Das System des Hochschulzugangs steht in der Kritik
ZVS: Zentrale Planwirtschaft

Die bürokratische Studienplatzvergabe durch die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) entwickelt sich immer stärker zu einem Hemmschuh für Innovationen an den Universitäten.

DORTMUND. Die ZVS verwaltet den Mangel - und genau so sieht sie aus. Der schlichte Siebzigerjahre-Bau in der Dortmunder Sonnenstraße macht einen renovierungsbedürftigen Eindruck. Trotz seiner vier Stockwerke verfügt er nicht einmal über einen Fahrstuhl. Räume und Gänge sind derzeit menschenleer. Während die Abiturienten über ihren schriftlichen Aufgaben schwitzen, ist Urlaubszeit bei der ZVS.

Schon bald wird hier Hochbetrieb herrschen. Gerade sind eine halbe Million Exemplare des hundertseitigen ZVS-Infos für das Wintersemester 2002/03 an Schulen, Arbeitsämter und Berufsberatungsstellen ausgeliefert worden. Von Juni an werden die 120 Mitarbeiter der ZVS im Dauereinsatz sein, am 15. Juli, dem letzten Bewerbungstag, sogar bis 24 Uhr. Hier müssen all jene ihre Unterlagen einreichen, die Human-, Tier- und Zahnmedizin oder Psychologie studieren wollen - Studiengänge, bei denen erheblich mehr Bewerber als Studienplätze vorhanden sind.

Doch die ZVS ist bei ihren Kunden in Verruf geraten, wie die Internetseite "ZVS-Opfer" offenbart. Da bietet ein Medizinstudent aus Leipzig 5 000 Euro für einen Platz in Frankfurt. Julia will aus Greifswald nach Hamburg, dringend, denn ihr Freund, in Hamburg, sei seelisch labil. Eine abgewiesene Abiturientin will klagen, bittet um Rat, wie und wen sie verklagen soll, und so weiter, Seite um Seite.

ZVS auf der Kippe

Aber auch viele Bildungspolitiker halten die ZVS für überholt. Sie gilt als Symbol einer bürokratischen, auf zentraler Planung und Verteilung beruhenden Hochschulpolitik. So will Baden-Württemberg den Staatsvertrag über die ZVS kündigen. Stein des Anstoßes: Das Auswahlverfahren, das, so der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU), "falsche Mentalitäten bei den Studierenden fördert" und zur "Provinzialisierung der Hochschulen führt".

Damit steht nicht nur die ZVS zur Disposition, über die gerade noch 20 Prozent der Studienplätze verteilt werden, sondern das deutsche System des Hochschulzugangs schlechthin. Denn dem staatlichen Zwang unterliegen fast alle Hochschulfächer, auf die Auswahl der Studenten haben die Hochschulen keinen Einfluss. "Nur Gefängnisse und Universitäten dürfen ihre Klientel hier zu Lande nicht selbst aussuchen", kritisierte schon Reimar Lüst, der ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Noch immer gilt in Deutschland das Verfassungsgerichtsurteil von 1972, mit dem der Hochschulzugang zum Grundrecht eines jeden Abiturienten erklärt wurde. Danach muss jeder, der über ein deutsches Abiturzeugnis verfügt, zum Hochschulstudium zugelassen werden, außer die Kapazitäten einer Universität sind nachweislich erschöpft. Wann dies der Fall ist und ein Numerus clausus für ein Fach eingeführt wird, regelt eine Kapazitätsverordnung, die von der ZVS erarbeitet wird.

Anfang der Siebzigerjahre, als das System eingeführt wurde, waren die Umstände allerdings noch viel härter als heute. Im Wintersemester 1970/71 zum Beispiel konnten in Hamburg von 2 575 Bewerbern gerade 38, in München von 4 500 240 mit dem Medizinstudium beginnen. 1976 unterlagen mehr als 40 Fächer dem bundesweiten Numerus clausus, heute sind es sieben. Damals war der Staat de facto Monopolist der akademischen Ausbildung. Heute gibt es eine Vielzahl von privaten Alternativen.

Insofern mag die Gründung der ZVS 1973 durch einen Staatsvertrag der Länder damals sinnvoll gewesen sein. Es mussten juristisch einwandfreie Regeln zur Verteilung des knappen Guts Studienplatz gefunden werden. Aber heute ist die zentralistisch-bürokratische Steuerung der Studienplätze ein Anachronismus. "Das Streben nach Exzellenz wird dadurch nicht gefördert, sondern behindert", erklärt der Präsident der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, Rudolf Steinberg.

Die Kritik an ZVS und Numerus clausus setzt vor allem an den Kriterien an, die über den Studienplatz entscheiden. Wer, wo und wann studieren darf, bestimmt sich nach Abiturnote, Wartezeit, Wohnort sowie den von den Hochschulen gemeldeten Studienplätzen. Das Abitur aber, erklärt Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschul-Entwicklung (CHE), sei "kein hinreichendes Kriterium für die fachbezogene Studierfähigkeit eines Kandidaten". Noch weniger sind es Wohnort und Wartezeit.

Bürokratische Monster

Die heute gültigen Regelungen des Hochschulzugangs gehen nicht nur davon aus, dass Studenten ausnahmslos gleich sind, sondern auch Universitäten und Studiengänge. Auf dieser Annahme basieren solche bürokratischen Monstren wie die Kapazitätsverordnung und der ihr zu Grunde liegende Curricularnormwert, die für die Kapazitätsberechnung der Hochschulen maßgeblich sind.

Danach hängt die Zahl der möglichen Studienanfänger von folgenden Faktoren ab: von der Höhe der Geldmittel, die die Hochschule erhält; von den Lehrleistungen des wissenschaftlichen Personals und den räumlichen Bedingungen. Dem steht der Ausbildungsaufwand gegenüber, den ein Student im Laufe seines Studiums benötigt (der Curricularnormwert), der von Fach zu Fach verschieden, aber bundesweit für jedes Fach gleich ist.

Ein solcher Wert impliziert also, völlig wirklichkeitsfremd, dass an jeder Universität gleich ausgebildet wird, jeder Biophysik- oder Informatik-Studiengang republikweit identisch ist. "Das erscheint zwar gerecht, hat aber unerträgliche Konsequenzen", urteilt Müller-Böling. Denn damit wird die Spezialisierung von Hochschulen behindert, wenn nicht gar verhindert. Und während clevere Anwälte Fehler in den Berechnungen aufspüren, um Studenten einen Studienplatz einzuklagen, versuchen umgekehrt die Fakultäten, die Studienkapazitäten herunterzurechnen, oder, wenn es nicht anders geht, die Zahl der Studenten durch Prüfungen auf ein erträgliches Maß zu beschränken.

Die Alternative zu dem bürokratischen Verteilungsverfahren sehen die meisten Experten darin, die Auswahl der Studenten weitestgehend den Hochschulen zu überlassen. Die Hochschullehrer an den Fakultäten sollen selbst festlegen, welche Fähigkeiten die Studenten für das Studium des Faches mitbringen müssen. Sie könnten zum Beispiel vorschreiben, dass der zukünftige Student bestimmte Leistungskurse in der Schule belegt und mit gutem Erfolg absolviert hat, fordert etwa der Frankfurter Juraprofessor Steinberg. Schriftliche Bewerbungen könnten Hinweise auf die Motivation der Bewerber geben, Tests und persönliche Gespräche mit den Hochschullehrern das Bild abrunden.

Auswahl der Bewerber durch die Hochschulen

Außerdem sollte das heutige Verteilungsverfahren umgekehrt werden, fordert Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Zuerst soll die Hochschule unter den besten Bewerbern wählen können, und dann erst, wenn überhaupt, eine Verteilung der übrig gebliebenen Studienplätze stattfinden. Nach diesem Modell wäre die ZVS ein Dienstleister für Hochschulen und Studenten ohne eigene Entscheidungskompetenz.

Für das Auswahlverfahren durch die Hochschulen sprechen die positiven Erfahrungen aus den wenigen Ausnahmebereichen, für die Sondergesetze gelten. So kann die Technischen Universität München seit 1999 sämtliche Studenten der Pilotstudiengänge Biochemie, Molekulare Biotechnologie und Ernährungswissenschaften selbst auswählen. Nicht nur, dass die Abbrecherquote in diesen Fächern gegen Null tendiert. Der Präsident der TU München, Wolfgang Herrmann, führt darauf auch zurück, dass sich die Beziehungen sowohl unter den Studenten als auch zwischen Studenten und Professoren erheblich verbessert haben.

Dass solche Auswahlverfahren die Ausnahme sind, liegt aber nicht in erster Linie am Verfassungsgerichtsurteil von 1972. Ursächlich dafür sind eher Inkonsequenz und Doppelbödigkeit der Bildungspolitiker, die in Sonntagsreden zwar gern die Missstände durch das ZVS-System kritisieren, im Alltag daran aber selbst an führender Stelle mitwirken. Denn der Verwaltungsausschuss der ZVS setzt sich aus 16 Staatssekretären der Länder zusammen. Auch in den beiden Gremien der ZVS zur Ausarbeitung der Vergabeordnung und der Kapazitätsverordnung sitzen die Referenten der Landesministerien.

Auch die Hochschulen scheinen sich trotz aller Kritik an den bürokratischen Vorgaben mit dem gegenwärtigen System abgefunden zu haben. Dabei könnten sie 20 Prozent, ab dem Wintersemester sogar 24 Prozent ihrer Studenten selbst auswählen. Doch von diesem Recht machen sie kaum Gebrauch. Von 35 Universitäten haben in Humanmedizin im Wintersemester 2001/02 gerade zwölf Auswahlgespräche durchgeführt. Erlangen und München werden sie in diesem Jahr einstellen. In Bayern gibt es dann keine Hochschule mehr mit einem eigenen Auswahlverfahren in Medizin - erstaunlich angesichts der heftigen Kritik an der ZVS, die aus Bayern zu vernehmen ist.

Widerspenstige Professoren

Der Grund dafür, dass die Universitäten ihr - wenn auch eingeschränktes - Recht zur Auswahl ihrer Studenten nicht wahrnehmen, liegt Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Frankenberg zufolge an der "negativen Einstellung" vieler Professoren. Hochschullehrer, die die Gespräche mit den angehenden Studenten führen sollen, erhalten zum Ausgleich keine Verringerung des Lehrdeputats. Wer, wie die Medizinprofessoren das Recht auf Privatpatienten hat oder lukrativen Nebentätigkeiten nachgehen kann, lässt sich ungern zusätzliche Arbeit aufbürden.

Spätestens hier zeigt sich, wie wenig sinnvoll die isolierte Abschaffung der ZVS, sein würde. Sie ist nur das Zahnradgetriebe eines Systems, das Leistung auf keiner der beiden Seiten des Hochschulbetriebs honoriert. Eine wirksame Reform müsste die Hochschulfinanzierung und die Studiengebühren ebenso einbeziehen wie das Dienstrecht.

Dafür gibt es vorerst wenig Hoffnung. Im Gegenteil will die Bundesregierung noch vor den Wahlen ihr Verbot der Studiengebühren gesetzlich zementieren. Die Konsequenz wird die Kündigung des Staatsvertrages durch einige Bundesländer wie Baden-Württemberg, Hamburg und wahrscheinlich Bayern und Hessen sein. Das wird zwar zu einem großen Durcheinander führen. Aber unter den gegebenen Umständen wäre selbst das schon ein Fortschritt.

Quelle: Wirtschaftswoche

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