Das Vermächtnis des Martin Luther King
Traum und Wirklichkeit

Auch 40 Jahre nach der Ermordung des berühmten Bürgergerrechtlers Martin Luther King ist das Thema Rassisums in den USA noch immer virulent. Nicht zuletzt die Rede des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama zeigt die Brisanz dieser Debatte - die den Amerikanern aber auch neue Einsichten vermittelt.

WASHINGTON. Raymond Barnett passt irgendwie gar nicht hierher. Er ist zu nett, zu höflich, zu gut erzogen. Er lebt mit Vater und Mutter in einer Familie und er hat sogar einen Cousin, der aufs College geht. Und wenn nicht noch eine Katastrophe geschieht, dann wird der 17-Jährige Afro-Amerikaner im Mai in grüner Robe und Akademikerhut in der Aula der Woodson Highschool stehen und strahlend vor Stolz sein Reifezeugnis entgegen nehmen. Barnett hat dann etwas geschafft, was der Mehrheit seiner Mitschüler nicht gelingt: Er hat die Schule erfolgreich beendet.

Die Woodson Highschool im Nordosten Washingtons ist dabei nicht Ausnahme, sondern die Regel. Für die amerikanische Hauptstadt gilt, dass im Durchschnitt 67 Prozent der Schüler an öffentlichen Schulen so genannte „Drop-outs“ sind. So wie bei Woodson: Nur einer von dreien der 1100 nahezu ausnahmslos schwarzen Schüler kommt am Ende auch ins Ziel. Die anderen scheitern, weil die Eltern zerstritten, geschieden oder nie wirklich zusammen gewesen sind, weil es an Geld fehlt und die Jugendlichen arbeiten müssen oder weil sie auf die schiefe Bahn geraten.

Und das gar nicht so selten mit tödlichem Ausgang. „Wenn ein Mitschüler gestorben ist“, sagt Raymond, „dann kommen seine Freunde mit einem T-Shirt in die Schule, auf dem sein Bild gedruckt ist“. Das Memorial-Shirt – es ist eine letzte Ehre für den Toten, der zumeist Opfer einer der zahllosen gewaltsamen Auseinandersetzung auf den Straßen Washingtons geworden ist.

Amerika und seine schwarze Bevölkerung: Auch vierzig Jahre nach dem Tod von Martin Luther King, der sich am 4. April jährt, sind die USA nicht zu dem geworden, was sich der berühmte Bürgerrechtler erträumt hat: ein Land ohne Rassenschranken. Wie virulent das Thema in diesen Tage ist, belegt die programmatische Rede des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama, die er kürzlich in Philadelphia hielt und in der er von den Weißen Verständnis für den Zorn der Afro-Amerikaner und von den Schwarzen mehr Selbstverantwortung forderte.

 Barack Obama: 'A More Perfect Union' (Full Speech)

Seither wird Obama gern mit Martin Luther King verglichen. Doch ein Blick auf Kings Wirken zeigt: Derartige Vergleiche sind ebenso falsch wie die Annahme, dass sich das Rassenproblem für schablonenhafte Beurteilungen eignet.

„Es würde ihm das Herz brechen, wenn er das heute sehen könnte“, sagt Roger Wilkins. Wilkins, 76 Jahre alt, ist ein lang gedienter Bürgerrechtler – und ein Weggefährte von Martin Luther King. „Bei der Überwindung der Armut haben wir so wenige Fortschritte gemacht“, sagt Wilkins, der in Washington lebt.

Als King vor 40 Jahren, am Abend des 4. April 1968 auf dem Balkon seines Hotels in Memphis im Bundesstaat Tennessee erschossen wird, ist die soziale Lage der schwarzen Minderheit sein Thema. „Er hatte in Chicago die Armut der Schwarzen in den großen Städten erlebt“, erzählt Wilkins. „Und er wusste, dass dies das eigentliche Hindernis zur Überwindung der Rassentrennung war.“

Wilkins, der in den 60er Jahren als Direktor einer staatlichen Agentur arbeitete, die den Afro-Amerikanern dort half, wo die Not am größten war, hatte King wenige Tage vor dessen Tod erlebt. „Martin King war bedrückt von der Last, die er auf sich spürte“, erinnert sich Wilkins. „Die Menschen verließen sich nicht nur auf ihn, sie erwarteten von ihm wahre Wunder.“

Seite 1:

Traum und Wirklichkeit

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%