden Dollar und der Auftragseingang ermässigte sich um acht Prozent auf 18,112 Milliarden. 2001 hatte ABB einen Verlust von 691 Millionen Dollar erwirtschaftet.

Gewichtige Verlustfaktoren wie die Kosten des Asbest-Vergleichs in den USA sollten dieses Jahr nicht wiederkehren. Zudem entfiel ein Teil der Verluste auf Konzernteile, die Dormann verkaufen will. Eine Dividende will ABB dieses Jahr nicht zahlen. Die Aktionäre können laut Dormann erst wieder auf eine Ausschüttung hoffen, wenn sich die Profitabilität auf einem akzeptablen Niveau bewegt. Dormann rechnet kurzfristig nicht mit einer Verbesserung der Marktverfassung. In den kommenden zwölf bis 18 Monaten werde sich aber zeigen, ob ABB unabhängig bleiben kann. Dormann, der im vergangenen September zusätzlich zum Verwaltungsratspräsidium auch die Funktion des CEO übernommen hat, verordnete dem Konzern seitdem einen weiteren Stellenabbau und leitete den Verkauf von mehreren Unternehmensteilen ein.

Dank dem Verkauf des Bereichs Structured Finance sank die ABB-Gesamtverschuldung bis Ende 2002 auf 7,95 Milliarden Dollar nach über elf Milliarden vor einem Jahr. Aber das Eigenkapital halbierte sich auf 1052 (Vorjahr 2014) Millionen Dollar. Bis Ende 2003 will ABB die Verschuldung auf rund 6,5 Milliarden Dollar und bis 2005 auf rund vier Milliarden Dollar senken.

Pläne für eine Kapitalerhöhung gibt es laut Finanzchef Peter Voser derzeit nicht. ABB muss 2003 Schulden im Umfang von 2,1 Milliarden Dollar zurückzahlen und 2004 werden 1,3 Milliarden fällig. Experten zweifeln daran, dass diese Summen allein aus eigenen Mitteln und dem Verkauf von weiteren Unternehmensteilen aufgebracht werden kann.

Verhandlungen mit Interessenten

ABB verhandle mit mehreren Interessenten über den Verkauf des Bereichs Öl, Gas und Petrochemie in Teilen oder als Ganzes, so Voser. Zum Verkauf steht auch die Haustechnik, wo es in diesem Jahr zu einem Abschluss kommen sollte. ABB erwartet daraus einen Erlös von mindestens zwei Milliarden Dollar. Ob dieser Preis angesichts der Verluste in den Bereichen realistisch ist, ist in den Augen von Alex Migliorini von der Bank Pictet eine offene Frage. Auf der anderen Seite: "Der erfolgreiche Verkauf dieser Vermögenswerte ist ein Muss, wenn das Unternehmen 2003 erneute Liquiditätssorgen vermeiden will," schrieb der Analyst in einer ersten Beurteilung des Abschlusses.

Dormann will ABB auf die Automation und Energietechnik ausrichten. In den Bereichen, die verkauft werden sollen, sind rund 30 000 Personen angestellt. ABB beschäftige gegenwärtig 139 000 Personen. Zusammen mit den 10 000 bis 12 000 Stellen, die ABB in Zusammenhang mit dem laufenden Kostensenkungsprogramm abbauen will, dürfte der Konzern Mitte 2004 noch weniger als 100 000 Personen beschäftigen. Bis dahin will ABB die Kostenbasis um rund 800 Millionen gesenkt haben.

Ziele sollen weiter gelten

Die schon früher formulierten Wachstums- und Ertragsziele für die kommenden Jahre gelten weiter. Der Umsatz der weitergeführten Bereiche soll bis 2005 jährlich um durchschnittlich vier Prozent wachsen. Bis 2005 strebt ABB den Angaben zufolge weiterhin eine Betriebsgewinn-Marge von acht Prozent an. Im vergangenen Jahr lag die Betriebsgewinn-Marge bei 1,8 Prozent und damit über den vom Konzern angepeilten 1,5 Prozent. 2003 peilt ABB eine Betriebsgewinn-Marge von vier Prozent an.

ABB bleibe zuversichtlich, dass das US-Konkursgericht dem mit den Klägern getroffenen Asbest-Vergleich zustimmen werde. Mehr als 75 Prozent der Kläger stünden hinter dem geplanten Vergleich, der auch den Konkurs der US-Tochter Combustion Engineering beinhaltet. Der Vertrag mit den Asbest-Klägern sieht Schadenersatz in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar vor. Die Zahl der neuen Asbestklagen stieg im vierten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um 114 Prozent auf 33 880. Zum Jahresende waren 136 648 Klagen hängig.

Nach anfänglichen Gewinnen notierten ABB an der schwächere Börse um 15 Uhr um gut acht Prozent schwächer auf 2,66 sfr. Seit Jahresbeginn haben die Titel ein Viertel und im Vorjahr drei Viertel an Wert verloren.

Während Umsatz und Aufträge im Rahmen der Analysten-Erwartungen lagen, fiel der Verlust höher als die von Analysten geschätzten 350 Millionen bis 550 Millionen Dollar aus. Andreas Riedel von der Bank Sarasin verwies auf das gefährlich niedrige Eigenkapital. Zudem bestünden Unsicherheiten bezüglich der Erreichbarkeit der Ziele für 2003 sowie dem Erlös aus den Bereichsverkäufen. Ein Händler erklärte: "ABB bleibt eine Wette, eine Option, deren Laufzeit kürzer wird. ABB muss die Ziele bis 2005 erreicht haben, sonst gibt es das Unternehmen nicht mehr als eigenständige Einheit."

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