"Das Wort Macht passt nicht"
Teil 2 des Liz Mohn-Interviews

"Unternehmen heißt etwas gestalten", sagt Liz Mohn. Die Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft spricht im Interview über Unternehmenskultur und Führungsstil, Frauenpolitik und Internationalisierung im Gütersloher Medienunternehmen. Die Fortsetzung des Interviews.

Wenn Sie harte Entscheidungen treffen mussten, auch in den letzten Monaten, hatten Sie dann auch solche Ängste?

Ja, hatte ich. Das sind harte Belastungsproben, die einem sehr nahe gehen.

Fällt es Ihnen schwer, sich von langjährigen Weggefährten zu trennen? Oder sehen Sie das als normalen Teil Ihres Jobs?

Nein, das ist bestimmt nicht normal. Das hat etwas mit Vertrauen geben und Vertrauen nehmen zu tun, mit Rechten und Pflichten. Wenn etwas Einschneidendes passiert, ist es für alle Beteiligten nicht leicht. Wenn Vertrauen nicht mehr vorhanden ist, ist das wie bei einer Scheidung. Ich kenne keinen, der in so einer Situation gesagt hätte, das habe ihm nicht weh getan.

Man härtet nicht ab, aber man muss hart werden?

Man wird reifer. Ich bin nicht mehr wie mit 30 oder 40, ich bin auch nicht mehr die Nur-Optimistin, sondern ich habe aus Erfahrungen gelernt. Und das ist ja auch ein wichtiger Prozess für die Zukunft.

Ist Ihnen der Abschied von dem letzten Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff schwer gefallen?

Thomas Middelhoff hat für seine Leistungen für Bertelsmann Dank und Anerkennung verdient. Eine Trennung von Menschen an meiner Seite fällt mir generell sehr schwer - das gilt nicht nur für einen Vorstandsvorsitzenden. Aber jetzt richten wir unseren Blick nach vorne. Ich weiß das Unternehmen unter der Führung von Gunter Thielen in sehr guten Händen.

Sie müssen auch harte Entscheidungen treffen. Bekennen Sie sich dazu, Macht zu haben und damit umzugehen?

Das Wort Macht passt nicht. Bei uns gibt es einen Wertekodex. Und das ist die partnerschaftliche Unternehmenskultur. Dazu gehört der Dialog. Natürlich möchten viele den Berg erklimmen, aber nicht jeder kann Vorstandsvorsitzender werden. So einfach ist es nicht.

Warum lehnen Sie den Begriff Macht ab? Sie sind Unternehmerin, Sie sind Aufsichtsrätin.

Ich kann gestalten, aber das Wort Macht ist ein Negativbegriff für mich. Wenn Sie Verantwortungsbewusstsein für andere Menschen haben, dann zweifeln Sie das Wort Macht stark an.

Ist das Verantwortungsbewusstsein für Sie eine Belastung oder eine Herausforderung?

Es ist eine Herausforderung. Wenn Sie gut damit umgehen, können Sie vielen Menschen helfen und viele Arbeitsplätze sichern. Wenn Sie diese Art von Verantwortung Ernst nehmen, haben Sie aber auch schlaflose Nächte.

Gehört zu dem Verantwortungsbewusstsein bei Bertelsmann auch Kontinuität?

Kontinuität ist die Voraussetzung des Partnerschaftsmodells. Das kann zwar fortgeschrieben, aber nicht total verändert werden. Menschen verändern sich ja auch nicht total. Menschen haben immer bestimmte Bedürfnisse, das wird auch in der Zukunft so sein.

Auf der Führungsebene sieht das ja nicht ganz so kontinuierlich aus: Im Sommer wechselte der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende unvorhersehbar schnell.

Auch das gehört zu unserem Leben, dass Situationen kommen, wo wir uns alle verändern müssen, oder?

Wird Ihnen Dankbarkeit entgegengebracht, obwohl Sie jemandem die Verantwortung entziehen?

Viele haben gesagt: "Es war eine gute Zusammenarbeit über viele Jahre. Und für diese Phase des Lebens bin ich dankbar." Unbedingt. Das eine kann man mit dem anderen doch verbinden.

In Ihrer Situation sind Sie von Schmeichlern umgeben, von Leuten, die Sie in bestimmte Richtungen drängen wollen, gerade auch in diesen Umbruchzeiten des Unternehmens. Wie wird man damit fertig?

Schmeichler passen nicht zu mir. Ich habe in meiner engen Umgebung andere Mitarbeiter, die ich schon lange kenne und die mir auch mal ein kritisches Wort sagen. Ich suche den Dialog.

Sie lassen solche Leute also gar nicht an sich heran?

Nicht in mein enges Umfeld.

Vor kurzem gab es einen Pressebericht, der hat Sie gemeinsam mit Friede Springer und Gloria von Thurn und Taxis zu den neuen Powerfrauen gekürt.

Ich sehe mich nicht als Powerfrau, mein Leben ist einfach so. Ich sage oft: "Ich jogge beim Sport und ich jogge im Kopf." Mein Tag ist sehr voll und ausgefüllt.

Friede Springer und Sie spielen eine wichtige Rolle in großen Medienhäusern. Kennen Sie sich, treffen Sie sich, gibt es Gemeinsamkeiten?

Wir kennen uns, wir sehen uns und wir achten einander, auch wenn wir unterschiedliche Persönlichkeiten sind.

2. INTERNATIONALISIERUNG

Tragen Sie das Bewusstsein in sich, dass Bertelsmann nicht mit Textilien oder mit Lebensmitteln handelt, sondern Inhalte produziert? Gibt es eine besondere Verantwortung - gerade für ein Medienhaus?

Wir sind uns bewusst, dass Medien einen Einfluss haben auf die Gesellschaft. Wir wollen Sozialkompetenz in unserem Unternehmen haben und sind uns dieser Verantwortung bewusst. Absolut.

Das Unternehmen ist weltweit tätig in allen möglichen Erdteilen, aber auch in ganz verschiedenen Mediengattungen. Wie wird es überhaupt möglich, Inhalte für alle verträglich zu machen?

Eigentlich ist es das Partnerschaftsmodell der Unternehmenskultur: Achtung vor Menschen, Achtung vor anderen Kulturen. Bertelsmann hätte sonst gar nicht in so vielen Ländern arbeiten können. Sie müssen auch Toleranz lernen anderen Religionen und anderen Kulturen gegenüber. So stellen sie sogar manchmal - ich bin katholisch erzogen worden - die eigene Erziehung in Frage, weil sie gelernt haben, dass auch andere Kulturen Hochkulturen sind. Wir können voneinander lernen. Die Vielfalt ist so wertvoll.

Machen Sie sich ein Bild vor Ort?

In den meisten Firmen bin ich doch gewesen. Sie haben dann das Gefühl, dass das unsere Mitarbeiter sind, ob in China oder in Spanien, in Japan, New York oder hier in Berlin. Das ist für mich vom Empfinden her absolut dasselbe.

Internationale Medienhäuser sind natürlich auch immer ein Stück angreifbarer als andere Unternehmen. Wir haben das ja erlebt in der Debatte, die es sowohl über verschiedene Verlage, aber auch über die Rolle von Bertelsmann während der Nazidiktatur gab. Wie empfinden Sie solche Debatten?

Ich selbst war zur Nazi-Zeit ein Kind und habe nichts mitbekommen. Mein Mann war mit 17 Jahren im Krieg. Ich glaube, dass die Unabhängige Kommission da einen guten Beitrag geleistet hat, um die Vergangenheit aufzuklären. Wir haben uns dann gesagt: So ist es. Es waren die Kriegszeiten. Ich finde, man kann heute vieles sagen, dieses und jenes hätte nicht sein sollen. Wenn man in der Zeit nicht selbst so gelebt hat. Bertelsmann hat das angenommen und ist jetzt in einem Lernprozess.

Fanden Sie die Angriffe auch ein Stück unfair?

Was ist unfair? Es sind einfach Tatsachen, die man sehen muss, und diesen Tatsachen muss man sich stellen.

In der Stiftung beschäftigen Sie sich unter anderem mit europäischen Fragen, dafür ist die Bertelsmann Stiftung führend in Deutschland. Auf der anderen Seite sind Sie als Medienunternehmen sehr stark auf die USA fixiert. Ist es für Sie problematisch, dass die Weltkultur Schritt für Schritt amerikanisiert wird?

Ich bin gern eine Deutsche und ich bin auch gern eine Europäerin. Aber ein Drittel unseres Umsatzes erwirtschaften wir heute in den USA. Damals haben wir in Europa angefangen, sind von Holland nach Spanien gegangen. Das war wie zum Mond zu der Zeit. Von Portugal ging es dann nach Südamerika, dann nach Nordamerika. Vielleicht wird unser zweitgrößter Markt einmal China sein.

Sie waren in China...

Ja, ich war in China und habe vor unserem Management einen Vortrag zu unserer Unternehmenskultur gehalten. Es ist einfach eine beeindruckende Leistung, was die Chinesen in den vergangenen Jahren aufgebaut haben. Wenn Sie Städte wie Shanghai sehen - da stehen Sie fassungslos davor.

Sie sind viel im Ausland unterwegs. Empfinden Sie manchmal, dass wir im Vergleich zu anderen Staaten hier in Deutschland doch ein Stück mehr Dynamik brauchen?

Ja, unbedingt. Ich sprach gerade mit dem Vorstandsvorsitzenden eines großen deutschen Konzerns, der groß in China investiert. Wenn Sie sehen, mit welcher Disziplin, mit welcher Schnelligkeit in China gearbeitet wird - ob es nun Straßen oder Firmen sind! Wir haben zu viel Absicherung bei uns in Deutschland, die Leute sind zu sehr abgefedert. Rüttelt Euch mal wieder! Wir müssen uns anders bewegen, wenn wir auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleiben wollen. Sonst fallen wir noch weiter zurück, davon bin ich fest von überzeugt.

Heißt das in Konsequenz für Bertelsmann, dass am Unternehmen "gerüttelt" werden muss, damit sich im Staat etwas bewegen kann?

Sie müssen rütteln, sonst fallen Sie zurück. Fortschreiben heißt Bewegen. Sie müssen die Märkte und Menschen international beobachten. Ich glaube, dass wir aus den verschiedensten Ländern und Unternehmenskulturen voneinander lernen können. Und was früher nicht möglich war, ist heute durch Netzwerkarbeit ermöglicht worden. Verschiedenste Unternehmen - ob Mittelstand oder Konzerne - müssen zusammen an einen Tisch. So können wir zusammen schneller lernen und Fehler vermeiden. Unternehmensführung wird in Zukunft nicht einfacher, sondern viel, viel schwieriger. Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Manager nicht zu sehr belasten, weil heute der Druck noch viel größer ist.

Diese Bewegungsfähigkeit, von der Sie sprechen, heißt auch, dass sich althergebrachte Branchen überholen und stattdessen die Entwicklung in eine ganz andere Richtung gehen kann - beispielsweise weg vom Medium Buch. Bertelsmann ist aber damit groß geworden. Werden Sie das Kernsegment Buch verlassen?

Bücher werden auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Was Sie lesen, behalten Sie in Ihrem Köpfchen. Durch Nur-einmal-hören oder Fernsehen behalten Sie Dinge nicht so gut. Lesen ist in der Bildung für uns Menschen nicht zu ersetzen.

>>>Teil 3 des Interviews

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