Debatte um Computerspiele
Ego-Shooter auf der Abschussliste

Der Lauf eines schweren Sturmgewehrs schiebt sich in einen dunklen Gang. Plötzlich springen zwei Uniformierte um die Ecke. Mit einem Mausklick oder einem Druck auf die Enter-Taste werden sie erschossen. Szenen wie diese aus dem Computerspiel Half-Life sind typisch für so genannte Ego-Shooter- oder 3D-Shooter-Spiele, die nach dem Amoklauf in Erfurt wieder einmal ins Gerede gekommen sind.

WiWo/AP FRANKFURT AM MAIN. "Was wir jetzt brauchen, ist eine größere Intoleranz gegenüber der Darstellung und Verherrlichung von Gewalt", verlangte Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber schon wenige Stunden nach der Bluttat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Und Bundesfamilienministerin Christine Bergmann will die Eindämmung von Gewalt verherrlichenden Programme in eine Gesetzesnovelle zum Jugendschutz aufnehmen, die seit eineinhalb Jahren in Vorbereitung ist.

"Wir wissen nicht, was das eigentlich soll", sagt der 24-jährige Bremer Rami Allouni, Teamcaptain der deutschen Counter-Strike-Mannschaft bei der derzeit laufenden Europameisterschaft. Counter-Strike (CS) sei ein taktisches Team-Spiel, bei dem man mehr überlegen müsse als ständig zu schießen. Zudem sei die Trennung zwischen Spiel und Realität allen bewusst: "Jeder sieht diese Pixel und weiß, dass sie nicht real sind."

Dass bei Counter-Strike heftig geballert wird, um das eigene Überleben zu sichern, ist für Allouni eher nebensächlich. Im Mittelpunkt stehe das taktische Geschick, das man erst nach mehrjähriger Spielerfahrung bekomme. "Wir alle sind entsetzt und erschüttert darüber, dass so etwas in Deutschland möglich ist", erklärte Allouni in einer Stellungnahme für die verschiedenen Web-Sites der CS-Szene. Es sei aber völlig abwegig, Computerspiele zum Sündenbock für die Bluttat von Erfurt zu machen. Die Community der Online-Gamer stelle einen Querschnitt der Gesellschaft dar.

Bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften steht am 16. Mai eine Entscheidung zur möglichen Indizierung von Counter-Strike an. "Ego-Shooter negieren in extremer Weise das Wertesystem unserer Gesellschaft", sagt die Leiterin der Prüfstelle, Elke Monssen-Engberding. "Der Spieler bekommt darin den Auftrag, Gänge zu durchstreifen und auf alles zu schießen, was sich bewegt." Die Bundesprüfstelle hat bisher rund 300 Computerspiele indiziert, womit Verkauf oder Überlassung an Minderjährige untersagt werden.

Mehr als 26.000 beteiligen sich an Online-Petition

Die Counter-Striker wehren sich dagegen, als jugendgefährdend eingestuft zu werden - damit wäre wohl auch die Unterstützung von Firmen für die beliebten LAN-Partys gefährdet. Mehr als 26.000 Spieler beteiligten sich bisher an einer Online-Petition der Zeitschrift "GameStar", in der es unter anderem heißt: "Ich spiele Counterstrike nicht, weil ich mich an der Gewaltdarstellung ergötzen will, sondern um des sportlichen Vergleichs willen."

Auch der Bremer Psychologe Ralf E. Streibl meint, dass die meisten deswegen in die Welt solcher Spiele eintauchen, weil sie den Thrill genießen, in Echtzeit auf unvorhersehbarer Ereignisse zu reagieren. "Nur weil jemand solche Computerspiele spielt, wird er nicht zu solchen Taten getrieben", sagte Streibl, der auch Vorstandsmitglied des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF) ist.

Starres Weltbild

Andere aber lassen sich nach Einschätzung Streibls von der Gewalt faszinieren, was oft mit verwandten Formen des Medienkonsums einher geht: eine Fixierung auf Waffen, eine Vorliebe für brutale Filme oder der einseitige Konsum von aggressiver Musik.

Die meisten Kinderpsychologen stimmen nach den Worten Streibls in der Auffassung überein, dass Kinder auch Aggression im Spiel erleben müssten, um den Umgang damit zu erlernen. Bedenklich sei es aber, wenn dabei der Eindruck vermittelt werde, dass Gewalt die einzige Möglichkeit der Konfliktlösung sei. Zudem versperre das von vielen Computerspielen vermittelte Weltbild einer starren Einteilung in Gut und Böse den Weg zu einem differenzierten Umgang mit persönlichen Problemen.

"Je weniger eine Vielfalt im Erleben da ist, desto weniger kann auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Umwelt stattfinden", erklärt Streibl, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Studiengang Informatik der Universität Bremen mit der Wirkung von gewaltbetonten Computerspielen beschäftigt.

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