Das Valley schaut gespannt über den Pazifik
Kolumne: M-Commerce: Tora, Tora, Tora!

"Europa ist bei Mobilität führend. Mobile Daten werden das europäische Zeitalter des Internet einläuten." Ermutigt durch den Erfolg bei GSM fühlen sich die Europäer als Vorreiter bei der nächsten Generation des Internet. Hier im Silicon Valley hält man die Sache noch nicht für ausgemacht. Man erwartet, dass die Japaner - beflügelt durch den sagenhaften Erfog von i-mode - auf diesem Gebiet einen Angriff auf die Weltmärkte beginnen werden, wie er zuletzt bei brauner Ware und Kameras stattgefunden hat. Es wird bereits das historische Angriffssignal der Japaner vom 7. Dezember 1941 auf Pearl Harbor zitiert: Tora, Tora, Tora!

In Europa hört man es immer wieder. M-Commerce ist die europäische Domäne. In mobiler Kommunikation ist Europa weltweit führend: Mit GSM hat Europa den Weltstandard gesetzt. Von Europa aus haben Nokia, Ericsson und Infineon ihren Siegeszug um den Globus gestartet. Mit WAP, GPRS und UMTS werden die Europäer deutlich vor den Amerikanern in die mobile Datenzukunft starten.

Und was meint man hier im Silicon Valley? Bei mobiler Infrastruktur und Endgeräten hat das Valley nicht viel zu melden. Trotzdem wird das Thema aufmerksam verfolgt, denn bei den Komponenten, insbesondere im angestammten Chip-Bereich - welcher dem Silicon Valley seinen Namen gegeben hat - wuerde man sich gerne auf den mobilen Weltmärkten zurueckmelden. Seit einigen Monaten wird jedoch nicht mehr Europa als "Lead-Markt" angesehen. Das Valley schaut statt dessen gebannt in die andere Richtung: Über den Pazifik nach Japan.

Die Erfolgsstory i-mode

DoCoMo ("Do Communication Mobile"), die Mobilfunktochter des japanischen Telefonriesen NTT, hat mit ihrem Dienst i-mode bei mobilen Datendiensten weltweit die unangefochtene Führung übernommen. I-mode ist technisch gesehen das japanische mobile Internet. Der Dienst wurde am 28. Februar 1999 eingeführt. In nur zwei Jahren wurden 17 Millionen Abonnenten gewonnen - eine Zahl, von der entsprechende Dienste in Europa oder den USA nur träumen koennen. Und täglich kommen über 50 000 neue Nutzer hinzu. Der Dienst ist fuer DoCoMo auch sehr lukrativ: Die Zusatzeinnahmen je Abonnent liegen derzeit bei umgerechnet ca. 40 DM im Monat. Schon jetzt ist DoCoMo mit i-mode bei weitem der größte japanische Internetzuggangsdienst (auch wenn es sich nicht als solcher versteht). Und wenn es so weiter geht, wird DoCoMo im nächsten Jahr AOL, den derzeit weltweit größten Internet Service Anbieter, übertreffen.

DoCoMo ist auch international expandiert, zunächst nach Honkong, dann nach Europa (Beteiligung an KPN). Hier in den USA erwachte die Wahrnehmung von DoCoMo insbesondere, als der japanische Carrier im Herbst 2000 für 9,8 Mrd. $ eine 16-prozentige Beteiligung and AT&T Wireless erwarb. Letztere ist mit 15 Millionen Abonnenten (davon nur 300 000 mit WAP) der drittgrößte mobile Service Provider der USA. Inzwischen wird schon spekuliert, ob AT&T nachträglich i-mode einführt.

Die Gründe für den Erfolg von i-mode sind mannigfaltig. Am wichtigsten ist wohl, dass i-mode eben gerade nicht als "mobiles Internet", ja nicht einmal als "mobile Datenkommunikation" vermarktet wurde. Statt dessen standen ganz konkrete Applikationen, insbesonder Entertainment (Comix, Horoskope u.a.) sowie Nachrichten im Vordergrund. Diese wurden mit zunächst 65 und jetzt 400 präferierten Inhaltepartnern erstellt - wobei inzwischen viele tausende von Unternehmen zusaetzlich Applikationen bereitstellen. Da kein Internet versprochen wurde, sind regelmäßige Internetnutzer nicht von begrenzter Bildschirmgröße und eingeschränkter Navigation enttäuscht. Und Internet-Neulinge werden nicht verschreckt.

Hinzu kommen andere Dinge: i-mode ist für eine geringfügige Gebühr von sechs DM im Monat "immer an" wenn das Telefon betriebsbereit ist (kein Einwählen). Dies ist anders als beim europäischen WAP-Dienst, aber analog zum sogenannten GPRS-Dienst (welcher derzeit ja auch in Deutschland startet). I-mode ist auch fast so schnell wie GPRS und wird nach Paketen abgerechnet. Die Seiten werden in einer vereinfachten Internetsprache erstellt (konkret: cHTML), was für die Inhalte-Anbieter einfacher und schneller ist als die ganz neue "wireless" Sprache des WAP.

Sicherlich ist die PC-Penetration in Japan niedrig - aber die Ansicht, dies sei der wesentliche Grund für den Erfolg von DoCoMo, ist umstritten. I-mode ist derzeit keine Alternative zum Internet per PC, sondern ein Komplement.

Die japanischen Eletronikkonzerne rüsten sich

Zuletzt profitierte DoCoMo auch von der engen Kooperation mit den Handy-Herstellern. Insbesondere die wichtigen Displays bei i-mode sind von weit höherer Qualitaet als alles, was man in den USA oder Europa sehen kann. Die Endgerätehersteller sind es auch, welche hier im Silicon Valley besonders genau verfolgt werden. Bei künftigen Handies sind fünf Dinge entscheidend: Kenntnis der Consumermärkte, Miniaturisierung, Chip-Technologie, Erfahrung mit Bildern und Lernen in Lead-Märkten (wie jetzt Japan). Und in all diesen Gebieten ist die japanische Elektronikindustrie so gut positioniert wie sonst kaum jemand auf der Welt.

Die Japaner hatten von langer Hand den Einstieg in die dritte Generation des Mobilfunks, UMTS, geplant. Insbesondere hatten sie sich in den europäischen Standardisierungsgremien engagiert - und es waren die Japaner, welche vor drei Jahren das Zünglein an der Waage waren bei der europäischen Spezifizierung des UMTS-Standards. Japan?s Elektronikhersteller hoffen, den derzeitigen GSM-Vorsprung der Europäer wettzumachen, denn Japan startet die neuen Dienste der dritten Generation etwa ein Jahr vor Europa. Dass i-mode bereits jetzt so erfolgreich ist und derzeit das WAP weit übertrifft, ist ein unerwarteter Glücksfall für die Japaner.

Könnte sich der Tsunami der Unterhaltungselektronik wiederholen?

Nun ist es nicht immer vorteilhaft, "Lead-Markt" su sein. Ein klassisches Beispiel ist das hochauflösende Fernsehen (HDTV), in welchem die Rolle Japans aus heutiger Sicht eher mit der eines Versuchskaninchens vergleichbar war. Auch bei den mobilen Datendiensten der dritten Generation sind noch viel Probleme ungelöst. So gibt es beispielsweise derzeit noch keinen Chip, der verbrauchsarm die gewünschte Funktionalität bereitstellen koennte. Der Chip ist wahrscheinlich auch die lukrativste Komponente, weshalb zahlreiche Labors in Europa, Japan und den USA fieberhaft nach einer Lösung suchen. Möglicherweise kommt ein konsumentenfreundliches Produkt für die Einführung von UMTS in Japan zu spät, während sie für die spätere europäische Einführung noch rechtzeitig kommt. Auch ist es noch nicht klar, welche Dienste sich bei UMTS wirklich durchsetzen werden - auch hier muss Japan als erstes eine Lösung bieten. All dies kann bewirken, dass sich der eingentliche Massenmarkt erst in Europa entwickeln wird und die Europäer letztlich doch die Füehrung behalten werden.

Die Spannung im Valley wächst jedoch. Der Schreck der frühen Achtzigerjahre, als die japanische Chipindustrie das Valley als Wirtschaftsregion fast zerstört hat, sitzt bei vielen noch tief in den Knochen. Man erwartet nun bei internetfähigen Telefonen einen ähnlich konzertierten Angriff der japanischen Elektronikindustrie wie zuvor bei Radios, Fernsehern, Kameras und Videorekordern. Sony, NEC, Panasonic und andere werden versuchen, an diese früheren Erfolge anzuknüpfen.

Die Europäer fühlen sich bei M-Commerce noch unangefochten in der ersten Riege. Aus der Sicht des Valley ist dies leichtsinnig. Bei aller Stärke der Europäer ist die größte Gefahr stets die nicht erkannte Gefahr.

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