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Debatte um Arbeitszeit flammt wieder auf

Wissenschaftler, Arbeitsmarktexperten und Politiker streiten angesichts der Flaute auf dem Binnenmarkt weiter über Sinn und Unsinn von Arbeitszeitverlängerungen.

dpa BERLIN. Wissenschaftler, Arbeitsmarktexperten und Politiker streiten angesichts der Flaute auf dem Binnenmarkt weiter über Sinn und Unsinn von Arbeitszeitverlängerungen.

Deutsche-Bank-Chefökonom Norbert Walter regte an, Raucher- und Teepausen vom Gehalt abzuziehen und zur Senkung der Arbeitskosten nur noch "echte Arbeitszeit" zu entlohnen. Wirtschafts- und Arbeitsmarktforscher äußerten dagegen Zweifel an positiven Effekten einer Arbeitszeitverlängerung für Wachstum und Beschäftigung. Nach Einschätzung von Finanzminister Hans Eichel (SPD) wird eine ganze Generation für die großen Folgekosten der deutschen Einheit mehr arbeiten müssen.

Walter sagte der "Bild am Sonntag", dass Arbeitnehmer, die im Job Rauchen und Tee trinken wollten, dies auch weiterhin tun dürften. "Aber keiner kann verlangen, dass Arbeitgeber Zigaretten- und Teepausen auch noch bezahlen." Unterstützung bekam er vom CDU - Bundestagsabgeordneten Michael Fuchs: "Es ist ungerecht gegenüber Nichtrauchern, wenn Raucher in ihren Pausen bezahlt werden. Wo es möglich ist, sollten sich Raucher vor ihren Pausen per Stechkarte abmelden."

Der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel bezeichnete die Debatte über längere Arbeitszeiten zur Konjunkturankurbelung als "abenteuerlich". In der Diskussion werde unterstellt, dass die zur Auslastung der höheren Produktion nötige Nachfrage mitsteigen werde. "Das ist ein schwerer Fehler", sagte Hickel der dpa. "Ein Handwerker, der länger arbeitet, hat dadurch nicht mehr Aufträge." Eine längere Wochenarbeitszeit trüge auch nach Ansicht des Arbeitsmarktforschers Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nicht merklich zum Wachstum bei. Das Hauptproblem vieler Unternehmen sei nicht ein Arbeitskräftemangel, sondern die schwache Nachfrage nach ihren Produkten, sagte er der dpa.

Eichel verteidigte in der "Welt am Sonntag" die Pläne zur Verlegung des Einheitsfeiertages gegen Kritik der Union. "Was ich überhaupt nicht akzeptiere, sind Vorwürfe, wir seien vaterlandslose Gesellen. Die Mehrarbeit für die Einheit ist im Gegenteil für mich ein Bekenntnis zur Nation." Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bezeichnete die Verkürzung der Arbeitszeit im "Tagesspiegel" als einen der "größten tarifpolitischen Fehler". Die Arbeitnehmer müssten sich auf längere Arbeitszeiten einstellen. "Wir haben die kürzesten Wochenarbeitszeiten, den längsten Urlaub und eine hohe Zahl von Feiertagen. Diesen Luxus können wir uns auf Dauer nicht leisten."

63 Prozent der Deutschen halten eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden für ein geeignetes Mittel zur Konsolidierung der Staatsfinanzen und zur Wirtschaftsbelebung. Das ergab eine repräsentative polis-Umfrage im Auftrag der dpa.

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