Das "Supermann-Image" des Beraters schreckt viele Kandidatinnen ab
Traumjob Beraterin?

Das Image des Beraterjobs schreckt hochqualifizierte Frauen oft ab. Weibliche Top-Talente sind deshalb eine schwierige Zielgruppe für die Nachwuchsjäger in Unternehmensberatungen.

DÜSSELDORF. Der König von Basthorst, angetan mit Krone und Samtumhang, eilt erhobenen Hauptes durch den Schlossgarten. Im Gefolge junge Frauen in Turnschuhen.

Der König ist Schauspieler, engagiert von einer Event-Agentur. Er ist eine Figur in einer Schnitzeljagd für Erwachsene. Genauer: einer Schnitzeljagd für neun weibliche "High Potentials" - viel versprechende, hochqualifizierte Kandidatinnen für einen Beraterjob bei Accenture. Die Management- und Technologieberatung hat eingeladen zu einem Recruiting-Wochenende auf Schloss Basthorst in Mecklenburg.

Bisher sind Frauen im Beratergeschäft unterrepräsentiert

Bei der Jagd nach klugen Köpfen bleibt wenig unversucht. Der Trend: Die großen Unternehmensberatungen in Deutschland werben um weibliche Talente, möchten den Frauenanteil in ihren Beraterteams erhöhen.

Die Zielgruppe ist nicht leicht zu erobern. So probieren es einige Beratungsfirmen mit speziell geschneiderten Auswahl- und Werbeveranstaltungen. Bei Accenture heißt das Programm "Women?s Initiative", McKinsey nennt es "Motion". Die Boston Consulting Group (BCG) veranstaltet Seminare mit dem Titel "Move Ahead" für Frauen. Andere, wie Roland Berger, haben ihr Hochschul-Marketing umgestellt, um an Absolventinnen zu appellieren. Grund für das wachsende Interesse an Frauen: Nachwuchssorgen. Zu dünn ist das Angebot an geeigneten Kandidaten. "Es sind vor allem auch demographische Gründe", sagt Nikolaus Held, Personalchef bei Roland Berger. "Die Zahl der Hochschulabsolventen fällt und unser Bedarf an Beratern steigt."

Schlummernde Potenziale

Bisher noch sind Frauen im Beratergeschäft unterrepräsentiert. Um zwanzig Prozent sind es bei Cap Gemini Ernst & Young, bei McKinsey oder bei Roland Berger. Auf der Führungsebene, unter den so genannten Partnern, sind meist nur fünf Prozent weiblich.

Da schlummern Potenziale, die nicht leicht zu erreichen sind, sagt Ilka Nofz, Senior-Manager bei Accenture und einer der treibenden Kräfte bei der "Women?s Initiative" von Accenture. Die 35-Jährige ist mit dabei auf Schloss Basthorst. Die hoch aufgeschossene Diplom-Kauffrau mit halblangem braunem Haar hat etwas von einer eisernen Lady - aber mit freundlichem Wesen und verbindlicher Ausstrahlung. "Unser Ziel ist, hier die Hemmschwelle bei den Kandidatinnen abzubauen", sagt Nofz. Das Bilderbuch-Ambiente in der Sommerfrische, das Freizeitprogramm soll eine vertraute, sichere Atmosphäre schaffen. Zusätzlich aber läuft der Auswahlprozess.

Das "Supermann-Image" des Beraters schreckt viele ab

Die neun Kandidatinnen sind Wirtschaftsingenieurinnen, Betriebswirtinnen oder Naturwissenschaftlerinnen, alle seit mindestens zwei Jahren im Beruf. Sie müssen auf Basthorst Case Studies beackern und anschließend die Ergebnisse präsentieren, dabei Führungsfähigkeiten und einen analytischen Verstand zeigen. Wie bei den üblichen Auswahlverfahren - nur anders verpackt. Accenture will sich bei diesem Mecklenburgischen Wochenende als freundliche Alternative zur Konkurrenz anbieten.

Denn das Image des Beraterjobs ist ein Grund, warum es schwierig bleibt, die weiblichen Top-Talente zu gewinnen. "Unternehmensberater sind Leute in dunklen Anzügen, die 14 Stunden am Tag arbeiten und sonst nichts haben im Leben" - dieses Bild haben noch viele im Kopf, sagt Nofz. Andere nennen es das "Supermann"-Image des Beraters, das abschreckt.

Dabei sitzen in Studiengängen, die für Unternehmensberatungen interessant sind, oft über die Hälfte Frauen. "Davon findet sich nur ein Bruchteil in den Bewerbungen wieder", sagt BCG-Partnerin Martina Rißmann, eine von fünf Frauen auf der Geschäftsführungsebene von BCG in Deutschland. Viele fangen dann auch nicht sofort als Berater an, sondern probieren sich erst als "Visiting Associate" aus - in dem Programm, das als ein "Einstieg auf Probe" angelegt ist, sind 80 Prozent Frauen. "Da ist offenbar mehr Sicherheitsbedürfnis", sagt Rißmann.

Dabei sei eine Karriere in der Branche für Frauen ausgesprochen attraktiv - da sind sich Rißmann und Kolleginnen bei anderen Beratungs-Firmen einig. Entfaltungs- und Aufstiegsmöglichkeiten lassen sich demnach auch ganz gut mit Familie vereinen - jedenfalls besser als in vergleichbaren Karriere-Jobs in der Industrie. Bei der Boston Consulting Group haben weit über zwei Drittel der Frauen in den oberen Hierarchieebenen Kinder.

"Sind Sie wirklich Beraterin?"

Trotz der vielen Reisen zu Kunden, trotz der langen Arbeitstage: Die Projektarbeit lässt flexible Arbeitszeiten zu. In vielen Fällen können sich Berater zwischen Projekten eine monatelange Auszeit nehmen. Accenture wirbt mit der Möglichkeit, die Wochenarbeitszeit auf drei Tage zu reduzieren - ein Angebot, das derzeit genauso viele Männer wie Frauen wahrnehmen. Im Alltag gibt es keine Geschlechterspezifischen Probleme, sagen erfahrene Beraterinnen. Kunden reagierten zwar oft überrascht, wenn anstatt des erwarteten dunkelgrauen Anzuges ein Kostüm hereinkäme. Eine Beraterin vertrat zum Beispiel jüngst ein Vorstandsmitglied in einer Sitzung. Erstaunte Frage eines anderen Vorstandes: "Sind Sie wirklich Beraterin?"

Aber Frauen haben oft auch ganz spezielle Fähigkeiten, die ihnen einen Vorteil im Beratungsgeschäft gegenüber ihren männlichen Kollegen verschaffen, sagt Ilka Nofz. Die weiblichen Mitglieder eines Beraterteams haben nach ihrer Erfahrung oft eine bessere Antenne für Stimmungen in einer Kundengruppe. So stellten sie sich auch oft geschickter dabei an, die Kunden für eigene Pläne zu gewinnen. Gerade auch wenn es - wie oft in dem Geschäft - um unbequeme Entscheidungen oder folgenreiche Änderungen ginge. "Wenn sie die Kunden nicht mit ins Boot holen, klappt es nicht", sagt Nofz.

Dass Frauen zumeist besser kommunizieren können und mehr Übung darin haben, in Teams zu bestehen, bestätigen psychologische Untersuchungen: Während Mädchen im Kindesalter eher Teamspiele veranstalten, treten die gleichaltrigen Jungen oftmals lieber in Wettbewerb gegeneinander.

Früh übt sich - die Spiele des Kinderzimmers prägen

Personalmanagement-Experte Jürgen Samland beobachtet, das zwischen männlichen Beratern oft die Devise herrscht: "Trittst du mir ans Schienbein, trete ich dir ans Schienbein."

Allerdings können Team- und Kommunikationsfähigkeiten nur zusätzliche Qualifikation sein: Die Top-Leute in Unternehmensberatungen seien immer noch fast ausschließlich Männer - die oft trotz mangelnder Teamfähigkeiten nach oben gekommen seien, sagt Sabine Siegl, Vorsitzende des Verbandes der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologen und selbst Partnerin in einer mittelständischen Unternehmensberatung. "Da frage ich mich, welche Fähigkeiten die Unternehmensberatungen letztendlich belohnen." Siegls Fazit: Soft Skills spielen eine wachsende Rolle in dem Geschäft - "aber wenn eine Frau Karriere machen möchte, muss sie in harten Wettbewerb treten können".

Drei Kandidatinnen hat Accenture nach dem Wochenende in Mecklenburg ein Angebot gemacht. Ein Recruiting speziell für Frauen - das überzeugte: "Genau dieser Aspekt hat mich auch dazu bewogen, bei der Veranstaltung mitzumachen", sagt eine der Auserwählten. Die 32-jährige Biologin hatte das Negativ-Bild vom Unternehmensberater im Kopf als sie nach Basthorst fuhr. Als sie das Schloss verließ wusste sie: Sie hatte den richtigen Karriere-Weg für sich entdeckt.

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