Defensive Werte gefragt
Wall Street fürchtet Ende der Zins-Runden

Was eigentlich Grund zur Hoffnung geben sollte, hat Investoren am Wochenende eher verschreckt: Die US-Konsumenten geben weiterhin großzügig Geld aus und vertrauen auf die Zukunft. Das könnte sich zwar in ein paar Wochen und Monaten in den Quartalsergebnissen der Unternehmen niederschlagen. Aber die Wall Street denkt vorerst nur bis Dienstag. Dann entscheidet nämlich der Offenmarkt-Ausschuss der US-Zentralbank über weitere Zinssenkungen. Nach den jüngsten Konsumenten-Daten schwindet die Hoffnung auf eine Senkung der Zinsen um 0,5 %. Außerdem ist zu befürchten, es könnte der letzte Zinsschritt sein.

hus NEW YORK. Als Folge der verschlechterten Zinsaussichten ist eine vierwöchige Kurs-Rally zum Stillstand gekommen. Bei geringen Umsätzen sackten alle großen Börsenindizes zum Wochenschluss ab. Über die gesamte Woche gesehen verlor der Dow- Jones-Index der 30 wichtigsten Industriewerte 1,2 %; er steht jetzt bei 10 821 Punkten. Der breiter gefasste Standard & Poor?s-500-Index gab von Montag bis Freitag 1,7 % ab und schloss bei 1245 Punkten, der Sammelindex der Nasdaq sackte um 3,8 % auf 2107 Punkte ab.

Nach den Kursverbesserungen der letzten Wochen sind die Anleger jetzt verunsichert. Innerhalb von vier Wochen hatte die Nasdaq 30 % zugelegt, der Dow Jones Index hatte sich um 15 % verbessert. "Die Märkte waren über ihr Ziel hinausgeschossen", glaubt Marktstratege Alan Ackerman vom Investmenthaus Fahnestock & Co. "Jetzt brauchen sie irgendeine Unterstützung, wenn das Kursniveau sich halten soll." Der Impuls müsste von einer besseren Situation bei den Quartalsergebnissen kommen, meint Ackermann. Niedrigere Zinsen seien in den Kursen dagegen längst vorweggenommen. "Ein geringerer Schritt als erwartet könnte zu einer Sommer-Abkühlung führen."

Marktstratege Larry Wachtel von Prudential Securities hofft, dass die US-Zentralbank in ihrer Begründung Hinweise auf weitere Zinssenkungen gibt. "Wenn die Gouverneure vor einer weiterhin angreifbaren Konjunktur-Lage warnen, könnte das eine weitere Zinssenkung im Juni bedeuten." Trotzdem erwarten Experten, dass es nach der Zinsentscheidung am Dienstag eine Verkaufswelle geben wird, ähnlich wie es nach den Zinssenkungen in Europa dort zu Gewinn-Mitnahmen gekommen ist.

Tech-Aktien weiterhin von Kurseinbrüchen bedroht

In dem gegenwärtigen Szenario bewertete der Analyst der Investmentbank Bear Stearns, Andrew Neff, die Aktie des Computerherstellers IBM als ausgereizt. Im Hinblick auf die Umsatzaussichten für das zweite Halbjahr sei die Aktie bereits zu teuer. Darauf hin sackten IBM um 3 % ab und zogen den gesamten Technologie-Sektor mit sich. Doch ohnehin dürften die Technologie- Aktien weiterhin von Kurseinbrüchen bedroht sein. Nach einer Umfrage der Anleger-Zeitung Barron's unter prominenten Fondsmanagern glaubt die Mehrzahl der Befragten nicht an eine baldige und dauerhafte Erholung des Sektors. Außerdem gelten High-Tech-Werte nach den Kursverbesserungen der vergangenen Wochen wieder als vergleichsweise teuer.

Angesichts der gedämpften Hoffnung auf weitere, drastische Zinsschritte notierten auch zinsempfindliche Werte wie Banken und Finanzdienstleister schwächer. Die Investoren strömen wieder in defensive Werte, wie Energieversorger und Konsumgüter des täglichen Bedarfs.

So wechseln zurzeit je nach Nachrichtenlage die Favoriten. Marktstrategen empfehlen die Geldanlage breit zu streuen und sich nicht nur auf einen einzigen Sektor zu beschränken. Außerdem raten sie, die Erwartungen nicht allzu hoch zu schrauben. "Es sei daran erinnert, dass die Kursentwicklung immer wieder zum langfristigen Mittel zurückkehrt", sagt Louise Yamada von Salomon Smith Barney, "wir müssen uns wahrscheinlich an den Gedanken gewöhnen, dass sich die Kursverbesserungen der 90-er Jahre nicht mehr so schnell wiederholen, und dass wir es eher wieder mit Renditen um die 8 % zu tun haben."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%