Das Vermächtnis des Martin Luther King
Traum und Wirklichkeit

Doch King wusste, dass er zu diesem Zeitpunkt weder die Ressourcen noch die Möglichkeiten dazu besaß. Als er am Vorabend seiner Ermordung trotz Erschöpfung eine Rede hielt, muss den 39-Jährigen bereits eine dunkle Vorahnung erfasst haben. Vor protestierenden Arbeitern in der Mason Temple Kirche in Memphis sprach King von Morddrohungen gegen ihn und von der Endlichkeit des Lebens. „Ich war auf dem Gipfel des Berges“, wurde diese letzte Rede später überschrieben. Und als sei er bereits in einer anderen Welt hatte King seinen Zuhörern zugerufen: „Ich habe das gelobte Land gesehen.“

Als der Bürgerrechtler die Rede beendete, musste er von Begleitern gestützt werden. King hatte sein Innerstes nach außen gewendet – bis zur völligen Aufgabe. Starke Emotionen waren bei King nicht neu. Nur diesmal klang es anders, es klang wie ein Lebewohl.

Als King starb, hatte die Bürgerrechtsbewegung fast alles erreicht, was sie erreichen wollte – zumindest auf dem Papier. In den 14 Jahren, die seit der Gerichtsentscheidung „Brown v. Board of Education“ vergangen waren, in dem die Rassentrennung an Schulen aufgehoben wurde, mussten die Erfolge dem Land zwar zäh abgerungen werden, aber sie kamen Schritt für Schritt.

1955 weigerte sich Rosa Parks ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen und löste den Montgomery Bus-Boykott aus. 1960 folgte der Sit-in in Greensboro in North Carolina gegen die unterschiedliche Behandlung in Restaurants, 1964 wurde das Bürgerrechtsgesetz verabschiedet, das Diskriminierungen am Arbeitsplatz verbot und 1965 schließlich wurde der schwarzen Bevölkerung Gleichheit beim Stimmrecht zugestanden.

King hatte Präsident Lyndon B. Johnson über Jahre hinweg in eine bestimmte Richtung gedrängt. Gleichzeitig – bis zum späteren Zerwürfnis über Vietnam – verband die beiden großer gegenseitiger Respekt. Rückendeckung erhielt King zudem von Robert F. Kennedy, der unter Johnson zunächst Justizminister war und später zum Senator von New York gewählt wurde. „Johnson war aber auch selbst überzeugt davon, dass er Armut und Diskriminierung bekämpfen musste“, sagt Wilkins. Dazu bekannte sich „LBJ“ auch, wie etwa in seiner berühmten Rede an der schwarzen Howard Universität in Washington im Juni 1965.

King, Kennedy und Johnson bildeten in diesen Jahren starke individuelle Kraftfelder. Sie standen zwar vor allem für sich, in der Frage der Überwindung der Rassendiskriminierung aber verfolgten sie den gleichen Kurs.

Doch auf einmal, innerhalb von nur Monaten des Jahres 1968, war dies alles vorbei: King erschossen im April 1968, Robert F. Kennedy ermordet nur zwei Monate später im Juni, und Johnson, der zuvor wegen der starken Konkurrenz von Kennedy darauf verzichtet hatte, erneut für die Demokraten ins Rennen zu gehen, stand nicht mehr auf dem Präsidentschaftsticket. Am Ende verlor der Verlegenheitskandidat Hubert Humphrey gegen den Republikaner Richard Nixon, der mit Rücksicht auf die Wähler im Süden die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung wesentlich vorsichtiger behandelte.

„Es war niemand mehr da, der die Nation bewegen konnte“, bilanziert Wilkins. Und so tonlos, wie er es auch nach 40 Jahren noch sagt, spürt man: Für die Bürgerrechtler war 1968 wie ein langer, nicht enden wollender Alptraum.

Nach den Attentaten auf King und Robert Kennedy war die Bewegung im wahrsten Sinne paralysiert. Zum einen wusste sie nicht, wie sie das Vakuum, das der charismatische King hinterlassen hatte, füllen sollte. Zum anderen fehlte ihr die Stoßrichtung. Jetzt meldeten sich jene zu Wort, die King schon immer vorgeworfen hatten, mit seinem bei Mahatma Gandhi entlehnten Ansatz der Gewaltfreiheit die falsche Richtung zu verfolgen. Doch während die einen nach einem neuen Weg suchten und die anderen sich radikalisierten, verlor die Bürgerrechtsbewegung ihre Energie.

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