"Das Wort Macht passt nicht"
Teil 3 des Liz Mohn-Interviews

"Unternehmen heißt etwas gestalten", sagt Liz Mohn. Die Vorsitzende der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft spricht im Interview über Unternehmenskultur und Führungsstil, Frauenpolitik und Internationalisierung im Gütersloher Medienunternehmen. Die Fortsetzung des Interviews.

3. BERTELSMANN STIFTUNG

Bertelsmann - das ist eine Stiftung und das ist ein Unternehmen. Ist das auf Dauer eine gute Situation, wenn eine Stiftung und ein Unternehmen so eng miteinander verzahnt sind wie bei Ihnen? Es gibt ja auch Unternehmen, wo das sehr viel stärker getrennt ist.

Das passt sehr gut zusammen. Durch die Stiftung hat mein Mann Kontinuität ermöglicht. Die Erfahrungen, die wir im Unternehmen machen, sind in den Aufbau der Stiftung geflossen - das halte ich für sehr wichtig! Das Unternehmen hat das Kapital aus der Gesellschaft bekommen, und mit der Stiftungsarbeit geben wir einen Teil des Geldes in die Gesellschaft zurück. Wie das Grundgesetz sagt: Eigentum verpflichtet. Ich selbst arbeite in der Stiftung aktiv mit. Wenn Sie sehen, was Sie da bewirken können, das macht wirklich Freude. Auch der Mittelstand hat jetzt angefangen, Stiftungen zu gründen. Wenn wir diese Entwicklung in unserem Land ausbauen können, dann tun wir etwas Gutes.

Ist es nicht ein Problem, dass die Stiftung zu nah am Unternehmen ist?

Das geht ja schon gesetzlich nicht. Die Stiftung ist unabhängig. Anderenfalls könnten wir manches gar nicht machen.

Was Sie im Stiftungsrat sagen, hat Gewicht, oder?

Darum bin ich im Stiftungsrat, sonst wäre ich ja falsch am Platz. Natürlich muss man die Richtung mitbestimmen. Zum Beispiel mache ich im Augenblick einen Runden Tisch zu den Fragen der Zukunft. Und ich glaube, da werden wir Antworten bekommen, um friedlicher miteinander leben zu können. Ich bin sehr froh, Themen anpacken zu können, die ich ohne Stiftungsarbeit nicht machen könnte. Unsere jüngeren Mitarbeiter nennen häufig als Grund, warum Sie zu Bertelsmann kommen, die Unternehmenskultur und das soziale Engagement der Stiftung.

Das Unternehmen verdient das Geld, die Stiftung kann es ausgeben. Ist das ein Spannungsfeld?

Wir geben das Geld sinnvoll aus. Luxus leisten wir uns nicht, wir nehmen das Geld für gute Projekte.

Wo geht die Richtung der Stiftung hin?

Bildung ist ein ganz wichtiges Thema. Gesundheit wird immer ein Thema bleiben, auch durch den demographischen Wandel, den wir haben. Es ist ein Projekt, das mir am Herzen liegt. Wirtschaft und Soziales, Politik und Gesundheit sind die Säulen, die wir im Moment in der Stiftung haben. Daran muss man immer arbeiten. Das ist auch eine Frage des Managements.

Der Stiftungsgedanke ist stark in den angelsächsischen Ländern geprägt worden. Gibt es eigentlich Vorbilder, von denen die Stiftung lernen kann?

Ja! In den USA sind finanziell die größten Stiftungen. Mein Mann hatte sich zum Geburtstag ein Stiftungsforum gewünscht. Und da haben wir zum ersten Mal von den großen Stadt-Stiftungen in Amerika gehört. Die erste Stadt-Stiftung haben wir in Gütersloh gestartet. Inzwischen gibt es über 30 Stadt-Stiftungen in Deutschland, und die beraten wir auch. Was heißt Stadt-Stiftung? Nicht Verlängerung des Bürgermeister- oder des Stadtdirektoramtes, sondern was wollen die Bürger in der Stadt, was sind deren Wünsche. Das Bürgertum wird gefördert. Genau wie im Unternehmen, in dem die Mitarbeiter sagen: "Das Unternehmen, das sind wir."

Die öffentlichen Mittel werden zur Zeit nicht gerade üppiger. Wäre es denkbar, dass die Bertelsmann-Stiftung noch mehr Geld ausgibt, um Schulen, Theater und Museen zu unterstützen?

Wir fördern 270 Schulen in Nordrhein-Westfalen. Es geht darum, dass Direktoren an Schulen mehr Entscheidungsfreiheit bekommen, mehr Mitbestimmungs-Rechte. Wir fördern auch die Musikerziehung: 80 % unserer deutschen Kinder und Jugendlichen hatten keine Musikerziehung. Mit unseren Projekten haben wir im Moment reichlich zu tun.

Sie sind Mutter, haben Kinder erzogen. Sie kennen die Pisa-Debatte hier in Deutschland. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch, dass bei uns Kinder aus der Realschule kommen und nicht rechnen können?

Vielleicht müssen Schulen mehr Selbstständigkeit bekommen, dass die Lehrer besser geschult werden. Sicherlich ist die Aufgabe der Lehrer sehr viel schwerer geworden. Früher konnten sie Anweisungen geben, heute sind die Kinder ja schon sehr eigenständig. Wenn wir uns im Bildungsbereich weiterentwickeln, liegen wir im internationalen Wettbewerb nicht mehr so zurück: Wir müssen handeln.

Sind Sie zufrieden mit der Politik? Sind die Anregungen der Stiftung eingeflossen in die praktische Arbeit der Regierung?

Wir arbeiten mit der Politik zusammen. Im Gesundheitswesen verhandeln wir mit der Regierung zum Thema Prävention. Die können auch nicht alles alleine machen. Wir können zusammen etwas für die Gesellschaft tun, das ist das Wichtige!

Sind Sie sehr häufig in Kontakt mit Politikern. Wie beschreiben Sie Ihre Rolle?

Ich habe zu allen politischen Ebenen einen guten Kontakt, unabhängig von der Partei, national und international.

4. FRAUEN IM UNTERNEHMEN

Sie haben gesagt, dass Sie sich mehr in die Frauenförderung bei Bertelsmann einbringen wollen. Das hört sich wie ein Eingeständnis an: Sind Sie mit dem bisher Erreichten noch nicht zufrieden?

So kann man es nicht sagen. Kulturen entwickeln sich langsam, das betrifft auch die Arbeit der Frauen in Unternehmen. Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, da gab es fast keine Frauen im Unternehmen. Seither hat sich unheimlich viel verändert. Von den 1,8 Millionen, die studieren, haben wir heute ein fast ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Auch in unserer Gesellschaft müssen wir begreiflich machen, dass Frauen ihre Selbstentwicklung und Sinnerfüllung im Beruf suchen. Dazu brauchen wir Ganztagskindergärten. Tagesmütter könnten die Kinder wieder stundenweise betreuen. Ich sage ja nicht, dass die Frau den ganzen Tag einen Beruf ausüben sollte. Aber man sollte den Frauen, die etwas gelernt haben, ermöglichen, berufstätig zu sein. Ich selbst habe diesen Prozess mitgemacht: Das war meine härteste Zeit, als ich drei kleine Kinder hatte. Ich möchte es nicht missen. Heute finde ich es für die Kinder gut, dass ich beides gepackt habe. Es war ein Spagat. Es ist wahnsinnig schwer, wenn Sie keinen Partner haben, der mithilft, der stützt. Ich habe es sehr gut gehabt, mein Mann hat mir sehr geholfen. Ich hatte einen guten Lehrmeister.

Setzen Sie sich konkrete neue Ziele für Bertelsmann?

Ja, mit dem Vorstand zusammen, und zwar indem wir fragen: Wie bekommen wir Frauen in die Führungsebenen?

Sicherlich liegt es oft an den Strukturen. Aber was machen Frauen falsch auf dem Weg nach oben?

Weil die Wirtschaftswelt noch sehr von Männern dominiert ist, brauchen die Frauen vielleicht noch eine Weile, um mehr Mut zu schöpfen. Sie müssen lernen, dass sie Fehler machen dürfen. Macht ruhig Fehler, die Männer machen auch Fehler! Ich würde sagen, mehr Selbstbewusstsein entwickeln. Ich glaube, dass Frauen auch in unserer Gesellschaft und der Wirtschaft unheimlich viel leisten können. Denken Sie mal an die Kriegsfrauen, was haben die geleistet. Frauen haben ein sehr gutes Gefühl für Marketing, für Details, für Personalarbeit. Frauen können viel gestalten. Mein Büro ist übrigens mit Männern und Frauen gemischt, das ist klasse.

Gibt es für Sie ein Schlüsselerlebnis, durch das Sie gelernt haben: Es ist nicht schlimm, wenn ich etwas falsch mache?

Es geht dann auch anders weiter, dadurch wachse ich, dadurch werde ich vielleicht erst zur Unternehmerin. Ich bin anfangs nicht sehr selbstbewusst gewesen, ich habe Hemmungen gehabt. Man muss lernen, Vorträge zu halten. Vor tausend Menschen stehen und sagen: "Das macht mir überhaupt nichts." Am Anfang zittern sie vielleicht noch. Aber hinterher freuen Sie sich vielleicht. Dann bemerken Sie auch, was Sie sagen, verstehen die Menschen. Und sie nehmen es an.

Gibt es ein Vorbild für Sie?

Das ist mein Mann. Er ist sehr gerecht, sehr bescheiden. Er hat Fehler akzeptiert, bei seinen Mitarbeitern, bei mir und seinen Kindern. Er hat etwas aufgebaut für andere Menschen, für die Gesellschaft.

Hatten Sie als junge Frau eine Frau als Rollenmodell?

Meine Mutter. Ich bin mit sechs Jahren zu den Pfadfindern gekommen. Da habe ich gelernt, jeden Tag eine gute Tat zu verrichten. Auch meine Mutter war ehrenamtlich tätig. Erst später habe ich begriffen: Von meiner Mutter habe ich Liebe gelernt. Und dadurch können Sie andere Menschen besser erfassen.

Aber Sie mussten ja auch Durchsetzungskraft lernen...

Das lernen Sie dann schon. Von meiner Mutter und später von meinem Mann. Das waren zwei Persönlichkeiten, die mich sehr geprägt haben.

Sie sind sehr eingebunden in die Stiftung, ins Unternehmen. Gibt es da auch Zeit, die Produkte des Unternehmens in die Hand zu nehmen, ein Buch zu lesen, ein Magazin?

Im Monat sehe ich vielleicht 10 Minuten fern. Ich komme abends gegen neun, halb zehn nach Hause, dann trinken mein Mann und ich ein Glas Wein, und dann bin ich müde. Aber am Bett liegen Bücher und Zeitschriften, die ich alle lesen möchte. Und natürlich Fachzeitschriften.

5. EINE FRAGE NOCH...

Wie wichtig ist für Sie die Verwurzelung in Westfalen?

Westfalen - Gütersloh - ist für mich natürlich Heimat. Ich bin groß geworden in dieser Kultur. Aber an sich könnte ich überall leben. Ich bin gerne im Ausland und gerne im Münsterland. Ich bin Naturkind geblieben.

Ärgert Sie das manchmal trotzdem, wenn Bertelsmann immer in einem Atemzug mit dem "Ende der Welt" - Gütersloh - genannt wird?

Nein, das ärgert mich überhaupt nicht. Gütersloh ist eine kleine Stadt, wo Gemeinschaft gelebt wird und wo unsere Mitarbeiter gut ihre Kinder erziehen können. Heute gibt es ja die Möglichkeit, mit dem Auto schnell herum zu kommen. Die Kleinstadt kann auch Ruhe und Geborgenheit bedeuten.

Ende des Interviews

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