Datenverkehr wird über einige wenige zentrale Leitungen abgewickelt
Experten warnen vor Attacke auf Web-Knotenpunkt

Reuters BERLIN. Kaum ein Internet-Nutzer in Deutschland dürfte das Kürzel DE-CIX kennen, doch ohne diesen Knotenpunkt in Frankfurt am Main wäre der globale Datenaustausch per Computer erheblich beeinträchtigt. "Wenn das DE-CIX ausfällt, wird es Stunden dauern, bis der ganze Datenverkehr umgeleitet wird zu anderen Knotenpunkten", sagt Andy Müller-Maguhn, Sprecher des Chaos Computer Club (CCC), einer Organisation aus der Hacker-Szene, die sich für freie elektronische Kommunikation weltweit einsetzt. Für Unternehmen, die umfangreiche Datenmengen in Echtzeit mit dem Ausland austauschen, könne diese Zeitverzögerung sehr teuer werden.

Schon wird vor Terroristen gewarnt, die DE-CIX und die anderen insgesamt rund 140 weltweiten Knotenpunkte angreifen könnten. Jüngst kam eine Studie, die drei US-Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht haben, zu dem Ergebnis, das Internet sei bei gezielten Angriffen auf seine Hauptknotenpunkte weitaus verwundbarer als bisher angenommen.

Die US-Forscher stellten die Theorie auf, dass bereits eine terroristische Attacke auf vier Prozent der größten Internet-Knotenpunkte das "Netz der Netze" lahm legen oder in mehrere Teile aufspalten könnte. Die Verbindungen im Internet seien keineswegs so dezentral und beliebig ersetzbar wie allgemein angenommen. Ein großer Teil des Datenverkehrs, zum Beispiel zwischen Europa und Amerika, wird über einige wenige zentrale Leitungen und Knotenpunkte abgewickelt. Hinzu kommt: Mit Ausnahme von T-Online sind die wichtigsten deutschen Provider sehr nah an das DE-CIX angeschlossen.

Doch im Gegensatz zum Sprecher des CCC hält der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des DE-CIX, Electronic Commerce Forum (eco), Harald Summa, die Folgerungen der Studie für "Blödsinn". Die Anlage sei mit Notstromversorgung und Feuerlöschsystemen stark gesichert, und ein Angriff durch Programmierer sei unmöglich: "Da ist nichts zu hacken." Selbst als im vorigen Jahr ein Bagger bei Bauarbeiten ein Kabel des Knotenpunktes durchtrennt habe, sei der stundenlange Ausfall des DE-CIX nicht spürbar gewesen. "Die Politik macht sich Sorgen über die Netzwerk-Sicherheit, wo sie sich keine zu machen bräuchte."

Weniger optimistisch ist man beim CCC. "Das DE-CIX verfügt über wichtige Transatlantik-Verbindungen. Wenn die stundenlang ausfallen, kommt es zu Beeinträchtigungen für anspruchsvolle Internet-Nutzungen", sagte Sprecher Müller-Maguhn. Die Vorstellung, es handele sich bei dem Internet um ein anarchistisches, dezentrales Netz, sei ein Mythos. Das DE-CIX sei als Konzentrationspunkt der Verbindungen in Deutschland ein mögliches Ziel für Angriffe. Wenn mehrere dieser Knotenpunkte ausgeschaltet würden, könne das Internet zumindest eine Zeit lang in mehrere Teile zerfallen, wie in der Studie behauptet.

"Allerdings ist ein physikalischer Angriff auf diese Punkte weitaus schwieriger und aufwendiger als ein normaler Cracker-Angriff mit Programmen", schränkt Müller-Maguhn ein - als Cracker bezeichnet man im Hacker-Jargon Personen, die mit böswilliger Absicht in Computersysteme eindringen. "Da muss man genaue Kenntnisse der Firewalls haben. Insofern ist es fraglich, wer bei einem solchen Aufwand Interesse daran haben könnte, die Knotenpunkte eine Zeit lang auszuschalten.

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