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Deislers Rückschlag schockt FC Bayern

Knapp ein Jahr nach dem ersten Ausbruch seiner Depressionen haben die erneuten gesundheitlichen Probleme von Sebastian Deisler beim FC Bayern München große Bestürzung ausgelöst und wieder Zweifel an der sportlichen Zukunft des Nationalspielers geweckt.

dpa MÜNCHEN. Knapp ein Jahr nach dem ersten Ausbruch seiner Depressionen haben die erneuten gesundheitlichen Probleme von Sebastian Deisler beim FC Bayern München große Bestürzung ausgelöst und wieder Zweifel an der sportlichen Zukunft des Nationalspielers geweckt.

Der Arzt des 24-Jährigen konnte die schlimmsten Befürchtungen zwar zerstreuen, doch nach der hektischen Abreise des psychisch labilen Mittelfeldmanns am Vortag des Champions-League- Spiels bei Juventus Turin hatte die Führungscrew des deutschen Fußball-Rekordmeisters ihre Sorgen nicht verbergen können. "Ich bin kein Professor, aber Heilung in dem Sinn, dass es nie mehr auftreten kann, das ist schwierig. Es muss immer wieder weiter bekämpft und behandelt werden", sagte Manager Uli Hoeneß.

Deisler hatte sich im November 2003 öffentlich zu seiner Erkrankung bekannt und war anschließend mehrere Wochen in einer Münchner Klinik stationär behandelt worden. Er wollte sich erneut zu Spezialist Professor Florian Holsboer ins Max-Planck- Institut für Psychiatrie begeben. Noch vor der vom Verein angekündigten genauen Untersuchung widersprach der Mediziner in einer Erklärung den Vermutungen eines Rückfalls. Ein Vergleich mit der Situation vor elf Monaten sei nicht gegeben. Vielmehr handele es sich angesichts der Krankengeschichte Deislers um eine "natürliche Reaktion". Es sei normal, dass "das eine oder andere Symptom wieder aufflackert".

Bereits im April hatte Holsboer für viele überraschend die Heilung Deislers verkündet. Zuvor hatte er mögliche Rückschläge nie ausgeschlossen. Ob und wie lange Deisler dem FC Bayern nun fehlen wird, ließ Holsboer offen. Auch werde er sich weder zum Zeitpunkt noch zum Ergebnis einer möglichen Untersuchung des prominenten Patienten äußern. Im Vorjahr hatten Spieler, Arzt und Verein aus der Erkrankung kein Geheimnis machen wollen und waren von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen.

Der FC Bayern wollte unmittelbar nach der Erklärung des Mediziners keine Stellungnahme abgeben. In der Vorsaison hatte Deisler fast sechs Monate pausieren müssen und erst kurz vor Ende der Spielzeit sein Comeback gefeiert. "Wir sind so verblieben, dass wir uns im Laufe der Woche treffen", kündigte Hoeneß ein baldiges Gespräch mit Deisler an. Zudem äußerte der Manager die Hoffnung, dass Deisler - auch wegen seiner neuen Vaterrolle - diesmal besser mit den Problemen umgehen kann. "Ich glaube, dass das ganze Umfeld viel stabiler ist, weil das Kind jetzt da ist. Ich denke, dass das ein Stadium oder ein Zustand ist, wo das alles relativ schnell in den Griff zu kriegen ist, aus meiner laienhaften Beobachtung."

Die erneuten seelischen Probleme des Jungstars kamen relativ überraschend. Noch auf der Länderspielreise in den Iran Anfang des Monats hatte Deisler einen fröhlichen, extrovertierten Eindruck gemacht. Hoeneß waren jedoch schon vor einiger Zeit Veränderungen aufgefallen. "Man merkt, wie einer sich gibt im Gespräch, wie er einen anschaut. Ich hatte schon mal vor etwa zwei Wochen ein Gespräch, da habe ich ihn gefragt, ob was ist, und da hat er gesagt, es ist alles O.k.", so Hoeneß.

Auch Felix Magath berichtete von einer Wandlung Deislers. "Man fühlte, dass er im September nicht mehr so offen war wie noch Anfang Juli", sagte der Trainer. Nach einem exzellenten Saisonbeginn mit dem umjubelten Galaauftritt im Ligapokalfinale gegen Werder Bremen (3:2) war der 22malige Nationalspieler zuletzt in ein Leistungsloch gefallen und am Wochenende im Spiel gegen Schalke 04 (0:1) zur Halbzeit ausgewechselt worden. Bereits zuvor hatte ihn der Coach einige Male nicht für den Bayern-Kader berücksichtigt.

Der im Sommer 2002 für neun Mill. Euro von Hertha BSC verpflichtete Profi war nach dem Schalke-Spiel sowohl von Magath als auch von Münchner Medien hart kritisiert worden. Energisch trat Hoeneß jedoch Überlegungen entgegen, dass der Rückschlag mit der Behandlung durch den Trainer oder den Verein in Verbindung gebracht werden könnte. Indirekt deutete Magath jedoch an, dass er über die Rückkehr Deislers in die Nationalmannschaft nicht glücklich sei. "Dazu habe ich genug gesagt", so Magath.

Nach kurzfristigen Spekulationen über eine mögliche EM-Teilnahme im Sommer hatte der in seiner jungen Karriere auch durch viele Verletzungen gebeutelte Deisler Anfang September gegen Brasilien (1:1) nach einem Jahr sein Comeback im Nationaltrikot gegeben. DFB - Teammanager Oliver Bierhoff sah keinen Ansatz für ein verfrühtes Comeback: "Er war in unserem Kreis sehr locker, hat viel geredet und auch gescherzt. Ich denke nicht, dass die Nationalmannschaft ein zusätzlicher Druck für ihn war." Nationaltrainer Jürgen Klinsmann und er würden ihm einen Platz im DFB-Team reservieren. "Wir werden natürlich auf ihn warten", sagte Bierhoff.

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