Dauerhafte Überbelastung der Mitarbeiter kann zum Wettbewerbsnachteil werden
Überstunden-Unkultur: In der Pause liegt die Kraft

Es wird zu viel und zu lange gearbeitet. Experten raten, kürzer zu treten.

HB DÜSSELDORF. Freitag, 19 Uhr, in der Kreditabteilung einer Schweizer Großbank greift der Erste zu Mantel und Tasche. Nicht um sich bis Montag zu verabschieden, nein, er macht nur für heute Schluss. Morgen wolle er "noch mal kurz" vorbeischauen, erklärt er den Kollegen. Die sparen nicht mit Spott. "Machst du heute verlängertes Wochenende?", fragt einer.

Die Überstunden-Unkultur ist überall eingerissen. Zur Freude der Unternehmen, sollte man meinen, doch das bezweifelt Professor Rainer Marr von der Universität der Bundeswehr, München: "Bei der in den meisten Unternehmen herrschenden systematischen Überbelastung der Mitarbeiter muss man sich fragen, wie unter diesen Bedingungen Innovation entstehen soll. Früher oder später wird es sich als Wettbewerbsnachteil herausstellen, dass Menschen ab dem 20. Lebensjahr ständig im roten Bereich arbeiten und mit 35 ausgebrannt sind."

Anfang der 90er-Jahre haben die Unternehmen die Personaldecke extrem ausgedünnt. Gleichzeitig sind auf Grund des zunehmenden Wettbewerbsdrucks und der Globalisierung die Anforderungen an die Mitarbeiter gestiegen. Sie müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr Aufgaben bewältigen. Das führt dazu, dass die immer gleichen Experten von einem Projekt zum nächsten hetzen. "Letztlich ist dies eine Frage der Ressourcenplanung", sagt Rolf Neumann, Zentralbereich Personal der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft. "In dem Punkt können wir von EDV-Projekten lernen, in denen Zeit, Kapazität, Arbeitskraft genau geplant werden. Von den Auftraggebern in den Unternehmen wie auch von den Personalabteilungen muss klar gemacht werden, dass die Ressource Mensch begrenzt ist. Man kann einzelnen Teams keine Projekte in unbegrenzter Zahl zumuten."

Für Toni Holenweger, Geschäftsleiter der Schweizer Gruppe Corso, Zürich, liegt die Lösung in einem neuen Verständnis von Arbeit: "Wir müssen die Ressourcen Zeit, Engagement, Intensität unter energetischem Aspekt betrachten." Dahinter steckt die simple Erkenntnis, dass einem Leistungshoch stets ein Tief im Energiehaushalt folgt. Der energetische Ansatz lasse sich schon im Kleinen umsetzen, glaubt Holenweger - man brauche nur ab und zu eine Pause einzulegen.

Wenn das so einfach wäre: "Im Tagesablauf hat es sich als verhängnisvoll herausgestellt, dass die Pause als unproduktive Zeit in Verruf gekommen ist." Der Zeitforscher fordert eine Revitalisierung der Pause - und zwar durchaus unter Produktivitätsaspekten. "Gerade in lernenden Unternehmen ist diese Zeit der sozialen Kontakte, der informellen Gespräche und des Auftankens besonders wichtig." In den USA gebe es sogar Unternehmen, die Ruheräume für das gepflegte Nickerchen zwischendurch einrichteten. Geraten Projektteams in eine Sackgasse und droht gleichzeitig aber der Abgabetermin, empfiehlt Holenweger eine Anleihe aus dem Sport zu nehmen: "Ein Time-out kann Wunder wirken." Trotz äußeren Drucks ein paar Tage konsequent nicht über das Projekt zu sprechen, bringe oft den Wendepunkt im Arbeitsprozess.

Natürlich kann die Pause nur eine Kurzfristlösung im Kampf gegen Stress sein. Mittel- und Langfristig schwört Holenweger auf Langzeitarbeitskonten. "Gerade für das mittlere Management bietet diese Möglichkeit entscheidende Vorteile", sagt er. "Die Chance, sich durch ein Sabbatical anderen Dingen, zum Beispiel beruflicher oder persönlicher Weiterbildung, zu widmen, bringt viele Menschen weiter."

Wie sehr ein solches Angebot von den Mitarbeitern nachgefragt wird, hat sich bei Hewlett-Packard gezeigt. Als der Elektronikkonzern vor zehn Jahren das Sabbatical einführte, ging die Geschäftsleitung davon aus, dass sich nicht mehr als zehn Leute daran beteiligen würden. Tatsächlich interessierten sich schon im ersten Jahr 300 und ein Jahr später 1 000 Mitarbeiter für diese Auszeit. Holenweger verschweigt aber nicht die Probleme: "Langzeitarbeitskonten sind in vielen Unternehmen nur eine Notlösung für die vor der Belegschaft hergeschobenen Pluskonten. Tatsächlich besteht akuter Handlungsbedarf, mittelfristig den Ausgleich einzuplanen."

Hinzu kommt, dass AT-Angestellte meist nicht an der Zeiterfassung teilnehmen. Wie sollen sie aber Zeitguthaben ansparen, wenn Überstunden gar nicht dokumentiert werden? Außerdem ist die bei der Arbeit verbrachte Zeit heute kein Maßstab für Leistung. Nur noch die Ziele zählen. Das Unvermögen, diesen die zu ihrer Erreichung gehörigen Zeiträume zuzuordnen, hat zur Folge, das für fast jedes Projekt zu wenig Zeit eingeplant wird. "Bei Zielvereinbarungen muss die Ressource Zeit als wichtiges Element mitberücksichtigt werden", fordert deshalb Holenweger.

Die Mitarbeiter der Münchener Rück können Spitzen und Flauten im Arbeitsaufkommen über das Jahr hinweg ausgleichen. "Leider zeigt sich in der Realität, dass oft hohe Zeitblöcke aufgebaut und vor sich hergeschoben werden", sagt Personalmanager Neumann. Für ihn gehört der Ausgleich zwischen Leistung und Erholung zu den Grundsatzfragen im Umgang mit den Mitarbeitern: "Eine eindeutige Stellungnahme der Geschäftsleitung, dass eine fortdauernde Überforderung der Mitarbeiter nicht gewollt ist, hilft weiter." Denn ein Leben in Dauerstress "kann weder für den Einzelnen erstrebenswert sein, noch ist es unter betriebswirtschaftlichem Aspekt sinnvoll."

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