Debatte um die Zukunft internationaler Gipfeltreffen
Für Afrika war der G 8-Gipfel ein Wendepunkt

In Genua wurde ein Marschallplan für den Schwarzen Kontinent beschlossen. Südafrika, Nigeria und Algerien schöpfen nach dem Gipfeltreffen der "Grossen Acht" neue Hoffnung. Derweil geht die Kritik an Genua weiter. Die Bundesregierung fordert schlankere Gipfel.

HB JOHANNESBURG/BERLIN. Im Westen bestimmten Chaos und Protest die Sichtweise des krawallumtosten G 8-Gipfels von Genua. Völlig anders dagegen bei den Ärmsten der Armen in Afrika, deren Interessen sich viele Demonstranten in der italienischen Hafenstadt verpflichtet fühlten. "Genua war der Wendepunkt bei der Definierung neuer Beziehungen zwischen dem Süden und Norden", zog der Sprecher des südafrikanischen Präsidenten, Thabo Mbeki, am Montag in Johannesburg ein zufriedenes Fazit. "Wir stehen am Anfang eines Neubeginns", betonte Sprecher Bheki Khumalo.

Die südafrikanische Zeitung "Business Day" sah sogar "ein neues Kapitel für Afrika" anbrechen. Auch nigerianische Journalisten ließen optimistische Töne anklingen. Die positive Sichtweise ist kaum überraschend. Denn die Spitzengruppe aus den mächtigen Industriestaaten sowie Russland haben in Genua prinzipiell eine Art "Marshall-Plan" gebilligt, der vor allem von Südafrika, Nigeria und Algerien als "Millennium Africa Recovery Programme (MAP)" ausgearbeitet wurde. Ergänzt um ein konkurrierendes Modell aus Senegal, wurde er den G 8-Vertretern in Italien als "Neue Afrika- Initiative" (New African Initiative/NAI) präsentiert.

Die G 8 reagierte positiv darauf, da der vom Welthandel fast völlig abgeschnittene Kontinent Afrika darin selbst Vorschläge für eine radikale Wende weg von seinem schlechten Image macht. Er will endlich weg von einem Image, das seit Jahrzehnten durch Kriege, Seuchen, Hunger, Korruption, Militärregime und Unterentwicklung bestimmt ist. Zu den wichtigsten Zielen zählt diese Initiative neben einem besseren Marktzugang für afrikanische Produkte in Europa eine aktive Bekämpfung von Armut, Krankheit und Gewalt, eine bessere technologische Anbindung sowie eine Schulden-Reduzierung.

Beim letzten Punkt befindet sich Afrika im Schulterschluss mit den Demonstranten in Genua. "Wir schätzen die Geste der Solidarität sehr, unterstützen allerdings keine Gewalt", sagte Mbeki nach der Rückkehr. Der afrikanische Entwicklungsplan, in dem sich die Mitgliedsstaaten auf Prinzipien einer guten Regierungsarbeit festlegen, soll bis zum nächsten Treffen in Kanada 2002 weiterentwickelt werden und einen Rahmen bieten. Die G 8 will ein Team benennen, das bei der Umsetzung des Planes eng mit den Afrikanern zusammenarbeiten soll.

Unterdessen ist eine Debatte über die Zukunft der G8-Gipfel entbrannt. Regierungssprecher Bela Anda sagte am Montag, die Bundesregierung dringe weiter darauf, beim nächsten G-8-Gipfel in Kanada die Zahl der Teilnehmer zu reduzieren und sich auf die "Wirtschaftskernthemen" zu konzentrieren.

FDP-Vize Rainer Brüderle verlangte, bei künftigen Gipfeln müsse es "weniger Polit-Disney" geben. Die Treffen seien "inhaltlich und personell überfrachtet". Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) beklagte bei der Globalisierung ein erhebliches Demokratiedefizit.Globalisierungskritiker von "Attac Deutschland" kündigten an, auch künftig bei G 8-Treffen zu protestieren. In Genua war ein Demonstrant durch den Schuss eines Polizisten getötet worden. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums waren unter den 300 festgenommenen Demonstranten 52 Deutsche, darunter 10 Gewalttäter.

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