David gegen Goliath - Ein Dortmunder Kleinverlag ist Krimi-Marktführer
Die Liebe der Buchhändler

Die Toten liegen zu Hunderten im Büro - Gott-sei-Dank sicherheitshalber zwischen zwei schwarze Buchdeckel geklemmt. Die Täter: meist nur 30 Seiten entfernt. Das Büro des Dortmunder grafit-Verlages ist bis unter die Decke gefüllt mit blutigen Geschichten - die Erfolgsstory eines Kleinstverlages.

Kurz vor der politischen "Wende" nahm das Leben des Dr. Rutger Booß, damals 45 und verantwortlicher Belletristik-Lektor beim Kölner Verlag Pahl-Rugenstein, ebenfalls eine unerwartete Wendung. Als der Verlag 1988 seine Belletristik-Sparte schloß, machte Booß sich selbstständig. Nicht, dass der gebürtige Rigaer, Alt-68er, Gewerkschaftsmitglied und immerhin bis 1990 Mitglied der DKP, unbedingt Unternehmer werden wollte: Nur wollte niemand die Arbeitskraft eines 45jährigen promovierten Germanisten und Historikers.

Also legte er im Wendejahr 25 000 Mark auf den Tisch, um seinen Ein-Mann GmbH-Betrieb nennen zu können, und gründete in Dortmund einen veritablen Kleinstverlag: In Personalunion war Booß Verleger, Lektor, Vertriebsmensch und Buchhalter. So mancher der von Booß bereits in Köln betreuten Autoren blieb ihm treu - und veröffentlichte seine Sachbücher oder Krimis jetzt beim grafit-Verlag.

Ein halbes Jahr lang dümpelte der Verlag vor sich hin, Booß konnte sich nicht einmal ein Gehalt zahlen. Dann fiel die Mauer, und mit der "Wende" kam dem Wahl-Dortmunder eine fabulöse Geschäftsidee: ein Hotelführer für Ostdeutschland. "Übernachten in der DDR" stieß in eine Marktlücke, spülte Geld in die Kasse und beförderte den Kleinstverlag 1991 erstmals in die schwarzen Zahlen. grafit etablierte sich als Verlag für unkonventionelle Reiseliteratur: etwa mit einem Erlebnis-Reiseführer durch den "Pott" oder einem Autokennzeichen-Lexikon "Von AGB bis ZZ".

Heute beschäftigt Booß fünf Mitarbeiter. Sein Geschäft sind nun nicht mehr Reiseführer, sondern wieder Krimis. Booß schwimmt nicht im Geld, aber er nagt auch nicht am Hungertuch. Seine Angestellten verdienen übertariflich, seinen Autoren zahlt er zehn Prozent des Buchhandels-Preises als Honorar. Das ist mehr als fair: Großverlage beteiligen die Autoren durchschnittlich nur mit sechs Prozent an jedem verkauften Buch. Was einen Kleinverlag ausmacht, ist auch der direkte Draht zum Verleger und die kurzen Wege, die gelegentlich auf recht unkonventionelle Weise beschritten werden. Booß: "Da ruft schon mal ein Autor am Sonntag an, weil er 10 000 Mark braucht. Und dann sage ich: O.k., gib? mir aber eine Stunde, ich muss erst zur Bank."

Das größte Zugpferd der Verlages: grafit hat den meistgelesenen deutschen Krimi-Autor Jacques Berndorf unter Vertrag. Der verirrte sich zwischenzeitlich zur großen Konkurrenz, fühlte sich dort aber schlecht betreut - und kam zurück. Hier sind Autor und Lektorin auf einer Wellenlänge, es menschelt.

Berndorfs Eifel-Serie ist laut FAZ die "beste Serie im zeitgenössischen deutschen Kriminalroman". Das findet offenbar auch die Fangemeinde, denn das soeben erschienene "Eifel-Wasser" hat aus dem Stand die Spitze der Taschenbuch-Bestseller-Liste erobert. Dieser Gipfelsturm ist zwar eine Premiere bei grafit, aber in der Ersten Liga spielt der Verlag schon länger. Nach Konkurrenten befragt, fallen Namen wie Goldmann, Bastei-Lübbe und Diogenes. Wie kann ein Fünf-Mann-Betrieb in Dortmund gegen diese Verlagsriesen bestehen?

Das Geheimnis des Erfolges: Bescheidenheit

Die grafit-Auflagen starten mit durchschnittlich 5000 Exemplaren. Pro Buch verdient Booß zwei Mark. Immerhin, meint Booß, "dann ist man schon mal vom Zubuttern weg".
Große Verlagshäuser setzen ihre Druckmaschinen erst ab einer Mindestauflage von 10.000 Exemplaren in Bewegung. Drunter geht?s kaum, denn mindestens bis zum 8000sten Exemplar finanzieren die Großen ihre Verwaltung. Die aber ist bei grafit klein. Fünf Leute beschäftigt Booß mittlerweile. Die Schreibtische stehen nur ein paar Schritte voneinander entfernt; Teamsitzungen und anderer "Management-Schnickschnack" werden damit überflüssig - man verständigt sich per Zuruf. Die konzentrierte Arbeitsorganisation und personelle Kontinuität gehören mit zum Erfolgsrezept: "Wir ziehen keinen Kometen-Schweif von Praktikanten und Volontären hinter uns her, und lassen so viel extern erledigen wie nur möglich", erläutert Booß.

Die Verlagsräume: schlichte, günstig gemietete 100 Quadratmeter in einer Nebenstraße, zugestellt mit Regalen, die große Ähnlichkeit mit Ikea-Modell "Billy" haben, braune Pappkartons und jede Menge Ordner. Einfache Buchenholz-Schreibtische und stapelweise Taschenbücher im klassischen schwarzen Design. Fünf Computer und ein Kopierer; mehr als die technische Basis-Ausstattung steht hier nicht. Der Verleger - kleine Silberbrille, großer Silberbart - trinkt Tee aus der Thermoskanne und ist mit Jeans und violetten Sweat-Shirt denkbar unprätentiös gekleidet.

"Bescheidenheit" ist überhaupt eines der Wörter, das Booß häufig über die Lippen kommt, wenn er den Erfolg seines Verlages beschreiben will. Sie fängt schon beim Papier an. "Viele Hersteller sind so ausstattungs- und papierverliebt. Dabei kann man eigentlich nur beim Einkauf sparen. Meinen Mitarbeitern, den Autoren und der Druckerei kann ich nicht einfach weniger bezahlen." Also: billiges Papier in großen Mengen und im Rowohlt-Format 11,5 mal 19. Da werden die Bögen optimal ausgenutzt und wenig Abfall produziert.

Bescheiden blieb auch das Design: schlichte Taschenbücher, immer im schwarzen Buchdeckel, schon immer stand vorne einfach "Krimi" drauf. "Während alle anderen Verlage ihre Krimis mittlerweile?Roman? nennen, weil sich das besser anhört, und eine pastellfarbene bunte Sauce aufs Cover packen, stechen wir da richtig raus." In einem riesigen Überangebot an Buchtiteln ist diese Markenbildung überlebensnotwendig.

Ganz und gar nicht bescheiden findet der Verleger allerdings die 80.000 Mark, die sein Verlag an Gewerbesteuern zahlt. Sie machen 20 Prozent seines Gewinns aus: "Ich führe mehr an Gewerbesteuern an die Stadt ab, als Dortmund insgesamt für Literatur-Förderung ausgibt", empört sich Booß milde. Hinzu kommen noch 50 Prozent Körperschafts-Steuer - von seinem Gewinn bleiben dem Wahl-Dortmunder also nur 30 Prozent. Und nur in diesem Bereich, bei der Besteuerung, fühlt er sich gegenüber großen Verlagen richtig benachteiligt: "Die erneuern vor Jahresende noch mal schnell ihre ganze Computer-Ausstattung oder kaufen kräftig zu. Dadurch verwandeln ihre schwarzen in rote Zahlen - und müssen überhaupt keine Gewerbesteuern mehr zahlen."

Das beste Vertriebsinstrument: Zufriedene Buchhändler

Gleichwohl: grafit wächst und gedeiht, jedes Jahr ein bißchen mehr. Booß: "Unsere Handels-Vertreter sagen: grafit lebt auf der Insel der Seeligen - angesichts der schwierigen Situation im Einzelhandel." Mit den Großen, glaubt Booß, kann grafit mitschwimmen, solange er nicht übermütig wird.

Das heißt für Booß: den Marketing-Aufwand denkbar gering halten. Booß gibt immer nur so viel Geld für Werbung aus, wie er tatsächlich übrig hat. "Die großen Verlage müssen einfach sehr viele Bücher auf den Markt bringen. Sie machen einen riesigen Marketingaufwand, und 80 Prozent floppen trotzdem. Kein Mensch weiss doch letztlich, welche Bücher sich wo weshalb wie gut verkaufen."

Oder vielleicht doch? Eins ist klar: Die Buchhändler müssen die Krimis mögen. Dann geben sie die Begeisterung an die Kunden weiter, und die warten dann schon sehnsüchtig auf den nächsten "Eifel"-Krimi. Booß bricht eine Lanze für das - neben dem Lektorat - allzu oft als lästig empfundene Herzstück des Verlages: den Vertrieb. "Wie leben von der Liebe der Buchhändler! Den Vertrieb würde ich nie an ein Call-Center oder sonst jemanden abgeben. Klar gibt?s nörgelnde Buchhändler, aber auch jede Menge, die sich freuen. Das sind eigentlich ganz traditionelle Geschichten. Unseren Handelspartnern muss es gut gehen, dann geht es uns auch gut."

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