Das Spiel gegen die Schweiz zeigt: Die DFB-Elf hat trotz der Kuranyi-Treffer ein Sturmproblem und hängt von Ballack ab
Hinten zu null, vorne irgendwie ein Tor

Als die Leute vom Fernsehen vor den Kabinen des Stadions nach Oliver Kahn verlangen, bedient sich Gerhard Meier-Röhn der Kunst der Ausrede. Der Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sagt, Kahn befinde sich im Baseler St. Jakob-Park bei der Pressekonferenz, aber das ist geschwindelt.

BASEL. Der Nationaltorhüter will nach dem 2:0 gegen die Schweiz nichts sagen und sitzt schon im Mannschaftsbus. Meier-Röhn geht noch einmal nachsehen, bringt aber nur Gerhard Mayer-Vorfelder mit. "So eindeutig, wie es das Ergebnis aussagt, war der Sieg nicht", kommentiert der Präsident des DFB und findet, ein 1:0 hätte es besser getroffen.

Mit einem solchen Ergebnis hat es die DFB-Elf in der Vergangenheit recht weit gebracht. Und deshalb kann die Devise kurz vor der EM in Portugal nur lauten: Hinten zu null spielen, und vorne irgendwie ein Tor erzielen. Bei der WM 2002 in Asien ist Deutschland so bis ins Finale gekommen - relativ schmucklos, relativ unaufgeregt, relativ gefahrlos. "Wir haben wieder zu null gespielt", sagte Michael Ballack. "Das wollten wir." Doch dieses Mal waren es nicht wie bei der WM Heldentaten von Kahn, die Gegentore verhinderten, sondern die Tatsache, dass die Schweizer fünf gute Chancen nicht zu nutzen wussten. Mochte Kahn deshalb nichts sagen oder weil er keine Lust hatte, Fragen nach einem Vereinswechsel zu beantworten? Im Spiel jedenfalls hatte der Kapitän zwar keine Fehler gemacht, dafür wirkte er speziell bei hohen Flankenbällen nicht sicher.

"Ich denke nicht, dass wir absolut beruhigt sein können", sagte Jens Nowotny. Leverkusens Abwehrchef bezog sich auf Szenen, in denen die Schweizer die deutsche Abwehr einige Male in Verlegenheit gebracht hatten. Die Gastgeber spielten flotter und beweglicher. Man habe streckenweise gemerkt, dass "uns die Frische fehlt", sagte Teamchef Rudi Völler. Ob dies auf das Training zurückzuführen ist, wie Völler erklärte, ist zweifelhaft. Denn auch die Schweizer, die ebenfalls für die EM qualifiziert sind, "trainierten zuletzt viel", wie Trainer Jakob Kuhn vieldeutig einwarf. Es ist wohl so, dass das Spiel einer deutschen Mannschaft immer etwas statischer wirkt. Völlers Philosophie ließe sich auf einen, von ihm oft gesagten Satz reduzieren: "Wir müssen gut STEHEN." Das ist eine gewachsene Grundüberzeugung, eine, die Gründe hat. Der wichtigste: Er hat nicht die Spieler für ein anderes, beweglicheres Spiel. Er hat nur Michael Ballack.

Da sich die Deutschen kaum zwingende Torchancen erarbeiteten, wurde erneut Kritik an Ballack laut. Dabei ist er mit 19 Treffern torgefährlicher als jeder Stürmer. Doch der Mittelfeldspieler soll nach Meinung der Kritiker ein Multifunktionsspieler sein. Er soll das Spiel von hinten aufbauen, es im Mittelfeld lenken und vorn auch noch erfolgreich zum Abschluss bringen. Nach Meinung Völlers ist Ballack aber am wertvollsten, wenn er direkt hinter den Spitzen spielt, sodass er "kürzere Wege bis in den gegnerischen Strafraum hat, wo seine eigentlichen Qualitäten zum Tragen kommen". Gegen die Schweiz hatte Völler durch die Hereinnahme von Frank Baumann für Torsten Frings eine zusätzliche Absicherung eingebaut, die nicht mal eine halbe Halbzeit lang klappte. Baumann sicherte zwar Ballack nach hinten ab, nur konnte er nicht dessen Aufgaben im Spielaufbau erfüllen. Auch Bernd Schneider gelang das nicht. Ballack ließ sich wieder tief in die Hintermannschaft fallen und fehlte vorn.

Dort aber wird er am dringendsten gebraucht. Nur drei der letzten neun Tore erzielten Stürmer, vier schoss Ballack gegen Malta. Kuranyi traf am Mittwoch zwei Mal, doch sind Völlers Sorgen im Sturm nicht verschwunden. Die Schweizer habe man als Gegner ausgesucht, weil ihr Spielsystem dem der Holländer ähnelt. Doch die Spieler des ersten EM-Gegners sind individuell viel stärker. Sie werden nicht viele Chancen brauchen, um Tore zu erzielen, und sie werden Völlers Team kaum zum Toreschießen einladen. Klappen kann es nur mit der WM-Taktik: hinten ein sicherer Kahn und vorne ein gefährlicher Ballack.

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