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Daschner-Prozess: Psychologe warnte vor Folterdrohung

Die polizeilichen Folterdrohungen gegen den Entführer des Bankierssohn Jakob von Metzler stellen sich nach Zeugenaussagen immer mehr als Alleingang des früheren Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner dar.

dpa FRANKFURT/MAIN. Die polizeilichen Folterdrohungen gegen den Entführer des Bankierssohn Jakob von Metzler stellen sich nach Zeugenaussagen immer mehr als Alleingang des früheren Frankfurter Vize-Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner dar.

Vor dem Frankfurter Landgericht berichtete der hessische Polizeipsychologe Stefan Singer am Donnerstag, er habe ausdrücklich vor einer Bedrohung des Täters Magnus Gäfgen gewarnt und zudem alternative Ermittlungsansätze vorgeschlagen. Erneut erklärte ein Beamter des polizeilichen Führungsstabes, dass dort niemand den von Daschner verlangten "unmittelbaren Zwang" gegen Gäfgen befürwortet habe.

Der 61 Jahre alte Daschner und der ausführende Vernehmungsbeamte müssen sich seit zwei Wochen wegen schwerer Nötigung verantworten, weil sie den Jura-Studenten Gäfgen am 1. Oktober 2002 mit ungekannten Schmerzen bedroht haben sollen, um das Geiselversteck zu erfahren. Der vier Tage zuvor entführte, elf Jahre alte Jakob war zu diesem Zeitpunkt längst tot, was die Polizisten aber nicht wissen konnten.

Der Psychologe hat nach eigener Darstellung falsche Aussagen Gäfgens befürchtet. "Eine Androhung könnte dazu führen, dass er ausflüchtet und was sagt, was für uns schwierig zu überprüfen ist", schilderte der Experte dem Gericht seine Bedenken in der Nacht vor der fraglichen Vernehmung. Gewaltdrohungen würden in ihrer Wirksamkeit ohnehin überschätzt und führten häufig zu Falschaussagen. Zudem machten sie den Beschuldigten für weitere Gespräche "zu".

Er habe vorgeschlagen, nach Personen zu suchen, die Autorität oder Einfluss auf Gäfgen haben könnten. Jakobs ältere Geschwister Franz und Elena sowie ihr Freund Carlos seien ihm geeignet erschienen, Gäfgen in eine Auseinandersetzung mit seiner Tat und in der Folge zu Aussagen zu bringen. Gäfgen habe die Metzler-Kinder bewundert und ihre Nähe gesucht. Er habe die Geschwister in den Tagen der Entführung als "starke und reife Persönlichkeiten" erlebt, die mit den Belastungen einer solchen freiwilligen Gegenüberstellung fertig geworden wären. Die Konfrontation des Täters mit den Geschwistern ist nach den Aussagen mehrerer Polizisten in der Nacht zwar vorbereitet, zunächst aber nicht weiterverfolgt worden.

Im Führungsstab der Sonderkommission soll Daschners Anweisung zum "unmittelbaren Zwang" auf Unverständnis und Ablehnung getroffen sein, berichtete erneut ein hochrangiger Polizist als Zeuge. Es habe niemanden gegeben, der sich für die Drohung ausgesprochen habe. "Wir haben einheitlich keine Rechtsgrundlage dafür gesehen."

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