Debatte um Ausschluss der Billigst-Aktien vom Neuen Markt reißt nicht ab
Kommentar: Deutsche Börse behält Schwarzen Peter

Die Deutsche Börse kann es beim Thema Neuer Markt niemandem Recht machen. Der jüngste Beschluss, insolvente Unternehmen und Aktien, die bei einer geringen Marktkapitalisierung zu lange unterhalb der Euro-Marke notieren, vom Neuen Markt zu verbannen, wäre ohne den Druck der Öffentlichkeit kaum so rasch gefallen. Einen Wertverlust von beinahe 90 Prozent, wie ihn die Anleger am Wachstumssegment in den vergangenen eineinhalb Jahren miterlebt haben, macht jedoch auch die jüngste Verschärfung nicht wett. Dementsprechend reagiert die Öffentlichkeit erneut empört: Während die einen kritisieren, dass die jetzt beschlossenen Regeln zu viele Schlupflöcher lassen, stellen andere in Frage, ob die Deutsche Börse das Regelwerk überhaupt einseitig ändern darf.

Beide Einwände sind eigentlich müßig. Mit den neuen Ausschlussregeln setzt die Deutsche Börse ein Zeichen - nicht mehr und nicht weniger. Die Grenze von einem Euro mag willkürlich gewählt sein. Ihre Wirkung muss die Regelung dennoch nicht verfehlen. Denn wenn der Markt an ein angeschlagenes Unternehmen trotz allem noch glaubt, wird er das Unterschreiten der Kursgrenze verhindern.

Dass die juristische Debatte erst jetzt aufkommt, verwundert insofern, als die Deutsche Börse sich nicht zum ersten Mal das Recht herausnimmt, das Regelwerk zu ergänzen. Bislang war ein Widerspruch jedes Mal ausgeblieben. Warum haben sich Rechtsexperten wie Foris nicht früher zu Wort gemeldet? In der Tat wäre allerdings auch die Deutsche Börse gefragt gewesen: Sie hätte die Juristen und die Wackelkandidaten rechtzeitig in ihre Änderungspläne einbeziehen müssen. Die beste Lösung ist es jedoch, wenn der Neue Markt durch das geplante vierte Finanzmarktförderungsgesetz zu einem öffentlich-rechtlichen Börsensegment wird. Dann sind die Spielregeln für alle klar und verbindlich.

Die gegenwärtige Diskussion mutet sowieso theoretisch an: Von den rund 30 Unternehmen, denen nach derzeitigem Stand wegen des niedrigen Aktienkurses und der geringen Marktkapitalisierung der Ausschluss vom Neuen Markt drohen würde, hat ein Drittel bereits einen Insolvenzantrag gestellt. Startup-Firmen, die nicht nur mit verfehlten internen Prognosen, sondern auch mit einer abgekühlten Konjunktur kämpfen, haben andere Probleme als den Verbleib in ihrem Börsensegment. Da die Notierung am Neuen Markt auch mit erheblichen Kosten verbunden ist, sind manche Vorstände vielleicht sogar froh, dass die Börse ihnen die bei Aktionären unpopuläre Entscheidung über den Abschied aus dem Neuen Markt abnimmt. Nur öffentlich sagen werden sie es nicht.

Grundsätzlich machen strengere Regeln nur dann Sinn, wenn sie zu mehr Transparenz führen. Dies ist etwa bei der Standardisierung der Quartalsberichte der Fall. Dagegen kann es nicht Aufgabe der Börse sein, die Treffsicherheit von Unternehmensprognosen zu kontrollieren. Derartige Forderungen führen die Idee des Neuen Marktes ad absurdum. Das Wachstumssegment bietet die Chance auf außerordentliche Renditen - zum Preis eines hohen Risikos. Auch der volkswirtschaftliche Nutzen eines überregulierten Wachstumssegments wäre fragwürdig: Viel zu lange scheiterten Firmengründer in Deutschland an übertriebenen Zweifeln der kreditgebenden Banken.

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