Deal heizt Spekulationen über engere Zusammenarbeit zwischen Londoner Börse und französischer Euronext an
Wertpapier-Abwickler bündeln ihre Kräfte

Die angekündigte Fusion von CrestCo und Euroclear bringt frischen Wind in die europäische Börsen-Szene. Vor allem für den grenzüberschreitenden Handel dürfte das Zusammengehen das seit langem erhoffte Signal sein. Die Deutsche Börse könnte durch den Deal zumindest mittelfristig unter Druck geraten.

fs LONDON. Die Konkurrenz für die Deutsche Börse wird stärker: Jetzt kündeten in London die Abwickler Euroclear und CrestCo ihren Zusammenschluss an. Die Ziele des Unternehmens, dass unter dem Namen Euroclear firmieren soll, sind ambitioniert: Entstehen soll nicht weniger als das "beste Abwicklungssystem für Aktien und Anleihen in Europa", jubelten die Partner auf der gestern einberufenen Pressekonferenz in London. Euroclear-Chairman Chris Tupker sprach von einer "aufregenden und höchst signifikanten Entwicklung für die europäischen Kapitalmärkte".

Auch wenn das ein hoch gegriffen sein dürfte, trägt die Fusion zur bislang schleppenden Bereinigung der europäischen Clearing- und Abwicklungsszene bei. "Es ist viel Bewegung im Markt", sagt JP Morgan Chase-Analyst Joachim Müller.

Erst kürzlich hatte die Deutsche Börse mit dem Luxemburger Verrechner Clearstream einen der schärfsten Wettbewerber von Euroclear übernommen. Und hinter den Kulissen laufen die Verhandlungen zwischen der Euronext-Tochter Clearnet und dem London Clearing House (LCH) auf Hochtouren.

Bewegung ist auch dringend notwendig. Noch immer ist die Szene zersplittert. Mehr als 30 Unternehmen sind - meist nur auf nationaler Ebene - damit beschäftigt, nach dem Kauf oder Verkauf von Wertpapieren die Geschäfte zu verrechnen und die Stücke zu liefern. Diese Vielfalt sowie die verschiedenen Steuersätze und regulatorischen Anforderungen in den einzelnen Ländern tragen dazu bei, dass der grenzüberschreitende Handel von Wertpapieren (Cross-Border-Trade) sehr teuer ist. Einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge kostet ein Cross-Border-Trade im Wert von 200 000 den Kunden das 1,3-fache des nationalen Handels.

Mit dem gestern verkündeten Deal könnte sich das ändern. Denn zu den Kunden der Partner gehören die Londoner Börse, die französisch-belgisch-niederländische Euronext und die britische Plattform Virt-X. Die Heiratswilligen versprachen bei der Pressekonferenz denn auch gleich, die Transaktionsgebühren ihrer Kunden um mehr als 90 % zu senken. Damit soll diesen Ländern ein Handel zu inländischen Bedingungen angeboten werden. Analysten erwarten, dass genau dies die Abwicklungskosten weiter drückt: Die neue Gesellschaft werde "den Druck auf Wettbewerber deutlich erhöhen", erwartet Analyst Müller.

Das könnte auch die Umsätze der Deutsche-Börse-Tochter Clearstream treffen. In Frankfurt hielt man sich gestern jedoch mit Aussagen über die Ereignisse in London zurück. Die Deutschen dürften die Gefahren eines erhöhten Kostendrucks allerdings als gering einschätzen: Einer jüngst erstellten eigenen Untersuchung zufolge können die Börsen oder die Abwickler lediglich auf 20 % der Mehrkosten im grenzüberschreitenden Handel einwirken. Stimmt das, bliebe der reale Effekt der in London angekündigten deutlichen Kostenreduktion gering.

Beobachter vermuten noch aus einem anderen Grund, dass der Wind für die Deutsche Börse schärfer wehen wird. Mit ein wenig Phantasie lässt sich seit gestern über ein stärkeres Band zwischen der französischen Euronext und der Londoner Börse spekulieren. Beide Handelsplätze würden durch die Euroclear/Crest-Fusion enger zusammen arbeiten. "LSE und Clearstream nähern sich durch so einen Deal an", sagte zumindest ein Analyst, der nicht genannt werden wollte. Der Markt könnte dies ähnlich interpretieren. Zumindest stiegen gestern die Aktien von LSE und Euronext mit fast 4 % wesentlich stärker als das Papier der Deutschen Börse (plus ein Prozent).

Euroclear gehört zu den größten Settlement-Häusern in Europa. Im vergangenen Jahr wickelte die Brüsseler Firma mehr als 160 Mill. Transaktionen mit Wertpapieren ab. Der Wert der verwahrten Depots betrug über 7,9 Bill. . Kombiniert mit dem Volumen der britischen CrestCo (73,6 Mill. Transaktionen/2,9 Bill. verwahrte Depots) liegt Euroclear damit deutlich vor Clearstream (119 Mill. Transaktionen/7,46 Bill. Depots).

Die beiden zur neuen Euroclear verschmolzenen Firmen erzielten 2001 Einnahmen in Höhe von 593 Mill. Pfund (rund 954 Mill. ). Das Ergebnis vor Steuern lag bei fast 320 Mill. Pfund. Beide Unternehmen wickeln fast zwei Drittel aller Eurotop-300- und mehr als die Hälfte der Anleihe-Transaktionen ab. Euroclear war erst kürzlich mit einem Gebot für die Hälfte an Clearstream gescheitert, die später von der Deutschen Börse übernommen wurde.

Quelle: Handelsblatt

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