Davos und das Forum: Gleichmut im Ausnahmezustand

Davos und das Forum
Gleichmut im Ausnahmezustand

Die Davoser haben sich an das Weltwirtschaftsforum gewöhnt - nicht zuletzt, weil sie von den Kongressgästen leben. Das war schonmal anders.

DAVOS. Ja sie haben viel gelernt, die Veranstalter des Weltwirtschaftsforums. Wenn schon eine ganze Stadt für fünf Tage in den Ausnahmezustand versetzt wird, wenn Absperrgitter die Menschen am Flanieren hindern, Soldaten die Eingänge zum Einkaufszentrum bewachen und sich die Chauffeure dunkler Limousinen nicht um Parkverbotsschilder scheren, dann wollen sie den Davosern wenigstens erklären, wozu der ganze Zauber auf dem Berg dient. Einige Tage, bevor der Rummel richtig beginnt, haben Forums-Veranstalter und Bündner Regierung die Bürger deswegen in die Aula der Alpinen Mittelschule eingeladen. Dass sich niemand außer einem kleinen Haufen von vielleicht 25 aufrechten Eidgenossen dafür interessiert, senkt ihre Laune nicht. Sie werten es einfach als Zeichen perfekter Organisation.

Die Aula beschwört mit ihren grünen Samtvorhängen an den Bühnenseiten, die prächtig mit den Orangetönen der Fenstermarkisen harmonieren, ein schönes Bild der späten siebziger Jahre. Der kahlköpfige Hausmeister klopft nochmal für eine letzte Tonprobe gegen die Mikrofone, bevor zwei Regierungsräte, ein Landammann und ein Forums-Direktor über Inhalte und Ausmaße des Weltwirtschaftsforums referieren. Aus Davoser Sicht ist dabei interessant, dass die Kosten, die der Kanton übernimmt, die letztjährigen nicht übersteigen, sondern wieder bei rund 5,6 Mill. Euro liegen. Der Mehrumsatz der Geschäfte beträgt dafür knapp das Dreifache, sagt Regierungsrat Hansjörg Trachsl gerade, als der Schulgong ertönt. Ihn auszustellen, hat der Hausmeister vergessen. Das macht aber nichts, die Veranstaltung ist mangels Nachfragebedarf nach 35 Minuten beendet.

Früher war das anders. Früher, als die Globalisierungsgegner nach Davos anrückten und sich die Stadt im Belagerungszustand befand, da wurde auch manchem Davoser Angst und Bange. Dabei gehören Kontraste zur Geschichte des Städtchens. 13 000 Einwohner zählt der Ort, knapp doppelt so viele Gäste können hier aber übernachten. In die Schlagzeilen geriet der gemächliche Ort das erste Mal 1936 ausgerechnet durch einen Deutschen: Der Davoser Wilhelm Gustloff, den die Nazis zu ihrem Schweizer "Landesgruppenführer" ernannt hatten, wurde hier erschossen und anschließend von seinen deutschen Förderern zum Märtyrer stilisiert.

Auch die Umgebung schafft Kontraste: Die alpine Landschaft steht in krassem Widerspruch zur Stadt mit ihren Flachdächern, die vorgeschrieben sind, damit nicht etwa herabstürzende Schneelawinen berühmte Kongressbesucher unter sich begraben. Davos ist auf Kongressgäste angewiesen, seit die Zeit, in der die deutschen Kassenpatienten hierher zur Kur kamen, vorbei ist. 1950 standen hier 24 Kliniken, heute sind es noch vier.

Deswegen wissen die Davoser eben, was sie an ihren Forums-Gästen verdienen und halten sich mit Kritik zurück. Polizeidirektor Martin Schmid hat zudem die Sicherheitslage im Griff. Bereits an der eine halbe Stunde entfernten Autobahnausfahrt werde es Kontrollen geben. Die Stadt selbst wird in Sicherheitszonen eingeteilt, die nur die jeweils berechtigten Besucher betreten dürfen. Dabei, so versichert Schmid, werden seine Beamten "moderat" auftreten. Schließlich soll Davos "wunderbare Bilder in die Welt liefern" und so für sich selbst Werbung machen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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