„Degussa wird oft mit abgestraft, profitiert umgekehrt aber nicht, wenn es gute Nachrichten gibt“
Wenn die Chemie stimmt

An der Börse ging es in den vergangenen Jahren mit Degussa bergab. Die meisten Kennzahlen sprechen jetzt für einen Einstieg. Analysten sind noch zurückhaltend.

Auf den ersten Blick ein Schnäppchen: Der Spezialchemiekonzern Degussa ist unterbewertet, wenn man sich die üblichen Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs- Cash-Flow-Verhältnis (KCV) oder auch die Dividendenrendite und das Kurs-Buchwert-Verhältnis anschaut. Das KGV beträgt knapp 15, und allein die Dividendenrendite stellt mit vier Prozent das Sparbuch in den Schatten. Analysten sind sich trotz dieser Signale aber uneins, ob sie den Anlegern die Papiere des Dax-Wertes wirklich ans Herz legen sollen. Entsprechend verschieden beurteilen die Experten auch die Zukunft des Unternehmens.

So wie Degussa heute im Deutschen Aktienindex (Dax) neben der Konkurrenz BASF oder auch Bayer notiert, besteht Deutschlands drittgrößter Chemiekonzern erst seit Anfang dieses Jahres. Die Düsseldorfer Spezialchemiker sind auf sechs verschiedenen Geschäftsfeldern tätig: Gesundheit, Bauchemie, Spezialkunststoffe, Fein- und Industriechemie, Füllstoffsysteme und Performance-Chemie (etwa kosmetische Vorprodukte). So abstrakt die einzelnen Bereiche auch klingen, fast täglich wird man mit Degussa-Produkten konfrontiert, ohne es als Verbraucher zu merken: sei es beim Frühstück, wenn man Joghurt isst, oder bei der täglichen Hygiene, wenn man Duschgel oder Haarshampoo benutzt; ja sogar der Zahnpasta geben so genannte Starterkulturen von Degussa ihre geschmeidige Form. Auch Jugendliche könnten ohne die Spezialkunststoffe des Konzerns nicht Skateboard fahren, Skifahrer nicht die Berge und Gletscher hinunterwedeln.

Hervorgegangen ist die neue Degussa aus dem Zusammenschluss der Degussa-Hüls und SKW Trostberg. Eine Liebesheirat war diese Fusion allerdings nicht, wie Sibylle Bischofberger von der Bank Vontobel es sieht: "Der Großaktionär Eon wollte seine Chemietätigkeiten bündeln." Wegen der deutlichen Mehrheit des Energieriesen Eon konnten weder Braut noch Bräutigam den Plänen ausweichen. "Freiwillig wären beide aber nie zusammen gegangen", urteilt die Analystin. Nun konzentriert sich Degussa auf seine Kernkompetenzen. Das heißt, es wird vom Konzern alles verkauft, was nicht dazugehört. "Die Degussa ist sehr erfolgreich im Desinvestieren", sagt Bischofberger, konnte doch das Management attraktive Preise bei der Veräußerung einzelner Geschäftszweige erzielen. Genauso erfolgreich aber gingen die Düsseldorfer im laufenden Jahr auch auf Einkaufstour: So haben sie im Frühling das britische Unternehmen Laporte gekauft, wodurch sie im Bereich der Feinchemie expandieren können. Gerade im August wurde dann noch die Übernahme des Biotech-Zulieferers Proligio abgeschlossen. Das war bis dahin ein Gemeinschaftsunternehmen der Degussa-Tochter SKW American und des US-Konzerns Gilead. Die Düsseldorfer haben nun den Proligio-Anteil von Gilead vollständig übernommen. Dieser Schachzug beschert Degussa als Zulieferer Zugang zum Biotechnologiemarkt.

So viel zur Vergangenheit. Die Zukunft des Konzerns hängt aber auch von Eon ab: Nach wie vor hält das Energieunternehmen 65 Prozent. Doch diese muss Eon wegen der Übernahme von Powergen abbauen. Analysten schätzen, dass das gesamte Paket an einen Großinvestor verkauft wird, doch sicher ist dies nicht. "Kommen die Aktien geballt auf den Markt, brauche ich nicht zu sagen, was passiert", urteilt Bischofberger. Für die Analystin ist diese Befürchtung neben der Konjunkturschwäche der Grund, die Aktie nur mit "neutral" zu bewerten.

Die BHF-Bank ist optimistischer: Die Umstrukturierungen machen Degussa für Analysten Dirk Thiele zu einem kaufenswerten Investment. "Der Konzern hat ein sehr interessantes Portfolio." Mit seinen Produkten fülle er hauptsächlich Nischen erfolgreich aus und sei daher - genau wie seine Aktie - weniger schwankungsanfällig.

Ein anderes Indiz spricht für Thiele dafür, dass der Titel deutlich unterbewertet ist: "Das Kurs-Buchwert-Verhältnis ist sehr günstig." Degussa notiert seit einiger Zeit unterhalb oder in der Nähe des Buchwertes. Da der Buchwert die Unternehmenssubstanz darstellt und der Kurs nicht darunter notieren sollte, ist dies für Anleger ein Zeichen, dass der Pessimismus weit fortgeschritten und eine Trendwende wahrscheinlich ist. "Vergleicht man die verschiedenen Kurs-Buchwert-Relationen in der Chemie-Branche, ist Degussa eindeutig am günstigsten bewertet", erklärt Thiele. Nach Ansicht des Analysten leidet der Kurs zusätzlich unter Negativnachrichten der Konkurrenz: "Degussa wird oft mit abgestraft, profitiert umgekehrt aber nicht, wenn es gute Nachrichten gibt." Mit anderen Worten ist für Thiele das Unternehmen unverhältnismäßig oft der Sündenbock einer ganzen Branche und steht daher völlig zu Unrecht im Schatten der Konkurrenz.

Die positiven Aussichten teilt auch der technische Analyst Roger Vogt von der Deutschen Bank. Zwar liege ein "ungebrochener, primärer Abwärtstrend" vor, so beschreibt Vogt den Kursverlauf der Dax-Aktie. Dieser ist seit dem Höchstkurs von 63 Euro im Juli 1998 nach unten gerichtet und erreichte im September mit knapp über 20 Euro einen Tiefpunkt. "Dieses Kursniveau wurde zuletzt vor sechs Jahren erreicht." Doch das sei auch positiv, folgert der Analyst: "Der Weg bis 29,40 Euro ist weitgehend frei." Sollte sich der Kurs oberhalb von 30 Euro festigen, sieht er für langfristig und strategisch orientierte Investoren eine günstige Kaufgelegenheit.

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