Das Vermächtnis des Martin Luther King
Traum und Wirklichkeit

Es ist im Grunde das, was der Journalist Shelby Steele als „Weiße Schuld“ beschreibt. Darin sieht er die Ursache allen Übels: Der Erfolg der Bürgerrechtsbewegung habe die Weißen in Amerika dazu gebracht, ihre Schuld über 350 Jahre Unrecht an den Schwarzen, an Sklaverei und Rassendiskriminierung, anzuerkennen. Doch im Ergebnis habe genau dies bei der schwarzen Minderheit zu Passivität, Opferhaltung und Anspruchsdenken geführt.

Nach dem Siegeszug von Martin Luther King stand die farbige Minderheit in den USA zwar plötzlich mit allen Rechten da, so Steele, doch eine Mehrheit wusste nicht, wie sie daraus ein besseres Leben machen sollte. Als der Staat das begriffen hatte und die vielen Gesetze zur „affirmative action“, den gezielten Fördermaßnahmen für Schwarze, verabschiedete, nahm er diesen gleichzeitig jede Verantwortung aus der Hand. „Seitdem profitieren Schwarze überall im Land von dieser systematischen Wiedergutmachung – auch wenn sie eine Diskriminierung nie erlebt haben“, so Steele.

An der Woodson Highschool im Nordosten von Washington kann Raymond Barnett mit den hoch komplizierten Identitätsprozessen von „Black America“ nur wenig anfangen. Der 17-Jährige lebt im Hier und Jetzt. Und wenn der Zwölftklässler über Martin Luther King spricht, dann klingen seine Worte wie auswendig gelernt für einen US-Einbürgerungstest. „Er ist ein Held der amerikanischen Gesellschaft“, sagt Raymond über die Ikone der Schwarzen und schaut dabei mit tiefem Ernst. „Dr. King hat bleibende Werte geschaffen.“

Dennoch muss Raymond jeden Morgen beim Betreten seiner Schule erst einen Metalldetektor passieren und seine Taschen auf Waffen und Drogen kontrollieren lassen, dennoch muss er damit leben, dass auf jedem der sieben Stockwerke des Schulgebäudes bewaffnete Sicherheitsleute stehen und die Schüler fest im Blick haben.

Und auch Raymond kann nicht einfach ein sorgloses Schülerdasein führen, sondern hat mindestens noch ein Parallelleben zu bewältigen. Nach dem Unterrichtsende am Vormittag um halb zwölf geht er unterschiedlichen Nebenjobs nach, um sein Leben und das seiner Familie finanzieren zu helfen.

Raymonds Schule ist ein Beispiel für Aufbruch und Lethargie der Bürgerrechtsbewegung. Als Musterschule für Integration in den 70er Jahren gestartet ist sie heute ein schwarzes Ghetto. „So lange sich die Schüler nur innerhalb dieser Mauern und in diesem Viertel bewegen merken sie gar nicht, dass sie eine Minderheit sind“, sagt Ken Friedman, ein Lehrer, der seit 1972 dabei ist.

Die Schüler störe auch nicht, dass sie keinen Abschluss machten oder nur von Gelegenheitsjobs existierten. „Weil das bei den meisten um sie herum doch auch so ist“, sagt Friedman. „Erst wenn sie ihre Nische verlassen spüren sie, dass etwas nicht stimmt, dass sie am Ende verlieren.“

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